Einer von ganz unten

Seit 25 Jahren sitzt Paul Rechsteiner, SP-Politiker und oberster Gewerkschafter, im Nationalrat. Nun kandidiert er erneut, diesmal auch für den Ständerat. Was treibt den Mann an?

Keiner politisiert länger in Bern als der St. Galler: Paul Rechsteiner.

Keiner politisiert länger in Bern als der St. Galler: Paul Rechsteiner. Bild: Sabina Bobst

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Paul Rechsteiner (58) Sozialdemokrat aus St. Gallen, ist ein Ausnahmepolitiker. Weil er polarisiert wie nur wenige andere: geliebt wird, gehasst wird –und beides stets aus tiefem Herzen. Weil er Einfluss hat wie nur wenige andere: Als Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds vertritt er rund 380'000 Arbeitnehmer; das verleiht ihm Gewicht (findet auch sein SVP-Ratskollege Toni Bortoluzzi: «Er ist ein Leader»). Schliesslich, weil er eine Ausdauer hat wie nur wenige andere: Seit einem Vierteljahrhundert sitzt er inzwischen im Nationalrat. Kein amtierender Parlamentarier ist länger in Bern als er.

Im kommenden Herbst tritt Paul Rechsteiner erneut an, als Nationalrats- und, erstmals in seiner Laufbahn, auch als Ständeratskandidat. In normalen Zeiten hätte er sich nicht vorstellen können, für die kleine Kammer anzutreten, sagte er, als er in St. Gallen seine Kandidatur bekannt gab. «Aber es sind keine normalen Zeiten.»

Kein Volkstribun

Tage später im Bundeshaus. Paul Rechsteiner trinkt Kaffee und spricht von den «europaweit grotesken Fehlentwicklungen». Davon, dass die Steuerzahler, die mit gigantischen Investitionen das Finanzsystem hätten retten müssen, nun, wo sich die Lage etwas beruhigt habe, nicht belohnt, sondern bestraft würden. Indem das neoliberale Programm einfach weitergeführt werde. Vielerorts werde der Service public abgebaut, würden die Löhne und Renten gesenkt.

In der Schweiz hätten Rentensenkungen zwar bisher verhindert werden können. Vom Tisch seien sie freilich nicht. Gleichzeitig gebe es in der Gesellschaft «eine Feudalisierungstendenz». Hoch- und Tieflöhne würden sich in einem Mass auseinanderentwickeln, «das in der Schweiz bisher nicht vorstellbar gewesen» sei. Darum, sagt er, «ist es so wichtig, wie es im Herbst ausgeht».

Nichts Privates

Paul Rechsteiner spricht zwar nicht mehr wie früher im Überschall-Stakkato; ein rhetorisches Talent ist er aber noch immer nicht. Der oberste Arbeiterführer des Landes ist kein Volkstribun, der die Massen elektrisiert. Vielmehr tut er mit Vorliebe das Gegenteil dessen, was gemeinhin als sympathiefördernd gilt: Er tritt erneut zu den Wahlen an, obschon er bereits eine halbe Ewigkeit in Bern sitzt (in Zürich rebellierten die Jungsozialisten gegen Andreas Gross, Anita Thanei und Christine Goll, obschon diese allesamt weniger lang die Nationalratsbänke drücken als der St. Galler).

Auch gibt er sich gern ein bisschen sperrig. Möchte jemand den Menschen hinter dem Politiker sehen, blockt er ab. Mehr, als dass er mit der in Zürich wohnhaften Filmemacherin Irene Loebell verheiratet ist, gibt Paul Rechsteiner über sein Privates nicht preis. Auch sichtbare Emotionen haben bei ihm Seltenheitswert. Nur ausnahmsweise begegnet einem der Langzeit-Parlamentarier mit einem Lachen im Gesicht.

Er weiss, wovon er spricht

Paul Rechsteiner ist ein eigensinniger Politiker. Gleichwohl begegnen ihm Freund und Feind mit Respekt, manche gar mit Ehrfurcht. Pierre Triponez, Nationalrat der FDP und Direktor des Gewerbeverbands, bezeichnet den Gewerkschaftspräsidenten als «gewieft, hartnäckig und einflussreich». Dass er für die Interessen der Arbeitnehmer «mit harten Bandagen» kämpft, nimmt er ihm nicht übel. «Wir treten für unsere Interessen ebenso ein.»

