«Ein Mord, der die Schule veränderte»
Von Martin Beglinger. Aktualisiert am 14.01.2009 15 Kommentare
Bis heute fragt sich Schulleiter Prinzing: «Bin ich schuld, dass der Mörder von Paul Spirig frei herumläuft?»
Das Opfer: Reallehrer Paul Spirig
Am Morgen des 11. Januar 1999 sass der Schulleiter Andy Prinzing in seinem Büro und versuchte, einen Brief an seine Vorgesetzte zu schreiben, die Schulvorsteherin der Stadt St. Gallen. Es ging ihm schlecht an diesem Montag, denn er hatte wieder mal heftige Schmerzen wegen seiner lädierten Bandscheiben und zudem das ungute Gefühl, die Schulbehörden nähmen seine Sorgen nicht ernst genug. Deshalb wollte er noch einmal bekräftigen, was er bereits in den Monaten zuvor mehrmals schriftlich verlangt hatte, nämlich die dringliche Bildung einer «Arbeitsgruppe Integration». «Vor Weihnachten», hatte Prinzing am 22. Dezember 1998 an die städtische Schulvorsteherin geschrieben, «haben wir nun zum zweiten Mal eine massive Bedrohung von Eltern über uns ergehen lassen. Die schwangere Ehefrau des Lehrers musste mit allen Kindern für einige Tage zu Bekannten reisen. (…) Es stimmt mich nachdenklich, dass wir in der Ausübung unseres Berufes scheinbar langsam mit solchen Bedrohungszuständen leben müssen.»
Diese Sätze leuchteten auf Prinzings Bildschirm, als um 9 Uhr 40 der Lehrer Gerd Piller ins Büro des Schulleiters stürzte, vollkommen aufgelöst, und dem Schulleiter zurief, er solle ins Besprechungszimmer rübergehen, sofort!
Was darauf folgte, hat sich seither Hunderte Male im Kopf von Andy Prinzing wiederholt. Kein Tag, an dem er nicht an jenen 11. Januar 1999 denkt. Noch heute macht er einen grossen Bogen um jene Stelle im Besprechungszimmer 103, wo er damals seinen Lehrerkollegen Paul Spirig liegen sah, Arme und Beine angewinkelt, Blut vor dem Gesicht, die Augen weit aufgerissen, «erstaunte Augen», wie sich Prinzing erinnert. Er starrte auf den Bauch, suchte nach irgendeiner Bewegung, dann nach seinem Puls, aber da war nichts mehr. Paul Spirig war tot. Es roch nach Pulverdampf im Zimmer, ein Fenster stand offen, und Prinzing fuhr es durch den Kopf: Warum du, Paul? Warum ausgerechnet du? Dann lief er mit zittrigen Knien in sein Büro zurück, das keine zehn Schritte neben dem Besprechungszimmer liegt, und meldete der Polizei, ein Lehrerkollege im Oberstufenzentrum «Engelwies» habe Selbstmord begangen.
Andy Prinzing, mittlerweile 49, wirkt sehr ruhig, fast emotionslos, wenn er heute über die Ereignisse von damals spricht, eher wie ein Beobachter als ein Beteiligter. Es ist das Resultat von ungezählten Stunden in Supervisionen, von langen Auseinandersetzungen mit Tod und Traumatisierung und dem Sinn des Lebens. Die elende Wut und das Hadern in den ersten Wochen und Monaten sind verschwunden, und der Schulleiter hat «die Geschichte von Paul als Teil meines eigenen Lebens angenommen. Je bewusster ich es annehmen kann, umso besser.»
Fünf dicke Bundesordner im Büro des Schulleiters dokumentieren die Geschehnisse der vergangenen zehn Jahre, doch vieles hat Prinzing noch präsent, als wäre es gestern passiert. Aus Distanz kannte er Paul Spirig schon als Bub. Beide waren im gleichen Stadtteil Bruggen aufgewachsen, echte «Bröggler», wie die St. Galler sagen. Wirklich kennen und schätzen lernten sie sich jedoch erst, als Paul Spirig 1993 Reallehrer im neu erbauten Schulhaus «Engelwies» wurde, wo Andy Prinzing seit 1992 stellvertretender Schulleiter und 1995 dann Leiter wurde. Spirig war zunächst Primarlehrer gewesen, doch es zog den manuell begabten jungen Mann bald an die Realschule, weil dort nicht nur der Kopf gefragt war, sondern auch die Hand. In der Werkstatt, erinnert sich Prinzing, habe dem Paul kaum einer etwas vorgemacht.
