Ein Volk gigantischer Nagetiere
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 14.10.2010 10 Kommentare
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Der längste Tunnel der Welt: Ab morgen hält die Schweiz wieder diesen Rekord. Mit grosser Feierlichkeit wird dann das letzte Teilstück durch den Gotthard durchstochen: Die beiden hausgrossen Maschinen Gabi I und Gabi II haben sich dann durch 57 Kilometer Granit gefressen.
Damit naht die Vollendung eines 153?Kilometer langen Tunnelsystems für gegen 20 Milliarden Franken. Die Festreden werden von Ingenieurskunst, Verkehrspolitik und Ökologie handeln. Und Bundesrat Leuenberger wird seine Formel vom «längsten Weltwunder» wiederholen. Aber niemand wird davon reden, dass hier eine Obsession vorliegt: dass die Bewohner der Schweiz offensichtlich vollkommen verrückt sind.
Andere bauen lieber in die Höhe
Andere Länder bauen ihre Monumente in die Höhe, in die Breite oder ins Prachtvolle. Ihr Stolz sind die Wolkenkratzer von New York, die Boulevards von Paris oder der Prunk der italienischen Palazzi. Die Schweiz hingegen ist das einzige Land, das seine ehrgeizigsten, teuersten, monumentalsten Bauten samt und sonders in der Erde versenkt. Schon bei der Gründung des modernen Bundesstaats war das Prestigeprojekt, für das ein ganzes Bankensystem aus dem Boden gestampft wurde, nicht das bescheidene Bundeshaus, sondern der damalige Rekordtunnel: der Gotthard.
Später, im Zweiten Weltkrieg, reagierte die Schweiz mit einer 40?Jahre andauernden Wühlarbeit: Das Militär durchlöcherte die Berge mit Tausenden von meist geheimen Festungen, gespickt mit Kanonen und Schiessscharten.
Im Kalten Krieg wurde die Schweiz zum Paradies ihrer Zementindustrie durch das perfekteste Schutzraumsystem der Welt: mit Bunkerplätzen für 120 Prozent der Bevölkerung. Für den Bundesrat errichtete man als Krönung drei Kilometer im Berg bei Kandersteg den luxuriösesten Kommandobunker der Welt: einen stählernen Palast, erdbebensicher auf Schienen gelagert.
Ein riesiges Wühlsystem
Unter der Erde liegen auch die berühmtesten Bauten des Landes: die Banktresore. Ihre Existenz ist selbst für Einheimische Legende: Laut Gerüchten findet man in Zürich und Bern unter Parade- und Bundesplatz gigantische Golddepots. Auch das grösste Labor der Schweiz ist unter dem Boden: der 27-Kilometer-Teilchenbeschleuniger-Ring bei Genf, wo 3400 Forscher den Urknall simulieren wollen.
Und das sind nur die Höhepunkte eines gigantischen Wühlsystems, das vom längsten Schmalspurbahntunnel der Welt (dem Vereina) über den neuen unterirdischen Zürcher Hauptbahnhof und den grössten Massenbunker (im Luzerner Sonnenbergtunnel, der 20'000 Menschen fasst) bis zu Europas einzigem atombombensicheren Tresorraum der Bank Wegelin in St. Gallen reicht. All diese Monumente sind ultrateuer. Alle diskret bis zur Unsichtbarkeit. Alle unbegehbar für die Öffentlichkeit.
Was werden die Archäologen sagen?
Was zum Teufel werden die Archäologen späterer Jahrtausende einmal über dieses Volk sagen? Etwas Freundliches über Understatement? Etwas weniger Freundliches über die Neigung reicher Völker zur Paranoia? Etwas Spekulatives über einen Kult, in dem riesige gottgleiche Nager im Zentrum stehen?
Klar ist nur, dass dies unser Vermächtnis an die Ewigkeit ist: das gigantische Wühl- und Tunnelsystem. Vielleicht wäre es Zeit, mehr Geld für die Gegenwart auszugeben: für Pärke und Prunkbauten, für Universitäten und Kinderkrippen, für Kunst- oder Feuerwerke, für Filme und Bonbons. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.10.2010, 21:34 Uhr
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10 Kommentare
Lieber Tunnels unter der Erde, als weitere Verschandelungen unserer schönen Schweiz an der Oberfläche. Die topografische Situation der Schweiz, erfordert geradezu diese unterirdischen Bauwerke. Oder wäre es sinnvoller gewesen, die Autobahn über den Gotthard-Pass zu führen? Ob die Schweiz das einzige Land der Welt ist, das seine grossen Bauwerke in die Erde versenkt, möchte ich stark bezweifeln. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.







