«Ein grosser Verlust, aller Kritik zum Trotz»

Der streitbare Medienkritiker Kurt Imhof ist 59-jährig in Zürich gestorben. Bekannte Branchenvertreter zeigen sich bestürzt.

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Der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof ist am Sonntagmorgen 59-jährig in Zürich gestorben. Die Schweizer Medienszene reagiert schockiert auf Imhofs Tod. Der bekannte Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann sagt auf Anfrage: «Kurt Imhof war ein unglaublich unterhaltsamer Mensch und hatte einen guten Humor. Kaum schlüpfte er in seine offizielle Rolle des Kritikers, konnte er unangenehm werden. Selten habe ich Persönlichkeiten getroffen, die so kontrastieren. Das hat mir gefallen.»

Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument sagt: «Ich wusste schon länger von seiner Krankheit. Die Nachricht kam nicht überraschend. Imhof war das Gewissen der Schweizer Medienbranche. Er war lästig, aber man nahm ihn stark zur Kenntnis. Wir haben uns mit ihm auseinandergesetzt. Er war ein wichtiger Mahner. Mit Professor Imhof ist jemand gegangen, der uns fehlen wird, auch weil er für Wirbel sorgte. Aber das gehört dazu und war sein grosses Verdienst.»

Für den Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss verliert die Medienwissenschaft mit Kurt Imhof eine wichtige und unermüdlich engagierte Kassandra, vor deren Prognosen die von ihr insgeheim geliebte Journalistenzunft gerne die Augen verschloss. Er hätte Besseres verdient. Vinzenz Wyss ist Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft, in welcher auch Kurt Imhof als Mitglied organisiert war.

Medienrechtler Peter Studer sagt: «Kurt Imhof, der vom Mechaniker zum Professor für Mediensoziologie umstieg, hat die oft verzerrte Debatte um Medienqualität wissenschaftlich und mit Statistiken unterfüttert- in seinen ‹Jahrbüchern zur Medienqualität›. Was die Verleger und viele von ihnen abhängige Journalisten irritierte: Er stellte nicht einfach Behauptungen auf, sondern begründete sie mit seinem Stab auf wissenschaftlich ernstzunehmende Weise. Zu Unrecht wurde er als ‚Linksideologe‘ gescholten. Dabei berief er sich auf die liberaldemokratischen Aufklärer des 19. Jahrhunderts und wandte ihre Forderung nach Medien, die der demokratischen Bürgergesellschaft ein Urteilsfundament geben, auf die Gegenwart an. Defizite benannte er hartnäckig. Bereits war er nahe daran, sein Rezept nach Deutschland und Oesterreich zu exportieren. Er wird uns fehlen.»

«Keiner lachte dazu lustiger als er»

Medienjournalist Hanspeter Bürgin schreibt auf Anfrage: «Ein grosser Verlust für die Medienschweiz, aller Kritik zum Trotz.» Auch Medienkritiker Christof Moser ist von Imhofs Tod tief betroffen: «Mit ihm verlieren wir eine wichtige Stimme im öffentlichen Diskurs, insbesondere in der Medienkritik. Imhof pochte auf Journalismus, der einer aufgeklärten Gesellschaft dient und nicht nur dem Gewinn der Medienkonzerne. Dabei ist er gerade von Journalisten oft missverstanden worden: Er kämpfte nicht gegen, sondern für uns. Vielleicht war es auch sein inspirierend wacher und kritischer Geist, der viele Medienschaffende gegen ihn aufbrachte: Imhof setzte leidenschaftlich und wortgewaltig Massstäbe gegen die Denkfaulheit. Was Imhof sagte, war nur selten zum Lachen, aber keiner lachte dazu lustiger als er. Auch dafür werde ich ihn in guter Erinnerung behalten.»

Auch an der Falkenstrasse nimmt man Imhofs Ableben mit Bestürzung zur Kenntnis. NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler: «Eine markante Persönlichkeit, die die medienkritische Debatte wesentlich geprägt hat. Ein Wissenschafter, der sich nicht im Elfenbeinturm verkrochen hat, sondern mit einem Löwenherz auch in der Öffentlichkeit für sein Lebensthema – die kritische Analyse der journalistischen Medien – gekämpft hat, gegen alle, teilweise feigen, Anfeindungen. Ein Mann, der mit seinem Enthusiasmus, seinem Witz, seiner Grosszügigkeit, Belesenheit und Brillanz die zahlreichen Kritiker in den intellektuellen Schatten gestellt hat. Ein Verlust für die Schweiz.»

NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer sagt: «Kurt Imhof war ein origineller Wissenschafter und ein Charakterkopf. Er war ein Linker, von dem auch die Liberalen lernen konnten, und er war ein Individualist mit Sinn für Freiheiten und Spielräume. Das gesellschaftliche Ganze war ihm ein zentrales Anliegen. Deshalb beobachtete er die Politisierungen und Schematismen der letzten Jahre – auch in der Medienwelt – mit Argwohn. Dass Imhof so früh verstorben ist, hinterlässt Trauer und Bestürzung.»

«Er stiess auf Stellen, die wehtaten»

Der langjährige Medienkenner Karl Lüönd zeigt sich am Telefon ebenfalls schockiert über Imhofs Tod: «Er hat unabhängig, ob man Imhof zugestimmt hat oder nicht, die Probleme der Medienbranche und die Medienwissenschaft selbst zum Thema gemacht. Obwohl er nicht gefeit war gegen Rechthaberei, stiess er auf Stellen, die wehtaten.»

Peter Röthlisberger, Chefredaktor des «Blicks am Abend» sagt auf Anfrage: «Ich bin erschüttert. Wir haben mit Kurt Imhof jedes Jahr darüber gestritten, wie man Qualität im Journalismus definiert. Angesichts dieser Tragödie, ist das kein Thema mehr. Es bleibt die Erschütterung, dass jemand so jung stirbt. Als Mensch war Imhof stets originell und interessant. Und er war mir sehr sympathisch.»

Medienwoche-Redaktionsleiter Nick Lüthi schreibt: «Kurt Imhof war ein Glücksfall für die Schweizer Medien – auch wenn viele Journalistinnen und Chefredaktoren dies nicht wahrhaben wollten. Mit seiner schonungslosen und wissenschaftlich fundierten Kritik der Leistungen von Zeitungen, Online-Medien, Radio und TV hielt er den Medien einen Spiegel vor, in den sie nicht gerne schauen wollten und stattdessen an der Beschaffenheit der Studien herummäkelten. Auch und gerade weil es manche Medien vorzogen, über Imhofs „Jahrbuch Qualität der Medien“ zu schweigen, befeuerte der Soziologe auf allen Kanälen die Debatte. Er meldete sich ungefragt per Mail, twitterte fleissig und konterte Kritik in Blogs und Online-Kommentaren. Wie kein zweiter Medienwissenschaftler ging er mit dem Gegenstand seiner Beobachtung auf Tuchfühlung. Der Verlust dieses Sparringpartners wiegt schwer. Es gab und gibt keine zweite Figur, die sich mit so viel Leidenschaft der Debatte hingibt und sie mit Schalk und Humor pflegt. Kurt, deine Stimme wird fehlen.»

Hier noch die Stimmen, welche die SDA eingeholt hat:

Stimmen aus der Medienszene sind überzeugt, dass die Schweiz einen Wächter über den Qualitätsjournalismus verloren hat. Er habe nicht nur den Medien den Spiegel «stets pointiert, streitlustig und kompetent» vorgehalten. «War nicht oft einig mit Kurt Imhof- doch seine bewundernswert starrköpfige Mission für gute Medien wird hoffentlich einst nachhaltig sein», twitterte etwa Philipp Landmark, Chefredaktor des «St. Galler Tagblatt». Aus der «Blick»-Redaktion schrieb Blattmacher Thomas Ley: «Ich lernte Kurt Imhof einst kennen als Professor, der grossartige Vorlesungen hielt. Und jetzt werd ich sogar seine Medienschelte vermissen.» Auch von Studentinnen und Studenten wird der Tod Imhofs bedauert. Er sei einer der am wenigsten abgehobenen und «gmögigsten» Dozenten gewesen, der neue Standards bei Studien zur Medienqualität gesetzt habe. Aber auch: «Kurt Imhof – kein Professor hat hat mich je so kunstvoll beleidigt in meinem Studium wie er, aber von wenigen wurde ich mehr motiviert.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.03.2015, 20:06 Uhr)

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