Analyse

Ein übermässig strenges Urteil

Ein Gericht zieht den Persönlichkeitsschutz einer Möchtegern-Astronautin der Kritikaufgabe der Medien vor. Das Urteil wirft Fragen auf.

Astrophysikerin, aber keine Astronautin: Barbara Burtscher, fotografiert Anfang Februar 2010 in ihrer Wohnung.

Astrophysikerin, aber keine Astronautin: Barbara Burtscher, fotografiert Anfang Februar 2010 in ihrer Wohnung. Bild: Sophie Stieger

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Nun liegt das 50-seitige schriftliche Urteil vor: Am 24. Oktober hatte das Bezirksgericht Zürich TA-Redaktor Maurice Thiriet der üblen Nachrede zulasten der Physiklehrerin Barbara Burtscher schuldig gesprochen. Tamedia wird das Urteil, das grundsätzliche Fragen aufwirft, an das Obergericht weiterziehen.

«Befremdlich» findet Tamedia-Jurist Simon Canonica die Abwägung zwischen den Rechtsgütern, die das Gericht vorgenommen hat. Auf der einen Seite steht die Ehre einer jungen Physiklehrerin, die zwischen Sommer 2009 und August 2010 die (unberechtigte) Hochlobung in den Medien zur künftigen Astronautin zugelassen hatte. Auf der andern Seite geht es um die Wächteraufgabe freiheitlicher Medien, aus der heraus der Redaktor die Astronautenlegende der Lehrerin demontieren wollte. Canonica: «Das Gericht hat unseres Erachtens einseitig zugunsten der jungen Physikerin geurteilt.»

Streit um «Hochstaplerin»

Im Strafrecht ist nur der Ruf geschützt, ein «ehrbarer Mensch» zu sein – also nicht der Ruf eines guten Berufsmanns oder Politikers; dafür muss man zum Zivilrichter. In der Darstellung dieser und anderer Rechtsgrundlagen ist dem Bezirksgericht beizupflichten.

Dann aber kommt der Schlüsselausdruck «Hochstaplerin» zur Sprache – eine Zeile in Thiriets Text. Das Gericht zitiert die Sprachbibeln Duden und Wahrig. Aus den vielen Umschreibungen klaubte die Klägerin Burtscher ihre Quintessenz heraus, Thiriet stelle sie als Betrügerin dar, die andere arglistig irreführe. Man findet in den Sprachbibeln auch Harmloseres zur Vokabel «Hochstaplerin»: Prahler, Grosstuer, Aufschneider usw. Aber das Gericht sah überall «etwas Negatives», «schlechten Charakter», und zwar mit Berufung auf ein Bundesgerichtsurteil der frühen 50er-Jahre.

«Träumerin» auf dem «falschen Weg»

Es hätte auch ein jüngeres Bundesgerichtsurteil nachschlagen können: «Rote Anneliese», 9. März 2009. Wo verschiedene Interpretationen möglich seien, dürfe nicht leichthin angenommen werden, der Autor habe gerade die bösartigste gemeint, heisst es dort. Von «Betrug» und «Arglist» ist in Thiriets Artikel nirgends die Rede. Mehr noch: Hätte das Gericht die «Geschichte der Hochstapelei im 20. Jahrhundert» konsultiert («Felix Krulls Erben», Göttingen 2008), wäre es auf ein Zitat von Thomas Mann gestossen: Als knapp 70-Jähriger erinnere er sich an fantasiereiche Jugendspiele: «Was ich treibe, ist eine Art von harmloser Hochstapelei, die mir dient, die Grösse praktisch auszuprobieren, mich in traulichen Wissenskontakt mit ihr zu bringen.»

Genau das versuchte Burtscher eine Zeit lang. Astrophysikerin war sie laut Bachelor-Diplom der ETH zwar, Astronautin aber bei weitem nicht. Sondern freiwillige Ausbildnerin in einer museumsähnlichen Veranstaltung des Staats Alabama auf dem weiten Nasa-Gelände. Zweifellos strebte sie an, später in einen richtigen Nasa-Kontext zu gelangen. Der Schweizer Astronaut Claude Nicollier nannte sie deshalb eine «Träumerin» auf dem «falschen Weg».

Das Internet offenbart zahllose Medienmitteilungen über Burtscher und von Burtscher, Auftritte in allen Medien, von Burtscher gegengelesene Artikel, in denen sie sich als «unsere Frau bei der Nasa», als «Instruktorin im Nasa Education Center» – das es nicht gibt – vorstellen liess. Das Bezirksgericht Zürich schreibt, sie müsse viele Aussagen mitverantworten, die «unzutreffend oder nicht realistisch» seien. Zu Recht weist es den sorglos mitplappernden oder glorifizierenden Medien vielleicht entscheidende Mitwirkung zu.