Paul Spirig, Jahrgang 1962, wilde Frisur, Stoppelbart, gelegentlich etwas chaotisch, mit einer Vorliebe für orangefarbene T-Shirts, war der buchstäblich bunte Hund im Lehrerkollegium; ein junger Mann mit viel Energie und Idealismus, gelegentlich aber auch unbequem, denn er hielt nie zurück mit seiner eigenen Meinung. Andy Prinzing hat ihn als Kollegen erlebt, der an die Veränderbarkeit des Menschen glaubte und neue Formen des Lernens und Lehrens wagte. Und er hatte ein glückliches Händchen. «Kopf oder Zahl?» fragte er jeweils. Wer verlor, holte und zahlte den Znüni im Schulkiosk, den er selber geschreinert hatte. Paul hat meistens gewonnen. Das Leben war kein Spiel für ihn, und doch nahm er es spielerischer als manche seiner Kollegen.
Für Andy Prinzing war Paul Spirig «ein geborener Lehrer», denn er fand meistens einen guten Draht zu seinen Schülern. Als ihr Kumpel verstand er sich jedoch nie. Er war der Chef im Zimmer, und für diesen zählte zum Wichtigsten, dass die Klasse harmonierte. Dass alle dazugehörten. Für ihn war es gelebte Integration, Velotouren, Exkursionen oder Nachtwanderungen zu organisieren, wann immer er konnte. Und er lehrte die Jugendlichen, offen die eigene Meinung zu sagen, ob in der Schule oder zu Hause.
Paul Spirig hatte eine Klasse mit rund zwanzig Schülerinnen und Schülern, wovon vierzig Prozent Ausländer waren – nichts Besonderes für eine Realschule im Agglo-Westen von St. Gallen. Von den Schwierigkeiten mit der Schülerin Besarta Gecaj erfuhr Schulleiter Prinzing erstmals im Oktober 1998, als ihn Klassenlehrer Spirig zu einem Gespräch mit den Eltern Gecaj bat. Die vierzehnjährige Besarta war die Tochter des Ehepaars Ded und Roza Gecaj, das einzige Mädchen von fünf Kindern. Ded Gecaj war 1991 aus Kosovo in die Schweiz emigriert und arbeitete seither als Gipser im Kanton St. Gallen. Drei Jahre später zog seine Familie nach, unter ihnen die damals neunjährige Besarta, ein zurückhaltendes, intelligentes Mädchen. Die Gecajs waren nicht wie die meisten Kosovaren muslimisch, sondern katholisch. Zunächst hatten die Eltern ihre Tochter an die katholische Sekundarschule St. Gallen geschickt. Doch Besarta bestand die Probezeit nicht, weshalb sie im November 1997 in die Klasse 2K von Paul Spirig ins «Engelwies» versetzt wurde. Besarta war eine unauffällige Realschülerin – bis auf die wiederholten Unterrichtsabsenzen. Ob es um Schulausflüge oder Schwimmunterricht ging, um Nachtwanderungen oder das kommende Winterlager, immer wieder hatte Lehrer Spirig mitunter heftige Diskussionen mit Ded Gecaj, weil dieser seine Tochter nicht mitgehen lassen wollte. Der Lehrer hingegen beharrte auf ihrer Teilnahme, was im Übrigen auch der offiziellen Haltung der Schulbehörden entsprach. So bewegte sich Besarta Gecaj dauernd zwischen zwei Welten, die sich gegenseitig fremd waren.
