Ein Kind adoptieren – und dann ab in die bezahlte Pause

Im Parlament läuft ein neuer Versuch, einen Mutterschaftsurlaub bei Adoptionen einzuführen.

Ob es ihr leibliches Kind ist oder nicht: Eine junge Mutter hat laut einem Vorstoss Anspruch auf Urlaub. Foto: Adam Haglund (Plainpicture)

Ob es ihr leibliches Kind ist oder nicht: Eine junge Mutter hat laut einem Vorstoss Anspruch auf Urlaub. Foto: Adam Haglund (Plainpicture)

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Nimmt ein Paar ein Adoptivkind bei sich auf, kann für die Familie eine harte Zeit anbrechen: Je nach Arbeitgeber haben Mutter und Vater täglich weiter im Büro oder auf der Baustelle zu erscheinen – freie Zeit, sich an das neue Familienmitglied zu gewöhnen, ist ihnen vom Bundesrecht her nicht vergönnt. Damit werden sie weniger freundlich behandelt als Eltern, bei denen sich der Nachwuchs auf biologisch-natürliche Weise einstellt: Für die Mutter sieht das Gesetz in diesem Fall einen Urlaub von 98 Tagen vor. Der Bundesrat findet die Ungleichbehandlung gerechtfertigt, wie er vor einiger Zeit festhielt: «Der Mutterschaftsurlaub fördert nicht nur die Mutter-Kind-Beziehung, sondern dient auch der Erholung nach Schwangerschaft und Geburt.» Eine Adoptivmutter darf aus bundesrätlicher Sicht an den Arbeitsplatz befohlen werden, da sie keine Schwangerschaftsbeschwerden hinter sich hat.

Trotzdem steigt nun der Druck, die Situation der betroffenen Familien zu verbessern: Nächste Woche wird die ­Sozialkommission des Ständerats über einen Mutterschaftsurlaub nach Adoptionen beraten. Angestossen wird die Debatte vom Kanton Neuenburg, der eine entsprechende Standesinitiative beim Parlament in Bern deponiert hat. Der Tessiner CVP-Nationalrat Marco Romano freut sich über die Unterstützung aus der Westschweiz: Er kämpft mit einer parlamentarischen Initiative für das gleiche Anliegen. «Ein Adoptionsverfahren dauert Monate, man reist sehr viel herum, muss viel komplizierte Administration durchmachen. Das ist alles sehr belastend», sagt Romano. Der Bundesrat könne doch «nicht so tun, als sei eine Adoption das Gleiche wie ein Autokauf».

«Unser Land braucht Kinder»

Für die neuen Vorstösse hofft Romano nun auf ein besseres Schicksal, als es seiner Motion für «hart geprüfte Familien» vor einem Jahr beschieden war. Dieser Vorstoss für einen Adoptions-Elternurlaub wurde im Nationalrat abgelehnt, allerdings relativ knapp mit 98 zu 88 Stimmen. «Ich hatte den Fehler gemacht, für meine Motion im Vorfeld nicht zu werben, da mich ein anderes Geschäft in Beschlag nahm», sagt Romano. Bei seiner neuen parlamentarischen Initiative will er es besser machen. Auch das Neuenburger Kantonsparlament denkt taktisch: Um die Erfolgschancen zu erhöhen, fordert es in seiner Standesinitiative ausdrücklich einen Mutterschafts- und nicht einen Elternurlaub (wie noch Romanos letztjährige Motion): «Die Einführung einer Erwerbsausfallentschädigung für Adoptivväter ist derzeit schlicht und einfach nicht vorstellbar», heisst es in der Begründung.

Die Schweizerische Fachstelle für Adoption setzt grosse Hoffnungen in die anlaufende Urlaubsoffensive: «Es geht hier letztlich um die Gleichbehandlung aller Bürger», sagt Geschäftsleiter Rolf Widmer. Tatsächlich gibt es auch geografische Ungleichheiten. Gutgestellt sind Adoptiveltern zum Beispiel, wenn sie im Kanton Genf wohnen. Für sie sieht das kantonale Recht einen Elternurlaub vor, der dem «normalen» Mutterschaftsurlaub stark gleicht. Verschiedene Kantone (etwa ZH, SG, JU, VS, FR) sind zumindest ihren eigenen Angestellten gegenüber grosszügig, wenn sie Kinder adoptieren – das gilt auch für manchen privaten Arbeitgeber.