Das Phänomen Rechsteiner liegt darin, dass er, obschon weder mit Obama-Charisma noch mit Ritschard-Charme gesegnet, seit Jahrzehnten zu den markantesten Figuren der Schweizer Politik gehört. Man findet ihn, je nach Perspektive, kämpferisch oder dogmatisch oder gefährlich. Nur kalt lässt er niemanden.

Wohl darum: Paul Rechsteiner weiss, wovon er spricht. Wenn er gegen Nettolöhne unter 3000 Franken, für Lohnkontrolle und Mindestlöhne antritt, referiert nicht der Theoretiker. Sondern einer, der selbst von weit unten kommt: aufgewachsen im Osten der Stadt St. Gallen, im Aussenquartier Neudorf, zusammen mit drei Geschwistern, der Vater Hilfsarbeiter, die Mutter Putzfrau.

Sensorium für oben und unten

Rechsteiner verweist, wie er seine Jugend schildert, auf den Bericht über den Landesverräter Ernst S. – das vielleicht stärkste Werk Niklaus Meienbergs, eines anderen Sankt Gallers. Das Leben des Ernst S. war karg: Der Vater schlug sich als Arbeiter und Nachtwächter in einer Färberei am St. Galler Stadtrand durch, die Mutter als Heimarbeiterin für die St. Galler Textilindustrie. «Dieses Leben», sagt Rechsteiner, «ist mir vertraut.» Wenn man aus solchen Verhältnissen komme, wisse man, wie Macht in der Gesellschaft funktioniere. «Es entsteht ein Sensorium für oben und unten.»

Wobei nicht nur die Erfahrung des Unten-Seins den Politiker geprägt hat, sondern auch die Möglichkeit, sich daraus zu emanzipieren. Er sei in einer günstigen Zeit aufgewachsen, sagt Rechsteiner. Verglichen mit einer Generation zuvor, habe sich die Chancengleichheit deutlich verbessert. «Plötzlich wurde es für Leute wie mich, die aus unterprivilegierten Verhältnissen kamen, möglich, die Piste nach vorn zu nehmen.»

Im katholischen Geist

Rechsteiner, aus sehr katholischem Haus stammend, Ministrant und Jungwächtler, trat in die katholische Sekundarschule ein. Sie ist in St. Gallen unter dem Namen Flade wohlbekannt und vom Ruf begleitet, eine Eliteschule zu sein. Dort, in der Lateinklasse, hätten zu Beginn alle den Beruf des Vaters vorgestellt: «Es gab Ingenieure, Redaktoren, Bankprokuristen – da konnte ich unmöglich mit Packer oder Hilfsarbeiter kommen.» Man entwickle in solchen Situationen Techniken, wie man sich irgendwie durchmogeln könne – und gleichzeitig eine Sensibilität für Machtverhältnisse.

Die erste Macht, an der er sich rieb, war die katholische Kirche. Wohl tat er als Bub mit Begeisterung in der Jungwacht mit, wo es «keine sozialen Hierarchien gab, dafür eine starke egalisierende Kraft: Alle waren gleich viel wert. Das war genial.» Weniger genial fand der Teenager später die päpstliche Unfehlbarkeit und andere katholische Dogmen. In der Kantonsschulzeit, als sich auch im eher beschaulichen St. Gallen das 68er-Virus zu verbreiten begann, folgten die Entdeckung der Rolling Stones und der Aufbruch nach links.

Danach: Jura-Studium an der Uni Freiburg. Werkstudent Rechsteiner verdiente es sich, indem er Schule gab. Zur temporären Heimat wurde die Freiburger Unterstadt, wo er in den Kreisen verkehrte, die auch der zehn Jahre ältere Niklaus Meienberg ab und zu frequentierte. Wahrgenommen hat Meienberg Rechsteiner damals freilich nicht. «Ich ging unter seinem Radar durch. Er hatte viel die grössere Röhre als ich.» Erst später kamen sie in Kontakt.