Was der Lehrer seit Juni 1998 ebenfalls von Besarta selber wusste: dass sie von ihrem Vater seit Jahren geschlagen wurde. Deshalb zog Paul Spirig auch eine Schulsozialarbeiterin für das Gespräch mit den Eltern bei. Dabei gab sich der Vater überraschend moderat und behauptete, es sei die Mutter, die ihre Tochter nicht ins Winterlager gehen lassen wolle, was jedoch nicht stimmte, wie Besarta ihrem Lehrer hinterher versicherte. Es war umgekehrt. Prinzing und Spirig boten den Gecajs ein separates Schlafzimmer für Besarta an, zugleich insistierten sie aber auf deren Teilnahme am Lager. Zugleich wurden weitere Hausbesuche bei den Gecajs vereinbart.
Die Bedrohung
Nach dem Gespräch erhofften sich der Klassenlehrer und der Schulleiter eine gewisse Entspannung der Situation, doch die trat nicht ein. Das Misstrauen von Ded Gecaj gegenüber Paul Spirig wuchs, er muss geahnt haben, dass seine Tochter sich immer wieder ihrem Lehrer anvertraut hatte. Der Vater, glaubten Spirig und Prinzing schon damals, sah im Lehrer eine zunehmende Bedrohung, dass er die Kontrolle über seine Tochter verlieren könnte.
Sechs Wochen später, am 11. Dezember 1998, hörte Andy Prinzing das nächste Mal von Besarta Gecaj. Es war der Tag, an dem Paul Spirig seine Schülerin von der Steinerbrücke in St. Gallen heruntergeholt hat, nachdem ihn zwei Mitschülerinnen gewarnt hatten, Besarta wolle sich dort das Leben nehmen, weil sie den Druck zu Hause nicht mehr aushalte. Spirig nahm das Mädchen zu sich nach Hause, wo bereits die halbe Klasse vor der Türe wartete. Er riet Besarta, sich an die Opferhilfe zu wenden, und von dort aus wurde sie noch am selben Abend in einem Mädchenhaus in Zürich in Sicherheit gebracht.
Jener 11. Dezember war auch der Tag, an dem Ded Gecaj erstmals drohte, den Lehrer seiner Tochter umzubringen. Der Vater war ausser sich, weil die Behörden ohne sein Einverständnis gehandelt hatten. Nun schaltete der Schulleiter die Polizei ein, und gemeinsam wurde beschlossen, die beiden Kinder von Paul Spirig sowie dessen schwangere Ehefrau bei Bekannten im Appenzellerland unterzubringen. Am selben Tag schrieb Paul Spirig einen langen Brief an die Vormundschaftsbehörde, der mit folgenden Sätzen schloss: «Morddrohungen sind ein Offizialdelikt. Die Polizei hat die Pflicht, diesen nachzugehen. Mit der Familie Gecaj muss ein absolut klares Gespräch mit der Androhung von Konsequenzen geführt werden. Ich weiss nicht, ob es in Ihrem oder meinem Interesse liegt, diesen Vorfall in der Öffentlichkeit publik zu machen.»
Noch vor Weihnachten beschlossen die Behörden, Besarta Gecaj per sofort in ein anderes Schulhaus und eine andere Klasse umzuteilen. Das war eine notwendige Deeskalation der Situation, aber die grundsätzlichen Probleme waren damit noch lange nicht gelöst, wie auch der Schulleiter wusste. Am 22. Dezember schrieb Andy Prinzing an die städtische Schulvorsteherin: «Mit der Krisenintervention wird nur reagiert. Vorbeugend wird nicht gewirkt. (…) Wir setzen im Grunde ja nur die Vorschriften um, die uns von der Verwaltung und der Politik vorgegeben sind. Und hier vermissen wir die Unterstützung der politischen Seite. Wir glauben aber auch, dass die Problemkreise der Oberstufe in der Politik gar nicht erkannt werden. (…) Wir spüren in unserer Arbeit wenig Unterstützung und vor allem keine Konzepte zu den Themen Integration, Elternarbeit, Verwahrlosung. Gerne würden wir an eine breitere Öffentlichkeit gelangen, wohl wissend, dass unsere Probleme auch gesellschaftlicher Natur sind. Die Angst vor einer Verschärfung der Problematik, beispielsweise der Fremdsprachigen, lässt uns vorsichtig sein.»
