Er ging schon als Teenager in der Wandelhalle ein und aus

Christian Wasserfallen gilt als Favorit für Philipp Müllers Nachfolge als FDP-Präsident. Der 34-Jährige sagt, er lebe für die Politik – wie einst sein berüchtigter Vater.

Christian Wasserfallen ist ein politischer Hardliner, aber ein freundlicher. Foto: Adrian Moser

Christian Wasserfallen ist ein politischer Hardliner, aber ein freundlicher. Foto: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Will er? Oder will er nicht? Christian Wasserfallen überlegt sich in diesen Tagen, ob er FDP-Präsident werden möchte. Sagt er zu, stehen die Chancen gut, dass er das Amt auch kriegt. Denn der Job ist nicht sonderlich begehrt. Zu zeitaufwendig. Zu nervenaufreibend. Zu schlecht bezahlt. Andere Anwärter wie Andrea Caroni, Karin Keller-Sutter oder Beat Walti haben bereits abgewinkt. Wasserfallen denkt darüber nach.

«Ich lebe für die Politik», sagt der Berner. Er zog mit 22 ins Stadtparlament ein, wurde mit 26 in den Nationalrat gewählt und war mit 30 bereits Vizepräsident der FDP Schweiz. Er hat also schon viel politische Erfahrung, obwohl er erst 34 Jahre alt ist. In der Wandelhalle des Nationalrats ging er schon als Teenager ein und aus – dank dem Badge seines Vaters Kurt Wasserfallen. Der inzwischen verstorbene Nationalrat und Stadtberner Polizeidirektor war landesweit bekannt für seine restriktive Drogenpolitik und seinen unerbittlichen Kampf für Recht und Ordnung.

Davon bekam auch Christian einiges mit – am Familientisch und in der Wandelhalle. «Ich habe meinem Vater viel zu verdanken», sagt der heute 34-Jährige. «Von ihm habe ich gelernt, wie man Politik macht, wie man lobbyiert und wie man mit den Medien umgeht.» Von ihm habe er auch gelernt, sich nicht zu verbiegen und sich selber zu bleiben.

«Christian hat es in den Genen», sagt seine Mutter Margret. Sie erinnert sich, wie ihr Sohn im Gymnasium gehänselt wurde. «Bullensohn», haben ihm die Schulkollegen nachgerufen. Und in der Klasse vertrat er als Einziger bürgerliche Positionen. Das weckte seine Lust am Politisieren. Er merkte: «Das kann ich.» Und so nahm Christian mit 18 am ersten Fondue-Essen der Jungfreisinnigen teil.

Seine Partnerin ist skeptisch

Bei den Jungfreisinnigen lernte Wasserfallen auch seine Partnerin Alexandra Thalhammer kennen. Die 36-Jährige ist heute Berner Stadtparlamentarierin und lobbyiert als Senior Consultant von Burson Marsteller. Sie soll nicht sonderlich erpicht darauf sein, dass ihr Partner FDP-Präsident wird. Wasserfallen selbst will dazu nichts sagen. Er hält aber fest, dass er auch das Privatleben in seine Erwägungen einbeziehen werde.

Andere gründen in seinem Alter eine Familie. Und die Familie hat bei den Wasserfallens einen hohen Stellenwert. Während Vater Kurt die beiden Nationalratsbadges an seine Söhne verteilte, hält Christian die Zutrittsausweise jetzt seiner Partnerin und seiner Mutter zu. Politik und Familie sind bei Wasserfallens eben eng verflochten. Das zeigte sich auch nach dem Tod von Vater Kurt: Sowohl Witwe Margret als auch die beiden Söhne wollten das politische Erbe weitertragen und strebten entsprechende Ämter an. Christian wurde Nationalrat, sein älterer Bruder Peter Stadtparlamentarier, Mutter Margret hingegen schaffte die Wahl ins lokale Parlament nicht.

Will jetzt Christian selbst eine Familie gründen? Und verträgt sich dies mit dem Amt eines Parteipräsidenten? Als Vize kann er in etwa erahnen, was auf ihn zukäme. Denn nach Philipp Müllers Autounfall übernahm er 14 Tage lang dessen Medientermine. «Recht happig» sei dies gewesen. Die schlechte Bezahlung hingegen wäre für Wasserfallen «kein Problem». Er wohnt mit seiner Partnerin bescheiden auf weniger als 90 Quadratmetern. Und er lebt ja wie bereits erwähnt für die Politik.

Immer wieder hat er sich für höhere Ämter beworben. Erst wollte er Nationalratspräsident werden, musste aber parteiintern Christa Markwalder den Vortritt lassen. Dann kandidierte er fürs Fraktionspräsidium, unterlag aber mit 16 zu 38 Stimmen gegen den Tessiner Ignazio Cassis. Diesem traute man den Job offenbar eher zu. Nun könnte es als Parteipräsident endlich klappen – auch mangels grosser Konkurrenz.

Die Schwyzer Nationalrätin Petra Gössi überlegt sich zwar ebenfalls eine Kandidatur. Doch sie politisiert erst seit vier Jahren in Bern. Und im Gegensatz zu Wasserfallen verfügt die 39-Jährige über keine Erfahrungen im Parteivorstand. Sie käme wohl vor allem dann zum Zug, wenn Wasserfallen absagen sollte. Etwa weil dieser lieber wartet, bis er 2018 die Nachfolge des Berner Regierungsrats Hans-Jürg Käser antreten kann. Oder weil er irgendwann doch noch in die Berner Stadtregierung einziehen will – wie einst sein Vater. 2011 hatte er eine solche Kandidatur noch abgelehnt. Er wollte Nationalrat bleiben und hielt ein Doppelmandat für un­seriös – anders als einst sein Vater.