Anwalt mit exzellentem Ruf

Zurück in St. Gallen, eröffnete Rechsteiner zusammen mit einem Partner ein Anwaltsbüro. Sein Interesse galt vornehmlich dem Arbeitsrecht, dem Sozialversicherungsrecht und dem Strafrecht – «weil sich die Machtverhältnisse vor allem in diesen Bereichen spiegeln». Rechsteiner erwarb sich einen exzellenten Ruf als Strafverteidiger. Dass der prononciert linke Politiker im prononciert nicht linken Kanton St. Gallen stets gut gewählt wurde, erklären Beobachter auch mit der grossen Achtung, die Rechsteiner weit über sein Milieu hinaus als Rechtsanwalt geniesst. Nach wie vor verteidigt er regelmässig unspektakuläre Kleinkriminelle, Drogenabhängige zum Beispiel, die zur Finanzierung des eigenen Konsums ein bisschen gedealt hatten und dabei geschnappt wurden.

Was nicht heisst, dass der Politiker-Anwalt den grossen Auftritten aus dem Weg gehen würde. Sein bisher wohl prestigeträchtigster Fall lockte Medienleute aus der halben Welt in den Saal des St. Galler Bezirksgerichts. 1995 erstritt Rechtsanwalt Rechsteiner dort die Rehabilitation des St. Galler Polizeihauptmanns Paul Grüninger. Dieser hatte sich unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs über die Weisungen aus Bern hinweggesetzt und Tausenden von jüdischen Flüchtlingen die Einreise in die Schweiz ermöglicht. 1939 wurde Grüninger deshalb entlassen, 1940 verurteilt. 1972 starb er verarmt und vergessen in St. Gallen.

Der Weg bis zur Rehabilitation des Flüchtlingshelfers war lang; das bürgerliche St. Galler Polit-Establishment legte sich quer, wo es ging. Heute ist die Stadt stolz auf ihren Helden und hat einen Platz nach ihm benannt. Der 1.-Liga-Fussballklub Brühl, traditionell der Klub des kleinen, weniger privilegierten St. Gallen und damit der Rivale des grossbürgerlichen FC St. Gallen, nennt sein Stadion im Osten der Stadt seit 2006 Paul-Grüninger-Stadion. Hier steht ab und zu auch Paul Rechsteiner am Spielfeldrand. Er ist ein Brühler seit Kindertagen.

Die Biografie als Treibstoff

1998 wurde Rechsteiner zum obersten Schweizer Gewerkschafter gewählt. Das Amt ist so etwas wie die institutionelle Entsprechung zu seinem Lebensthema: zum Einsatz für die unten und gegen die oben. Die Leidenschaft (seine Kritiker sagen: die Verbissenheit), mit der er das Thema seit Jahrzehnten verfolgt, gründe in seiner Biografie, sagt der Nationalrat. «Sie ist der Treibstoff, etwas verändern zu wollen.»

Oder dafür zu sorgen, dass sich etwas nicht verändert. Dass, zum Beispiel, bei den verbesserten Startchancen, seinerzeit so etwas wie Rechsteiners Eintrittsbillett in die Welt des Wissens, der Bildung und der Macht, nicht zurückbuchstabiert werde. «Es ist dramatisch, wenn die Ausbildungsperspektive wieder von der sozialen Situation des Elternhauses abhängig ist. Doch genau darauf steuern wir zu, wenn – wie derzeit etwa im Kanton St. Gallen – bei der Bildung gespart wird.»

Es geht um viel

Noch sind die eidgenössischen Wahlen sieben Monate entfernt. «Im Moment», stellt Paul Rechsteiner fest, herrsche in seinen Kreisen «grosser Pessimismus». Es bleiben sieben Monate Zeit, um den Klimawandel herbeizuführen.

Rechsteiner ist kein Theatraliker. Umso auffälliger, wenn er die Stimme einen Tick forciert: «Es geht um viel. Die sozialpolitischen Errungenschaften, die Menschenrechte – sie sind enormen Gefährdungen ausgesetzt.» Er fügt, weniger forciert und fast entschuldigend, an: «Ich empfinde mich nicht als unentbehrlich. Aber ich habe das Gefühl, ich müsse irgendwie mithelfen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2011, 19:57 Uhr

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