Vielerorts gibt es aber immer noch nichts. Nationalrat Romano, obschon ein «Freund des Föderalismus», möchte jetzt auf Bundesebene gewisse «Minimalstandards» setzen: «Unser Land braucht schliesslich Kinder.»

Caroni ist nicht überzeugt

Das sieht der freisinnige Nationalrat Andrea Caroni (AR) dezidiert anders. «Es ist nicht Aufgabe des Staates, die Kinderraten zu steuern.» Caroni überzeugen auch die restlichen Argumente für einen Adoptionsurlaub nicht – etwa dass Mutter und Kind Zeit bräuchten, sich aneinander zu gewöhnen. «Man darf ein Kind schliesslich gar nicht adoptieren, wenn man es nicht zuerst kennen gelernt hat.»

Und dann sind da natürlich die Kosten – mit ein Grund, weshalb der Adoptionsurlaub auch von Arbeitgeberseite skeptisch beurteilt wird. «Das Ziel müsste es eigentlich sein, die Sozialversicherungen zu entlasten, statt ihnen ständig neue Aufgaben aufzubürden», sagt Daniella Lützelschwab vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. Die Gewerkschaft Travail Suisse hält dem entgegen, dass es nur um wenig Geld ginge. Je nach Modell wären laut Travail Suisse etwa zusätzliche 3,5 Millionen Franken pro Jahr nötig. Falls nur die Mütter unterstützt würden, bräuchte es gar nur 2,8 Millionen (Berechnung für das Jahr 2010).

Eine reine Mütterlösung aber, wie sie Neuenburg explizit fordert, macht die Sache für Andrea Caroni nicht bekömmlicher. Im Gegenteil: «Diese Bevorzugung der Frau ist für mich ein zusätzlicher Grund, Nein zu sagen.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.11.2014, 20:24 Uhr)

Die Zahl der Adoptionen sinkt seit Jahren

Schweizerinnen und Schweizer wollen nach wie vor Kinder – sagt jedenfalls das Bundesamt für Sozialversicherungen: In einer Studie des Amtes von 2009 gaben 81 Prozent der befragten Kinderlosen an, dass sie später einmal auf Nachwuchs hoffen. Der Kinderwunsch im Land sei damit «sehr stark ausgeprägt», hielten die Autoren fest.

Umso auffälliger ist, wie die Zahl der Adoptionen seit vielen Jahren schwindet. 1980 wurden gemäss Bundesamt für Statistik 1583 Personen adoptiert. Bis in die 90er-Jahre blieben die Werte vergleichbar hoch, dann folgte der Niedergang – bis zum absoluten Tiefststand von 2013, als noch 425 Adoptionen zu verzeichnen waren.

Gemäss der Gewerkschaft Travailsuisse ist vor allem die Fortpflanzungsmedizin verantwortlich für die Abwärtskurve. Dank Techniken wie der In-vitro-Befruchtung sei es heute bedeutend einfacher als früher, selbst Kinder zu bekommen, hält Travailsuisse fest.

Mit strengen Auflagen verbunden

Ein weiterer Grund sind aber die Gesetze. «In den 80er-Jahren waren Adoptionen noch eine Art Privatbusiness», sagt Rolf Widmer, Geschäftsleiter der Schweizerischen Fachstelle für Adoption. Die Wende kam mit dem Haager Kinderschutzabkommen in den Jahren nach 1993. Eine Adoption im Ausland ist seither mit strengen Auflagen verbunden. Stets ist zuerst der Nachweis erforderlich, dass das begehrte Kind in seinem eigenen Land nirgendwo platziert werden kann.

Manche Staaten haben von sich aus gewisse Restriktionen ergriffen. Ein Mädchen oder einen Knaben zu adoptieren, sagt Rolf Widmer, «ist für Schweizer derzeit nur noch in drei Staaten verhältnismässig einfach möglich: Haiti, Russland und Thailand. Alle anderen Länder haben die Möglichkeit stark eingeschränkt.»

Würde der Bund also einen Mutterschaftsurlaub bei Adoptionen beschliessen, profitierte davon eine Minderheit, die in Zukunft wohl weiter schrumpfen wird. «Dass die Zahl der Adoptionen wegen eines solchen Urlaubs wieder wächst, ist zu bezweifeln», sagt Widmer.

Fabian Renz

(Tages-Anzeiger)

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