Energiestrategie 2050: BIP könnte um ein Viertel einbrechen

Wird die Energiestrategie 2050 des Bundesrates umgesetzt, habe das gravierende Folgen für die Wirtschaft: Zu diesem Schluss kommt eine von Economiesuisse in Auftrag gegebene ETH-Studie. Für Umweltverbände sind solche Berechnungen unhaltbar.

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Gemäss dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse sind die volkswirtschaftlichen Konsequenzen der Energiestrategie 2050 gravierender als bisher angenommen. Je nach Szenario rechnen die Wirtschaftsvertreter mit Einbussen von bis zu 25 Prozent des realen Bruttoinlandprodukts (BIP).

Bisherige Studien hätten volkswirtschaftliche Auswirkungen zu wenig beleuchtet, sagte Pascal Gentinetta, Direktor von Economiesuisse, in Zürich vor den Medien. Der Dachverband habe darum bei der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich eine Studie in Auftrag gegeben.

Bei dieser neuen Studie hätten die Wissenschafter andere, realistischere Annahmen verwendet als der Bund, begründete Gentinetta die nun dramatischen Einschätzungen zu den Folgen der Energiewende.

Insgesamt vier Szenarien wurden auf Basis eines Modells des allgemeinen Gleichgewichts durchgespielt. Berücksichtigt wurden dabei unter anderem 33 Länder, einen Rest der Welt und 43 Sektoren. «Das Besondere liegt in der Modellierung von Interdependenzen», sagte Peter Egger, Autor der Studie.

Modelliert werden etwa Interdependenzen zwischen Ökonomien durch grenzüberschreitenden Warenverkehr sowie Preis- und Mengenveränderungen von Energie-, Güter- und Dienstleistungsangeboten respektive -nachfragen als endogene Grössen.

Unsolide und gefährlich

Gentinetta betonte, dass bisherige Studien internationale Verflechtungen nicht in diesem Ausmass beachtet hätten. Zudem sei der Bundesrat in seinen Grundlagenstudien einfach von neuen Technologien ausgegangen. Dies sei unsolide und volkswirtschaftlich gefährlich.

«Trotz dem Glauben an die Innovationskraft der Schweizer Wirtschaft können wir nicht einfach so blind und naiv darauf vertrauen, dass der Fortschritt die ökonomischen Mehrkosten wettmachen wird», so Gentinetta.

Vier Szenarien

In den vier simulierten Szenarien der neuen Studie gehen die Forscher der KOF von unterschiedlichen Situationen aus; beispielsweise von der beschlossenen Klimapolitik gemäss dem revidierten Co2-Gesetz (Copenhagen Accord).

Weiter werden Szenarien durchgespielt bei einer Energiepolitik, die eine Abgabe von 1140 Franken pro Tonne Co2-Emissionen vorsieht, zusätzlich werden in Varianten der Ausstieg aus der Kernenergie mit Substitution durch Erdgas respektive Erdgas und erneuerbare Energien simuliert.

Eine Kombination der geplanten Abgabe von 1140 Franken pro Tonne CO2 und dem Ersatz der wegfallenden Kernkraftkapazitäten durch Gaskraftwerke und erneuerbare Energien führe zu einem Rückgang des realen Pro-Kopf-BIP bis zu 25 Prozent. Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit um 3,5 Prozent wäre die Folge.

Unsinnig und dreist

Für Umweltverbände sind solche Berechnungen unhaltbar. «Die Studie nimmt Preise und Technik von vor 13 Jahren und geht davon aus, dass sich beides während 50 Jahren nicht verändert», schreibt etwa WWF Schweiz in einer Reaktion. «Als hätten wir heute noch Telefone mit Wählscheibe und Öl für 20 Franken pro 100 Liter». Die Studie eigne sich daher nicht, um für eine Prognose herangezogen zu werden.

Auch Greenpeace kritisiert, dass die Studie auf Daten des Jahres 2000 basiere - gemäss KOF die neueste umfassende und solide Datenbasis, die es zu diesem Zweck gab. Zudem sei das Bezugsjahr an sich nicht eigentlich bedeutend, da es lediglich als Vergleichszeitpunkt relevant sei. Für Greenpeace sind die Modellspielereien dennoch unsinnig und dreist.

Vors Volk

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse will es nicht bei der Studie und damit bei seiner kritischen Vernehmlassungsantwort bleiben lassen.

Er fordert nun eine gründliche Überarbeitung der Vorlage im Einklang mit einer liberalen Wirtschaftsordnung. Die Wirtschaftsvertreter wollen im Verlauf des Jahres ein Alternativkonzept vorlegen. Letztlich müsse die Energiestrategie 2050 vors Volk.

Mit der Energiestrategie 2050 soll in der Schweiz die Energiewende und insbesondere der Ausstieg aus der Atomenergie geschafft werden. Im letzten Frühling hatte der Bundesrat die Eckwerte präsentiert, Ende September schickte er ein erstes Massnahmenpaket in die Vernehmlassung, die an diesem Donnerstag abläuft. (fko/sda)

(Erstellt: 30.01.2013, 09:14 Uhr)

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