«Ein politischer Fehlentscheid»

Von Claudia Blumer. Aktualisiert am 26.04.2011 139 Kommentare

Der Bund vernichtet Impfdosen gegen die Vogel- und Schweinegrippe im Wert von 56,4 Millionen Franken. Für die Kritiker der präventiven Anschaffung ist klar, warum diese überhaupt getätigt worden ist.

Die Anschaffung des Impfvorrats war in der Politik heftig umstritten: Die Nationalräte Pius Segmüller (CVP/LU), links, und Mario Fehr (SP/ZH) lassen sich während der Wintersession 2009 gegen die Schweinegrippe impfen.

Die Anschaffung des Impfvorrats war in der Politik heftig umstritten: Die Nationalräte Pius Segmüller (CVP/LU), links, und Mario Fehr (SP/ZH) lassen sich während der Wintersession 2009 gegen die Schweinegrippe impfen.
Bild: Keystone

Impfstoffe für 56,4 Millionen vernichtet

Ende dieses Jahres wird der Bund die letzten 3,4 Millionen Dosen des nicht benötigten Impfstoffs gegen die Schweinegrippe zerstören. Damit hat die Schweiz gesamthaft Impfstoffe im Wert von 56,4 Millionen Franken vernichtet. Hinzu kämen Kosten von rund 200'000 Franken für die Vernichtungsaktionen der Impfdosen, sagte Jean-Louis Zürcher, Sprecher des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), am Dienstag gegenüber der NZZ.

Ende 2009 hatte der Bund 13 Millionen Dosen der Impfstoffe Celtura, Focetria und Pandemrix gekauft, um gegen die von der Weltgesundheitsorganisation WHO angekündigte Pandemie gewappnet zu sein. 84 Millionen Franken zahlte der Bund an die Hersteller Novartis und Glaxo Smith Kline. Die Schweinegrippe brach aber nicht im prognostizierten Ausmass aus. Im November 2011 verlieren nun die letzten in der Schweiz gelagerten Dosen Pandemrix ihre Gültigkeit und müssen verbrannt werden.

Bereits im letzten Jahr wurden 5,3 Millionen Dosen Celtura und Focetria zerstört. 1,8 Millionen der Schweizer Impfdosen wurden laut Zürcher zudem an die WHO sowie an den Iran verkauft und verschenkt. Tatsächlich gebraucht wurden in der Schweiz rund 2,5 Millionen Dosen. (sda)

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Wie gefährlich ist die Schweinegrippe? Als der Bund vor etwas mehr als einem Jahr für 84 Millionen Franken Impfstoff gegen das in Übersee grassierende H1N1-Virus kaufte, wusste man noch nicht, dass die Pandemie praktisch spurlos an der Schweiz vorübergehen würde. Auch der drei Jahre zuvor gegen die Vogelgrippe angelegte Impfvorrat, der den Bund 90 Millionen Franken kostete, wurde kaum angetastet.

Weil die Impfstoffe von relativ kurzer Haltbarkeit sind, müssen sie vernichtet werden, wie die «NZZ» berichtet. Teilweise seien sie schon vernichtet oder auch ins Ausland verkauft und verschenkt worden.

Ungehaltener Gesundheitsminister Couchepin

Der Kauf der Impfvorräte war in der Politik heftig umstritten und sorgte in den parlamentarischen Kommissionen für heftige Diskussionen. Der damalige FDP-Gesundheitsminister Pascal Couchepin hat sich in der Finanzkommission derart vehement für den umstrittenen Kauf eingesetzt, dass er angesichts des drohenden Neins zum Sonderkredit beinahe die Nerven verloren hätte. So erinnern sich Kommissionsmitglieder.

Auch in der Gesundheitskommission wurde der präventive Umgang mit der Vogel- beziehungsweise der Schweinegrippe kontrovers diskutiert. Die Kritiker von damals sehen sich heute bestätigt. «Es gab zu keinem Zeitpunkt klinische Indizien dafür, dass dieser Virus für die Bevölkerung eine Bedrohung ist», sagt Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne/SG), Ärztin und Mitglied der Gesundheitskommission. «Der Kauf war ein politischer Fehlentscheid. Man hätte sich nicht am Verlauf der Grippe in Mexiko orientieren dürfen, einem Land, in dem ein Teil der Betroffenen keinerlei Zugang zu medizinischen Einrichtungen hat.»