Es war beileibe nicht die erste Drohung, die Andy Prinzing als Schulleiter erlebt hatte. Doch auch bei jener von Ded Gecaj hatte er keine Sekunde lang ein Kapitalverbrechen befürchtet, erst recht nicht nach dem Beschluss zu Besartas Versetzung. Schiessereien an Schulen gab es für ihn in Amerika, aber nicht in St. Gallen-Bruggen. Selbst als er Paul Spirig in seinem Blut liegen sah, glaubte Prinzing instinktiv an Suizid, weil sich ein Jahr zuvor ein Lehrerkollege vom Nachbarschulhaus umgebracht hatte. Erst ein paar Minuten später, nachdem er von seinem Kollegen Gerd Piller erfahren hatte, dass dieser einen Mann mit einer Pistole aus dem Fensterdes Besprechungszimmers im Parterrehatte springen sehen, erst in diesem Moment begriff der Schulleiter, was dort vermutlich passiert war. Noch einmal rannte er zum Telefon, Minuten später war ein Grossaufgebot der Polizei vor Ort. Zu spät, der Mörder war schon fort.
In den folgenden Stunden und Tagen versuchte der Schulleiter einfach nur zu funktionieren. Krisensitzungen mit dem Schulamt, mit dem Care Team, mit dem gelähmten Lehrerkollegium, mit der Kripo. Und dann die mediale Invasion: Innerhalb von Stunden war das «Engelwies» von sieben TV-Sendern belagert; irgendwo zwischen Blitzlichtern und Richtmikrofonen der Schulleiter, der mit kaum hörbarer Stimme Auskunft zu geben versuchte und bat, man möge die Familie und die Schule in Ruhe lassen. Andy Prinzing schien wie ferngesteuert in einem surrealen Film.
Die vier tödlichen Schüsse auf den Lehrer Paul Spirig brachen mit einer Wucht über die Schweiz herein, wie man sie nicht mehr erlebt hat seit der Ermordung der Pfadiführerin Pasquale Brumann durch einen verwahrten Sexualtäter im Jahr 1993. Hunderte von Kondolenzschreiben aus halb Europa trafen im «Engelwies» ein. «Der Mord an Paul war kein Amoklauf mit einem zufälligen Opfer. Es war bis dahin nie vorgekommen, dass jemand beim Ausüben seines Berufes, letztlich bei einem starken sozialen Engagement zum Wohl von Kindern, ermordet wurde», sagt Andy Prinzing.
Fünfzehnhundert tief erschütterte Menschen nahmen eine Woche nach dem Mord Abschied von Paul Spirig. Seine Ehefrau Janine sagte an der Trauerfeier in der Kirche: «Dass gerade du, der immer das Ziel hatte, andere Kulturen zu integrieren, auf diese Art gehen musstest, ist mir unverständlich und erfüllt mich mit Ohnmacht. (…) Mögen wir trotzdem weiterhin den Mut haben, für Wärme und Menschlichkeit einzustehen. (…) Wer hätte gedacht, dass ich einst an deiner Beerdigung jenen Hut tragen würde, den du gar nicht mochtest an mir, weil ich mich damit vor dem Trubel der Medien schützen muss – unglaublich!» Es sind bis heute die letzten öffentlichen Worte von Janine Spirig geblieben.
Die Anschuldigung
Die ganze Trauergemeinde, ohnehin schon gelähmt vor Schmerz, war zusätzlich aufgewühlt von einem Gerücht aus dem Umfeld der Familie Gecaj, das der «SonntagsBlick» tags zuvor verbreitet hatte. Paul Spirig habe seine Schülerin Besarta sexuell missbraucht und der Vater mit diesem Mord die Ehre der Familie wieder herstellen müssen. Dieser Verdacht machte das Opfer zum Täter und den Mord – aus Sicht des Täters – zu einer Art Notwehr. Der Schulleiter war so fassungslos darob wie die Familie selber. Es folgte zwar rasch ein Dementi der Polizei, doch die üblen Gerüchte frassen sich weiter durch die Stadt und verstummten auch dann nicht wirklich, als die Polizei nach der Einvernahme von Besarta offiziell erklärte, dass tatsächlich ein sexueller Missbrauch stattgefunden hatte – aber nicht durch den Lehrer, sondern durch Ded Gecaj, den eigenen Vater.
