Schweiz

Er gab sich kokett statt konkret

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 12.07.2010 9 Kommentare

Der abtretende Bundesrat Moritz Leuenberger investierte Zeit, Ehrgeiz und Prestige in seine Reden. Dabei lieferte er wenig Konkretes, sondern Aneinanderreihungen von Assoziationen.

Der Versuch war kühn. Als erster Bundesrat setzte Moritz Leuenberger auf ein klassisches politisches Instrument: die öffentliche Rede. Nichts hat ihm so viel Applaus eingetragen, nichts so viel Verachtung.

Der Versuch war umso mutiger, weil er eine einzigartige Körpersprache hat: ebenso expressiv wie abweisend. Er selbst nannte seine Leichenbittermiene «einen physiognomischen Fehler»: Innen sähe es nicht so aus wie aussen.

In der Tat hatte er dramatische Voraussetzungen für einen vertrauenswürdigen Redner: Sein Lächeln erschien fast immer gequält, Scherze servierte er, als hätte man ihn beleidigt, und sein Unbehagen an Inszenierungen wirkte auffällig inszeniert. Sein Auftreten hatte im Wortsinn etwas Unmögliches: Oft glich er einem verkrampften Exhibitionisten oder einem miserabel gelaunten Clown.

Kein Volk der grossen Worte

Dieser Mann also riskierte ein politisches Mittel, das in der ganzen Welt benutzt wird, nur in der Schweiz nicht. Hier gibt es nur zwei Reden, die im öffentlichen Gedächtnis geblieben sind: die Anpassungsrede des Bundesrats Pilet-Golaz und der Rütli-Rapport von General Guisan. Von beiden ist nicht ein einziger Satz im Gedächtnis. Sondern nur die Haltung. Es war die Grösse der Entscheidung, die diese Reden unvergesslich machte: die Frage, ob man sich mit Nazi-Deutschland verbünden solle oder nicht.

Sonst wurden Schweizer Entscheidungen anders getroffen: in endlosen Vernehmlassungen. Politisch zählt eine andere Form der Überzeugungskraft als die einer grossen Rede: Hartnäckigkeit. Und Vernetzung. Dass Reden in der Schweizer Geschichte nicht gebraucht wurden, zeigt, wie stark die Schweiz immer ein Land war, das sich nicht entschied, sondern entwickelte.

Keine politischen Reden

Leuenberger hatte also, als er auf politische Reden setzte, keine Chance. Die Frage ist, ob er sie nutzte. Liest man seine drei Redenbücher nach, kommt man zum Schluss: Er tat es nicht. Und zwar aus einem einzigen Grund: Er versuchte es nie.

Leuenberger vermied jeden Versuch, durch seine Reden etwas zu entscheiden. Er hielt als Politiker fast nie politische Reden, sondern redete nur über Politik: über Demokratie, Gleichheit, Geschwindigkeit. Nie geht es um Zahlen, Namen, Daten, Konkretes oder Aktuelles. Wenn Zitate fallen, ist es immer Goethe, aber nie der Nationalrat X. In den Buchausgaben strich Leuenberger die letzten aktuellen Bezüge. Ein sanfter Schimmer von Ewigkeit erstickte jede Kontroverse.

Dazu passt die Strategie, in der Höhle des Löwen nicht von den toten Gazellen, sondern von der Wichtigkeit der Grasfresser im Ökosystem zu reden. Leuenbergers Grundsatz: «Ich rede beim Schwingfest, und zwar zur Solidarität. Auf dem Automobilsalon, und zwar zur Nachhaltigkeit. Bei den Bankiers, und zwar über ‹Das Lob der Gleichheit› ». Kurz, er sprach nie über das, was wehtat: am Schwingfest nicht über die SVP, am Automobilsalon nicht über Abgasnormen, bei den Bankiers nicht über das Bankgeheimnis.

Viele Wortspiele

Es ist diese Vermeidung von Risiko, die Leuenbergers Reden zu einer Versammlung von Schnörkeln macht. Hauptstilmittel ist das Wortspiel: Assoziation jagt Assoziation. Die Rede am Automobilsalon (zur Nachhaltigkeit) wird etwa an «Seine Majestät, das Automobil» gerichtet und mit Dutzenden «Auto»-Wörtern garniert: von Autokratie über Autogoal bis «out of office».

Leuenberger gab sich philosophisch statt polemisch, schwer an Gedanken statt an Schlagkraft, kokett statt konkret. Wie sehr zeigt der Vergleich mit seinem einzigen Konkurrenten als politischer Redner: Christoph Blocher. Während Leuenberger vom konkreten Anlass ins Philosophische sprang, kam Blocher von den Grundsätzen zu Plänen, Forderungen, Drohungen. Wo Leuenberger dem Publikum auswich, predigte Blocher vor Gegnern wie Gemeinde. Wo Leuenberger ironische Schnörkel und klassische Zitate wählte, bevorzugt Blocher klare Sprache und derbe Witze. Und wo Leuenberger Dilemmata der Politik darlegte, forderte Blocher Entscheidungen.

Kein Wunder sind deshalb die Reden des zarten Leuenberger eher heiter, die des bulligen Blocher fast immer düster. Entscheidungen fordern kann man nur, wenn die Lage finster ist. Jeder Retter braucht die Katastrophe. Das gehört zur Dramaturgie.

Im Amt spielte dies keine Rolle mehr. Leuenberger war erfolgreicher als Blocher: Er stemmte Projekte wie Neat, LSVA oder CO2-Steuer. Blocher nicht. Dieser Sieg liegt in der Natur der Sache: Leuenberger schaffte 15 Jahre im Bundesrat, Blocher nur vier.

Denn trotz aller Reden war Leuenberger ein traditioneller Schweizer Politiker. Und in Bern gilt: Beim Bohren der politischen Bretter heisst das Werkzeug nicht Pathos, Philosophie oder Witz, sondern Sitzfleisch. Auch Leuenbergers wichtigstes Argument war der Po, nicht die Pointe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2010, 22:03 Uhr

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9 Kommentare

Heinz Berger

12.07.2010, 16:09 Uhr
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Früher in den 90er fand ich ihn gut, seine Ansichten waren intelligent & nachvollziehbar; dann aber wurde ich über sein intregatives Verhalten in der Affäre Kopp informiert, zudem musste man erfahren, dass unser Strassennetz total vernachlässigt wird (worauf werden wir mit unseren Elektromobilen fahren?!!) Herr BR L.berger sie haben micht total enttäuscht! Das Ausbooten von Hr. Merz ist typisch Antworten


Thomas Heiss

12.07.2010, 16:34 Uhr
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Der Vergleich mit Blocher ist lächerlich. Bei den Namen Blocher zücken alle schon nein egal was er vorschlägt. Macht doch Politik wie in allen zivilisierten Ländern, mit Opsition, das ist nicht so verlogen. Antworten



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