Schweiz

Ein «höchst bedenkliches Zeugnis» für die IV

Von Beat Bühlmann. Aktualisiert am 10.06.2011 33 Kommentare

Wenn sich am Arbeitsplatz psychische Probleme ergeben, wird die IV selten beigezogen. Und wenn, ist sie wenig hilfreich. Das zeigt eine Studie aus Basel.

Richtet sich mit einer Interpellation an den Bundesrat: SP-Nationalrätin Silvia Schenker.

Richtet sich mit einer Interpellation an den Bundesrat: SP-Nationalrätin Silvia Schenker.
Bild: Keystone

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Schwierige Situationen mit psychisch auffälligen Mitarbeitern sind in vielen Betrieben an der Tagesordnung. Personalchefs schätzen, dass der Anteil der «schwierigen» Mitarbeiter bei 20 bis 30 Prozent liegt; in Kleinbetrieben, wo man sich besser kennt, sollen es gegen 50 Prozent sein. Dies ergab eine Pilotstudie, die das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) in Auftrag gab und an der sich über 1000 Führungskräfte und Personalverantwortliche in der Region Basel beteiligten.

Meistens wird gekündigt

Als «schwierige» Mitarbeiter gelten insbesondere Personen mit Depressionen und Persönlichkeitsstörungen, die allerdings oft als «Charakterprobleme» verkannt werden. Mit diesen Angestellten sind Chefs, aber auch Kollegen vielfach überfordert. So kommt es in 90 Prozent der von den Chefs als «gelöst» geschilderten Fällen zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses. «Es mangelt den Arbeitgebern nicht an Engagement, sondern an professioneller Unterstützung», sagt Studienleiter Niklas Baer von den Kantonalen Psychiatrischen Diensten Baselland. «In ihrer Hilflosigkeit wissen sie sich mit der Zeit nicht mehr anders zu helfen.» Diese Zwangsläufigkeit sei fatal, weil es sich genau um die Personengruppe handle, die später oft eine Rente bekomme – und die mit der 6. IV-Revision wieder integriert werden soll.

Entgegen ihrem Auftrag wird die Invalidenversicherung (IV) praktisch nie als Problemlöserin wahrgenommen. Sie war nur in 14 Prozent der schwierigen Fälle involviert, deutlich seltener als die Krankentaggeldversicherer. Und im Vergleich zu den externen sozialen Beratungsstellen und privaten Beratungsfirmen wurde die IV «weniger häufig als hilfreich wahrgenommen», wie es in der Studie heisst.

Antworten vom Bundesrat

In über der Hälfte der Fälle fand weder eine Beratung zum Umgang mit dem Mitarbeiter noch zu allfälligen Arbeitsplatzanpassungen statt. Dabei wäre der IV aufgetragen, mit Früherkennung und Frühintervention die psychisch angeschlagenen Mitarbeiter im Arbeitsprozess halten zu können.

Die IV müsse «in die Offensive», um die Arbeitgeber bei der Integration begleiten zu können, verlangt Barbara Gutzwiller, Direktorin des Arbeitgeberverbandes Basel: «Heute fühlen sie sich oft allein gelassen.» Die IV müsse schneller, präziser und kompetenter beraten, fordert auch Psychologe Niklas Baer. Er bedauert, dass das Bundesamt für Sozialversicherungen wenig Interesse zeigt, die Pilotstudie landesweit auszudehnen und damit Lösungsansätze zu generieren.

Die Pilotstudie stelle der IV ein «höchst bedenkliches Arbeitszeugnis» aus, sagt die Basler SP-Sozialpolitikerin Silvia Schenker. Mit einer Interpellation, die sie nächste Woche einreichen wird, will sie vom Bundesrat wissen, welche Schlüsse er aus der Arbeitgeberbefragung zieht. Und was er zu tun gedenke, um die Integration von Menschen mit psychischen Problemen in den Arbeitsmarkt besser zu fördern.

IV hat «das Problem erkannt»

Stefan Ritler, beim BSV für die Invalidenversicherung zuständig, will das Ergebnis der Studie nicht schönreden. «Wir haben das Problem erkannt und wollen an der Front mehr tun», sagt Ritler. Zum einen müsse die Information über die Dienstleistung für die Arbeitgeber intensiviert, zum anderen aber die Beratung für Arbeitgeber kompetenter werden. «Doch die Arbeitgeber sind auch selber gefordert», sagt Ritler. «Die Vorgesetzten müssen wissen, wann sie Hilfe holen wollen.»

Nach ersten Erfahrungen mit Frühinterventionen sollen die Massnahmen weiter angepasst und flexibler gehandhabt werden. Zudem werden mit der 6. IV-Revision nochmals rund 300 neue Stellen geschaffen, um die berufliche Integration aus der Rente zu verstärken und die Arbeitgeber zu sensibilisieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2011, 20:38 Uhr

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33 Kommentare

Eddie Seiler

10.06.2011, 13:31 Uhr
Melden 43 Empfehlung

Nein, die IV hat das Problem nicht erkannt und wird die Probleme auch nie erkennen. Diagnose: Psychisch krank bedeutet, die Arbeitswelt grenzt sie aus, Politiker stempeln sie als Scheininvalide ab. Nicht die "Invaliden" müssen sich integrieren in die Arbeitswelt, sondern die Unternehmen in die Welt der Schwächeren. In einer Gesellschaft, die psychisch Behinderten eigentlich keinen Platz zugesteht. Antworten


Peter Schäfer

10.06.2011, 10:21 Uhr
Melden 25 Empfehlung

"Gegen 50% schwierige Mitarbeiter in Kleinbetrieben". Mit einer so offensichtlich falschen und unhaltbaren Angabe entwertet sich jegliche sogenannte Studie, wie kann man nur so einen Mist verzapfen. Wenn das BSV Geld übrig hat um derlei Arbeiten in Auftrag zu geben so ist dies mehr als bedenklich. Antworten



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