«Enormer Druck der Pharmaindustrie»

Der Grund, warum der Bund die Anschaffung in Millionenhöhe getätigt hat, war laut Gilli der «enorme Druck der Pharmaindustrie», der sich indirekt auf die Politik ausgewirkt habe. Dabei sei auf sehr subtile Art Angst verbreitet worden, wie Gilli sagt. «Zuerst einmal wurden die Stakeholder, das medizinische Fachpersonal, angegangen, und die Patienten.» Auch die Medien hätten bei der Verbreitung der Angst eine wichtige Rolle gespielt. «Jede saisonale Grippe endet für einige Betroffene tödlich. Beim H1N1-Virus wurde aber jede Komplikation medial ausgeschlachtet.»

Dies alles führe zu einer Erwartungshaltung, sagt Gilli. «Die Bevölkerung erwartet in einem solchen Fall von der Politik präventives Handeln. Wer anders argumentiert, wird nicht verstanden.» Widersprüchlicherweise seien aber während der Schweinegrippe zu keinem Zeitpunkt Reisewarnungen ausgesprochen worden. «Weil dies einen anderen Industriezweig empfindlich getroffen hätte.»

«Sicherheitsverrückte Gesellschaft»

Die freisinnige Nationalrätin Marianne Kleiner hat sich trotz Skepsis in der Finanzkommission für die Anschaffung der Impfvorräte ausgesprochen, wie sie sagt. Mit Kritik gegenüber dem Bundesamt für Gesundheit hält sie sich zurück. «Der Kauf dieser Impfstoffe gehört zu unserer völlig übertriebenen Sicherheitskultur. Jeder Strassenunfall bewirkt eine neue Sicherheitslinie, eine Tafel oder eine Verkehrsinsel.» Wir seien eine «sicherheitsverrückte Gesellschaft», sagt Kleiner. Auch die Militärausgaben seien im Grunde nichts anderes als jährlich wiederkehrende Prävention, die es bis jetzt «gottlob» nicht gebraucht habe.

Sie habe sich sehr geärgert über die Hysterie um die Schweinegrippe, sagt Kleiner. «Doch wie hätte die Öffentlichkeit reagiert, wenn der Bundesrat abgewartet hätte und die Grippe bedrohlich geworden wäre?» Auch die Tatsache, dass der Bund 13 Millionen Impfdosen gegen die Schweinegrippe gekauft hatte, weil anfänglich von Fachleuten gesagt wurde, es brauche zwei Dosen pro Person, kritisiert Kleiner nicht. «Es hat sich erst später herausgestellt, dass eine Impfdosis pro Person ausreicht.» Seltsam erscheinen ihr allerdings die kurzen Verfallsfristen, welche die Pharmaindustrie wohl mutwillig zu ihren eigenen Gunsten ansetze, vermutet Kleiner. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein Medikament nicht länger hält.»

Versicherung gegen die Pandemie

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verteidigt die Impfvorrats-Strategie. Diese sei nicht grundsätzlich verfehlt. Der Bund habe den Impfstoff als Versicherung gegen die Pandemie gekauft; bei keiner Versicherung sei klar, ob die Katastrophe tatsächlich eintrete. Mit der von der WHO erhöhten Alarmstufe habe die Bestellung des Impfstoffs nichts zu tun gehabt, sagt Jean-Louis Zurcher, Sprecher des BAG. «Die Bestellung des Impfstoffs erfolgte früher, mehrere Länder haben sich für den Impfstoff interessiert, so auch die Schweiz. Die Entwicklung des Stoffs dauerte sechs Monate.»

So oder so werde die Schweiz keine Schweinegrippe-Impfungen mehr kaufen, da der Wirkstoff inzwischen in der saisonalen Grippeimpfung enthalten sei. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.04.2011, 12:26 Uhr

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139 Kommentare

Beni Schärer

26.04.2011, 15:08 Uhr
Melden 69 Empfehlung

Und wieder hat es sich gezeigt: Lobbyisten und vom Volk gewählte "Volksvertreter" (schon bald ein Schimpfwort) die in irgendeinem VR sitzen,haben im Parlament und Bundeshaus nichts zu suchen. Nur noch Politiker die keine solchen Mandate innehaben, dürfen im Bundeshaus politisieren. So würde man endlich wieder zur Sach- und lösungsorientierter Politik zurückkehren. Antworten


Lukas Harder

26.04.2011, 14:47 Uhr
Melden 67 Empfehlung

Es braucht endlich Transparenz in der Politik, die Geldflüsse müssen offengelegt werden! JA zur Parteispenden-Initiative.ch! Antworten



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