Mit grösster Wahrscheinlichkeit muss Paul Spirig auch von diesem Missbrauch erfahren haben – von Besarta selber. Ob es tatsächlich so war, das weiss auch Andy Prinzing nicht mit letzter Sicherheit. Doch für ihn steht fest, dass hier das Mordmotiv liegt: Der Vater wollte keinen Mitwisser dulden, der ihn auffliegen lassen konnte. Denn der Missbrauch eines eigenen Kindes gilt unter Albanern als das schändlichste aller Verbrechen.
Das ist einer der Punkte in dieser Tragödie, bei dem sich Andy Prinzing auch nach Jahren noch immer die Frage stellt: «Warum habe ich damals nicht nachgefragt? Hätten wir nach dem Elterngespräch nicht merken müssen, dass noch mehr dahintersteckte als die bereits bekannten Probleme?»
Paul Spirig war allerdings auch kein Lehrer, der sich gegen aussen viel anmerken liess. Eher fand er: Das ist mein Problem, das muss ich selber lösen – «eine typische Lehrerhaltung», wie der Schulleiter nur allzu gut weiss. «Viele Lehrer werden lieber erst krank, als dass sie Hilfe von aussen holen.» Doch heute seien die Lehrer weniger Einzelkämpfer als noch vor zehn Jahren. «Ein Fall wie dieser wäre bei uns nicht mehr möglich», glaubt der Schulleiter. «Wenn es zu einem sexuellen Übergriff durch den Vater kommt und das Kind sich dem Lehrer anvertraut, dann erfahre ich innerhalb einer Stunde davon.» Denn im «Engelwies» gilt seither der strikte Grundsatz, dass ein Lehrer sein Wissen in solchen Fällen sofort teilt, womöglich auch mit der Jugendanwaltschaft und der Vormundschaftsbehörde. Auch bei Drohungen gegen Lehrkräfte, die man früher ziemlich hilf- und ratlos hinnahm, gilt für Prinzing heute null Toleranz, also sofortige Anzeige. Einmal pro Jahr wird eine Situation so brenzlig, dass er Eltern mitunter demonstrativ von der Polizei am Arbeitsplatz zu einem Gespräch abholen lässt.
Dass heute früher, gezielter und koordinierter im «Engelwies» interveniert wird, liegt auch an der intensivierten Schulsozialarbeit. Kurz nach dem Mord wurde sie aufgestockt – und vor allem fix ins Schulhaus geholt und nicht mehr nur bei Notfällen von aussen eingeschaltet. Die Schulsozialarbeiterin des «Engelwies» sitzt heute in jenem Büro, in dem Paul Spirig erschossen wurde. Nicht nur in St. Gallen, sondern im ganzen Land hat der Lehrermord der Schulsozialarbeit zum Durchbruch verholfen. Vor 1999 gab es sie einzig in der Stadt Basel, nachher wurde sie in fast allen Kantonen stark ausgebaut. «Eine Schule ohne Schulsozialarbeit könnte sich bei uns niemand mehr vorstellen», sagt Andy Prinzing.
Die Zeitenwende
Die grösste Zeitenwende bedeutete der Lehrermord jedoch bei der Integrationsproblematik. «Vor dem Mord», sagt Andy Prinzing, «konnte man die Schwierigkeiten mit den ausländischen Schulkindern und ihren Eltern nicht ansprechen. Die Gesellschaft hat zwar die Integration der Ausländer an die Schule delegiert, doch sie hat uns damit alleine gelassen. Der normale Schweizer Bürger integriert sich mit den Migranten gerade mal an der Migros-Kasse. Die Schule hingegen erlebt diese Probleme hautnah, von den Auswirkungen der Balkankriege bis zur Kopftuchfrage.»