Andauernde Selbsterhöhung

Und wo bleibt Thiriets Verschulden? Er hat die Unstimmigkeiten in Burtschers Saga eruiert. «Unfair erscheint dagegen, dass er der Klägerin den Artikel nicht mehr zum Gegenlesen gab», schreibt das Gericht. Das verlangt der Journalistenkodex allerdings nicht, zumal Thiriets Unterlagen grösstenteils archivierte Medienzitate waren. Dazu kommt, dass er auch Positives über Burtscher in den Text einbaute. Warum räumte er entgegen der Abmachung «nicht noch einen Tag ein, um weitere Dokumente entgegenzunehmen»? Weil die Klägerin nach dem Gespräch, nunmehr aufgeschreckt, ein Communiqué versandte, sie ziehe sich aus den Medien zurück und bitte, sich nicht bei Kleinigkeiten wie ungenauen Bezeichnungen in früheren Aussagen aufzuhalten.

Das liess Thiriet befürchten, am nächsten Tag breche die Hölle los. Hätte Thiriet späte, eher bescheidener anmutende Aussagen, etwa in einem Interview bei «Aeschbacher», stärker gewichten müssen? Vielleicht. Aber dem stand die Masse der lange andauernden Selbsterhöhungen in allen Medien entgegen. Wie schrieb das Bundesgericht im Entscheid «Rote Anneliese»: «Verhältnismässig unbedeutende Übertreibungen und Ungenauigkeiten sind unerheblich.» Von daher ist der Urteilskern, Thiriet sei sowohl der Wahrheitsbeweis wie der Gutglaubensbeweis misslungen, übermässig streng. Immerhin hatte er einen Ballon der Selbst- und Fremderhöhung aufgestochen.

Erstellt: 04.02.2013, 21:25 Uhr

«Von einer Reise in den Weltraum weit entfernt»

Medien- statt Weltraum-Odyssee: Die Geschichte einer Physiklehrerin mit hohen Zielen.

Eine Träumerin mag sie sein, eine Hochstaplerin ist sie nicht. So könnte man das Urteil des Zürcher Bezirksgerichts im Fall der Physiklehrerin Barbara Burtscher zusammenfassen. Der TA hatte Burtscher als «Hochstaplerin» bezeichnet und damit ihre Ehre verletzt. Zu diesem Schluss kam das Gericht im Oktober letzten Jahres. Nun liegt die schriftliche Urteilsbegründung vor, die zwar «Ungenauigkeiten» aufseiten Burtschers feststellt, ihr in ihrer Klage aber dennoch recht gibt.

Durch zahlreiche Medienauftritte hatte Burtscher in den letzten Jahren eine gewisse Berühmtheit erlangt. Die 27-jährige Ostschweizerin strebte eine Karriere als Raumfahrerin an. In den Medien war von einer «angehenden Astronautin» und «Nasa-Mitarbeiterin» die Rede.

Der betreffende TA-Artikel vom 17. August 2010 vermittelt laut dem Bezirksgericht den Eindruck, Burtscher sei weder eine angehende Astronautin, noch habe sie einen Job bei der Nasa. Vielmehr habe sie «die Öffentlichkeit bewusst darüber täuschen wollen».

Schein oder Sein?

Das Gericht prüfte deshalb, wie stark sich der von Burtscher verbreitete Schein vom tatsächlichen Sein unterscheidet. Dabei ging es auch um die Frage, ob sie sich zu Recht als «Nasa-Mitarbeiterin» bezeichnete. Burtscher arbeitete 2010 zwei Monate im «U.S. Space & Rocket Center» in Huntsville, Alabama. Das Zentrum teilt sich mit der Nasa das Gelände und ist auch personell eng mit dieser verknüpft. Das Gericht schloss deshalb, Burtscher sei zwar nicht bei der Nasa angestellt gewesen, habe aber für eine ihr «eng verbundene Institution» gearbeitet. Die Ungenauigkeit der Bezeichnung als «Nasa-Mitarbeiterin» sei «entschuldbar». Insgesamt sei Burtscher jedoch «von einer Reise in den Weltraum weit entfernt» gewesen.

Der Artikel des TA vergleicht das «U.S. Space & Rocket Center» mit dem Verkehrshaus in Luzern, da es sich um ein Besucherzentrum handelt, in dem keine Astronauten ausgebildet werden.

Nuancen und Nasa-Infrastruktur

Der Auftritt Burtschers in der Fernsehsendung «Aeschbacher» vom 17. Juni 2010 scheint für das Gericht entscheidend gewesen zu sein. In der Sendung gab sie an, keine Nasa-Astronautin zu sein, jedoch die Infrastruktur der Nasa zu nutzen. In der Folge warf das Gericht dem TA-Journalisten vor, diese Richtigstellungen nicht in seinen Artikel aufgenommen zu haben. Zwar habe Burtscher in anderen Fällen «unzutreffende und nicht realistische» Textpassagen abgesegnet und die massive Überhöhung durch die Medien zugelassen. Der Angeklagte habe jedoch nicht beweisen können, dass sie die Öffentlichkeit «aktiv und systematisch in die Irre geführt» habe.

Der Journalist wurde wegen «übler Nachrede» zu einer bedingten Geldstrafe von 6750 Franken verurteilt. Dazu kommen Gerichts- und Entschädigungskosten von insgesamt 12 000 Franken. (Lynn Scheurer)

Peter Studer

Rechtsanwalt Peter Studer war von 1978 bis 1987 TA-Chefredaktor. Von 2001 bis 2007 stand er dem Schweizer Presserat vor.

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