Dieser starb 2006 vor Christians Augen. «Ich habe von einem Tag auf den anderen einen Leuchtturm verloren», erinnert sich der damals 25-Jährige. Erst wollte er alles hinschmeissen: die Politik, das Maschineningenieur-Studium und den Wahlkampf für die Nationalratswahlen. Doch dann entschied er sich anders, schloss das Fachhochschulstudium ab und wurde ein halbes Jahr später in den Nationalrat gewählt. «Ich widme diesen Sieg meinem Vater», sagte er am Tag nach der Wahl. Und noch heute fragt er sich oft, wie wohl sein Vater handeln würde. Würde er fürs FDP-Präsidium kandidieren? Sicher wäre er stolz, dass sein Sohn als Favorit gilt.

Doch steht Wasserfallen für dieses Amt nicht zu weit rechts? Laut dem Parlamentarier-Rating der Forschungsstelle Sotomo politisieren nur vier FDP-Nationalratsmitglieder noch weiter rechts als er, darunter auch Petra Gössi. Gefährlicher wäre für Wasserfallen eine Gegenkandidatur aus der Parteimitte – wie dies beim Fraktionspräsidium mit Cassis der Fall war.

Wasserfallen selbst schüttelt ob solchen Überlegungen den Kopf. Zum einen lägen die Positionen aller Freisinnigen nahe beieinander. Zum andern stehe er weniger weit rechts als Philipp Müller vor dessen Wahl. Das stimmt. Doch Parlamentarier innerhalb als auch ausserhalb seiner Partei sind gespannt, wie flexibel Wasserfallen als Präsident seine Positionen jenen der Partei anpassen könnte. Gilt er doch als eher «stur» und «linientreu».

Vater Kurt arbeitete in AKW

«Politisch ist er ein Hardliner», sagt Grünliberalen-Präsident Martin Bäumle. Aber menschlich könne er es sehr gut mit Wasserfallen. Egal, wen man fragt – ob Albert Rösti (SVP), Matthias Aebischer (SP) oder Andrea Caroni (FDP): Alle schätzen die umgängliche und humorvolle Art des Berners.

«Wasi», wie ihn seine Freunde nennen, mischt sich auch gerne unters Volk. Er spielt in einem Unihockey-Team mit Schreinern, Bankern und Secondos. Und von seiner Mutter kriegt er jedes Jahr ein Stehplatzabo des SC Bern geschenkt. Mittlerweile sei er aber öfter in der VIP-Lounge als im Stehplatzsektor, räumt der 34-Jährige ein.

Wasserfallen scheut sich auch nicht, unpopuläre Positionen zu vertreten. So hielt er nach Fukushima weiter zur Atomkraft, während andere Politiker linksumkehrt machten. Der Maschineningenieur wehrt sich gegen ein Verbot neuer AKW und hält die Energiestrategie des Bundesrats für unüberlegt. Als «Atomfan» will das Vorstandsmitglied der atomfreundlichen «Aktion für vernünftige Energiepolitik Schweiz» (Aves) jedoch nicht bezeichnet werden. Mit Emotionen habe dies nichts zu tun.

Wasserfallen ist aber zweifelsohne ein Technikfreak. Grosse Maschinen beeindrucken ihn. Und er muss stets das neuste Handy haben. Auch dies steckt wohl in seinen Genen. Vater Kurt arbeitete nach dem Chemiestudium beim AKW Mühleberg und machte sich für die Kernkraftwerke Kaiseraugst und Graben stark. Später wurde er als Berner Polizeidirektor zum Feindbild der Linken – zu «Kurt Wasserwerfer». Auf Geheiss seiner Regierungskollegen musste er 2003 in die Finanzdirektion wechseln.

All dies hat auch Christian geprägt. Er wollte auf keinen Fall Sicherheitspolitiker werden, um nicht als Kopie seines Vaters zu gelten. «Ich bin Christian, nicht Kurt», sagt er. Gleichzeitig kann er sich an keine grössere politische Differenz mit seinem Vater erinnern. Einzig im Berner Stadtparlament sind die beiden einmal aneinandergeraten. Christian stellte die Budgetannahmen infrage, die sein Vater als Finanzdirektor vertrat. Vater Kurt argumentierte im Namen der Regierung, und Sohn Christian wusste: «Könnte er frei reden, wäre er meiner Meinung.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.01.2016, 19:41 Uhr)

Artikel zum Thema

Der Zeitgeist ist rechts

Analyse Was Donald Trump, die Flüchtlingskrise und der islamische Terror mit der CVP und der FDP zu tun haben. Mehr...

Und die konservative Wende in der Schweiz wäre vollbracht

Gerhard Pfister und Christian Wasserfallen stehen für die rechten Flügel ihrer Parteien. Die SVP freuts, sollten diese an die Spitzen gelangen. Die SP auch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Sponsored Content

Tickets für «DAS ZELT»

Musikfestival, Comedy-Bühne und Weltklasse-Artistik.

Werbung

Kommentare

Sponsored Content

Entdeckungsreise unter Strom

Spannende Ausflüge in die Besucherzentren der BKW.

Die Welt in Bildern

Stolze Mama: Walross-Mutter Arnaliaq zeigt in Quebec ihren Nachwuchs (26. Mai 2016).
(Bild: Jacques Boissinot) Mehr...