Der Grund für die Mauer des Schweigens an den Schulen war klar. «Gerade als Lehrer wollte man sich nicht dem Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit aussetzen», sagt Prinzing. Nur ja kein Wasser auf die Mühlen der SVP leiten. Die gleiche Erfahrung machte auch die frühere SP-Nationalrätin Elisabeth Caspar-Hutter, die 1999 in St. Gallen als Lehrerberaterin tätig war. «Für mich handelt es sich manchmal schon fast um einen Stellvertreterkrieg, was sich da in der Schule abspielt, um einen Machtkampf zwischen den Repräsentanten von ausländischen Clans, Vereinigungen, Familien und den Lehrkräften und Schulbehörden als Vertretern unseres Staatswesens», sagte sie in einem Gespräch mit zwei Lehrkräften im März 1999. «Diese Probleme sind bei mir in der Supervision und Beratung hinter der verschlossenen Tür und dem Siegel der Verschwiegenheit nicht erst in den letzten Monaten, sondern schon seit Jahren thematisiert worden. Jetzt sind sie brutal auf den Tisch gekommen und wir müssen uns damit auseinandersetzen, damit wir imstande sind, klar zu definieren, was verhandelbar ist und was unsere unantastbare Kultur ausmacht.»
Nach dem Mord war das Tabu über «die verschwiegene Wirklichkeit» (Caspar-Hutter) an den Schulen endgültig gebrochen, in der Lehrerschaft wie in den Medien. Die Zeitungen quollen über mit bitteren Leserbriefen über eine «viel zu large Ausländer- und Asylpolitik». Derweil verlangten Lehrerverbände nicht nur kleinere Realschulklassen (auf zwanzig Schüler), sondern ebenso ein härteres Durchgreifen der Strafbehörden. Auch Andy Prinzing rückte damals wie so mancher seiner Berufskollegen politisch «nach rechts» und ist seither nicht mehr bereit, im Namen von Toleranz alles hinzunehmen. Das Pochen auf die Pflichten der Zugewanderten ist ihm ebenso wichtig geworden wie die Respektierung ihrer Rechte. Dass die Schule die Familie Gecaj mit ihren Integrationsansprüchen überfordert habe, wie die damals noch linksliberale «Weltwoche» behauptete, darüber kann Andy Prinzing auch heute nur den Kopf schütteln.
In den Wochen und Monaten nach dem Mord wurden Dutzende Papiere an den St. Galler Schulen verfasst und etliche Kommissionen eingesetzt, um Regeln über das Zusammenleben der Kulturen an den Schulen zu formulieren. Doch die schulischen Gremien spürten auch rasch ihre Grenzen, wenn sie über so grundlegende gesellschaftliche Fragen zu diskutieren begannen wie jene, welche Werte in unserer Kultur verhandelbar sind und welche nicht.
Vieles davon ist für Andy Prinzing Papier geblieben. Das vielleicht handfesteste Integrationsprojekt hat für den Schulleiter erst vor zwei Jahren begonnen: das Projekt «Elternarbeit». Alle zwei Monate findet im «Engelwies» ein Elternabend statt, der sich hauptsächlich an (kosovo-)albanische und serbokroatische Eltern richtet. Gerade die Albaner waren zu Beginn jedoch besonders skeptisch, weil sie dachten, die Schule müsse noch immer einen riesigen Hass auf sie haben. An den ersten beiden Abenden im Jahr 2006 verdrängte der Mord jedes andere Thema. Doch seither ist das Misstrauen geschwunden, und es erscheint rund die Hälfte der Eltern, wenn zwei Kulturvermittler auf Serbisch und Albanisch Themen wie Heimat, Pubertät, Sucht, Gewalt, Sexualität oder Berufsbildung zur Sprache bringen. Laut Prinzing ist das Vertrauen zwischen Schule und ausländischen Eltern seither deutlich gewachsen, auch wenn er immer wieder Fälle hat, in denen es Jugendliche beim Spagat zwischen der Schul- und der Familienwelt fast zerreisst. Dass Mädchen auf dem Weg zur Schule ihr T-Shirt wechseln und ein engeres anziehen, zählt dabei zum Harmlosen.
Die politischen Folgen
Auch politisch hat der Mordfall seine Spuren hinterlassen. Dass der Kanton St. Gallen seither schärfere Gesetze erlassen hat bei häuslicher Gewalt; dass gebüsst werden kann, wer nicht zum Elterngespräch erscheint; dass die Justizbehörden kriminelle Ausländer mitunter rascher als anderswo in ihre Heimatländer abschieben, dies alles sind Nachwirkungen des Lehrermordes.
Doch ausgerechnet im Fall Gecaj hat die St. Galler Justiz kapituliert, kapitulieren müssen. Sechs Wochen nach seiner Flucht wurde Ded Gecaj in der kosovarischen Kleinstadt Djakovica verhaftet, doch ausgeliefert wurde er trotz zehnjährigem diplomatischem und juristischem Gerangel zwischen St. Gallen, Bern, Belgrad und Pristina nie. Alle paar Monate schwappte jeweils eine neue Information in die Schweiz. Einmal ging das Gerücht, er werde ausgeliefert, ein andermal, er komme frei, dann erklärte er via «10vor10» aus der U-Haft: «Es ist eine unerfreuliche Sache, aber es kam einfach zu einem Punkt, wo ich es tun musste. Ich bereue nichts.» Im Dezember 2000 dann der Tiefschlag, als Gecaj von einem serbischen Gericht zu vier Jahren Haft verurteilt und hernach gleich wieder freigelassen wurde. Die dortigen Richter hatten alle erdenkliche Milde walten lassen und den Mord offensichtlich als Ehrenmord taxiert, wie vom Täter erhofft.
Dieses Urteil hat viel Bitterkeit hinterlassen in St. Gallen, auch weil es in grossem Widerspruch zu den Fakten stand, die das St. Galler Bezirksgericht im Prozess gegen Ded Gecajs Ehefrau Roza wegen Verletzung der Erziehungspflichten eruiert hatte. In jenem Verfahren hatte Besarta offenbart, dass sie seit dem zehnten Lebensjahr von ihrem Vater missbraucht worden war, zeitweise täglich, während die Mutter auf Verwandtenbesuch in Kosovo war. Das «St. Galler Tagblatt» nannte den Prozess ein «Protokoll der Folterung an Leib und Seele».
Am 27. September 2008 erreichte Andy Prinzing die bislang letzte Nachricht über Ded Gecaj. Das oberste Gericht in Kosovo unter Vorsitz eines amerikanischen Richters hatte ihn aus einer erneuten Auslieferungshaft entlassen. Einmal mehr war die Überstellung an die Schweizer Justiz gescheitert, um die man sich auch nach dem serbischen Skandalurteil im Jahr 2000 bemüht hatte. Und einmal mehr stellte sich Andy Prinzing die Frage: «Warum nur hast du es zu spät gemerkt? Hätten sie ihn gefasst, wenn du damals schon beim ersten Anruf einen Mord gemeldet und der Polizei den Tipp gegeben hättest, fahrt zum Gecaj an die Gerbestrasse? Die paar Minuten hätten vielleicht gereicht, um den Täter zu Hause zu verhaften. Diesen Vorwurf habe ich mir in all den Jahren immer und immer wieder gemacht: Prinzing, bist du schuld, dass er frei ist?»
Einen Prozess in der Schweiz, sagt Andy Prinzing, hätte er sich «nicht aus einem Bedürfnis nach Sühne gewünscht, sondern zur endgültigen Klärung der Tatumstände; als Möglichkeit zu einem Schlussstrich für alle Seiten». Er selber «kann damit leben, dass Gecaj frei dort unten lebt und vielleicht nie mehr ins Gefängnis muss». Denn das Leben habe Pauls Mörder auch so bestraft. Einer seiner Söhne ist im Jahr 2000 von einem Zug in Schmerikon überfahren worden, seine Frau Roza ist nach ihrer Ausschaffung aus der Schweiz ein gebrochener Mensch, und auch seine Tochter Besarta hat er wohl für immer und ewig verloren.
Am 11. Januar 1999 nahmen die Behörden Besarta Gecaj in Obhut, seither ist sie zu ihrem Schutz abgetaucht. Mittlerweile 24-jährig und St. Galler Bürgerin, lebt Besarta Gecaj heute irgendwo in der Schweiz unter neuem Namen und neuer Identität und dürfte jeden Tag beten, nie ihrem zweiten Bruder zu begegnen, der ebenfalls hier lebt und nach dem Mord in den Medien erklärt hatte, seine Schwester sei eine Lügnerin und habe Schande über die Familie gebracht.
Mit den Jahren schien Besarta öffentlich in Vergessenheit zu geraten, bis ihr dritter Bruder im März 2008 im albanischen Fernsehen auftrat und in der Sendung «Vermisste Menschen» nach seiner Schwester suchen liess. Gefunden hat er sie nicht, sondern einzig eine neue Welle von Verschwörungstheorien auf albanischen Internetforen bewirkt. Das Misstrauen gegen die Schweizer Polizei bleibt offensichtlich gross. Selbst unter einzelnen albanischen Gerichtsdolmetschern in der Schweiz kursiert noch immer die Theorie vom gerechten Ehrenmord.
Andy Prinzing mag sich nicht mehr darüber aufregen. «Rasend» macht ihn jedoch, wenn er in der Schule wieder auf die alten Reaktionsmuster trifft und den Eindruck hat, dass Probleme verharmlost und unter dem Deckel gehalten werden. «Ich weiss, was es heisst, wenn Lehrkräfte wirklich an ihre Grenzen kommen. Und ich habe gelernt, dass man die Probleme auf den Tisch bringen und breit streuen muss, sonst passiert gar nichts. Denn niemand bei den Behörden hat ein Interesse, genau hinzuschauen, weil man auch eine Lösung bieten müsste, wenn man die Probleme wirklich erkannt hat.»
Was den Schulleiter seit zwei Jahren besonders umtreibt, ist «die massive Zunahme der psychiatrischen Probleme der Schüler». Vor einem Jahr hat er dem städtischen Schulamt eine umfassende Stellungnahme dazu geschickt. «Doch das Einzige, was ich daraufhin gehört habe, war: Warum hast du dieses Papier auch noch so vielen anderen Leuten verschickt? Passiert ist seither nichts, die Probleme sind aber immer noch da.»
Die Erinnerung an den Mord ist am Verblassen, auch in St. Gallen. Die Lehrkräfte wechseln, die Schüler wechseln, neue Politiker sind im Amt. Im ersten Jahr war die Tragödie noch dauerpräsent, nach fünf Jahren hörte Prinzing erstmals an einer Behördensitzung: «Du bist halt vielleicht ein bisschen sensibilisiert durch den Mord.» Letztes Jahr hiess es bereits: «Du kommst immer mit diesem Mord!»
Ja, Andy Prinzing kämpft gegen das Vergessen, auch wenn er weiss, dass sich die Erinnerung nicht verordnen lässt. Er selber ist durch den Tod von Paul Spirigauf eine lange Reise in die eigene Familiengeschichte geschickt worden. Die Beschäftigung mit traumatisierten Menschenhat Prinzing siebenmal nach Russland geführt, in ein früheres sowjetisches Kriegsgefangenenlager, wo sein Vater 1945 gelandet war und worüber er gegenüber seinen Söhnen fünfzig Jahre lang geschwiegen hatte. Das Resultat dieser Auseinandersetzung ist die von Andy Prinzing mitgestaltete Ausstellung «Kälte, Hunger, Heimweh», die dieser Tage im Historischen Museum St. Gallen zu sehen ist.
Täglich läuft der Schulleiter an der Eiche vorbei, die in Erinnerung an Paul Spirig auf dem Schulhof des «Engelwies» gepflanzt wurde. Er freut sich darüber, wie schön und stark der Baum seither gewachsen ist, und er ärgert sich ein bisschen, wenn wieder mal ein Schüler gedankenlos die kleine Messingtafel zerkratzt hat, die an den 11. Januar 1999 erinnert.
Es wird keine offizielle Andacht geben am 11. Januar 2009 und auch keine Reden. Nur das Licht wird gelöscht sein im Lehrerzimmer, wie immer an diesem Jahrestag, und stattdessen wird eine Kerze brennen. (Das Magazin)
Erstellt: 14.01.2009, 09:09 Uhr
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Schweiz
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Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.






