Schweiz

«Er glaubt wieder, eine Mission zu haben»

Von Reto Hunziker. Aktualisiert am 06.01.2010 157 Kommentare

Ob geheime Darmoperation oder seine Anker-Sammlung: Christoph Blocher sucht in letzter Zeit wieder vermehrt die Öffentlichkeit. Experten wissen warum.

1/6 Selbstbeweihräucherung oder Partei-Kalkül? Christoph Blocher sprach am 2. Januar 2010 im Gasthaus Krone in Aarberg .
Bild: Keystone

   

Auf seinem eigenen Sender erklärte Christoph Blocher Ende Dezember unverhohlen, er habe als Bundesrat eine Darmoperation verschwiegen. Zwei Monate zuvor hatte er noch über seinen Besuch in Nordkorea referiert. Und Anfang 2010 stand er in Aarberg als Redner auf der Bühne. Ein Ziel hat der talentierte Rhetoriker Blocher mit seinen jüngsten Öffentlichkeitsaktionen mindestens erreicht: Er war wieder einmal Tagesgespräch.

Seit seiner Abwahl im Jahr 2007 bringt sich der Alt-Bundesrat immer wieder selbst ins Spiel. Sei es als möglicher UBS-Chef oder mit einer Bewerbung als Dozent für Wirtschaftsethik an der Uni St. Gallen. Zuletzt verglich sich Blocher in Aarberg mit dem legendären General und Bundesrat Ulrich Ochsenbein und gewährte Einblick in seine Sammlung von Albert-Anker-Bildern.

Kalkül oder Selbstbeweihräucherung?

Doch was steckt hinter diesen Auftritten? Parteistrategisches Kalkül oder reines Geltungsbedürfnis?

Für den Politologen Michael Hermann spiegelt er das Selbstbewusstsein der SVP wider, die sich klar in der Offensive befindet. «Es geht ihm gut. Er ist offenbar voll auf Touren, hat Energien gesammelt und ist optimistisch.» Grund dafür sieht Hermann unter anderem im Erfolg der Anti-Minarett-Initiative. Die Hoffnung, die SVP könne wieder zulegen, gebe Blocher Auftrieb. «Er glaubt wieder, eine Mission zu haben», so Hermann. Obwohl er vereinzelt schon als altersschwach abgeschrieben wurde, zeige Blocher, dass er – in guter Verfassung – immer noch eine brillante und dominante politische Figur sein könne. Aber auch sein Ego spielt eine Rolle – denn Blocher hat seine Abwahl aus dem Bundesrat nie richtig verdauen können: «Blocher braucht eine Bühne, er findet sich wichtig». Mit historischen Vergleichen wolle er sich selbst ein Denkmal errichten.

«Das Ruder fest in der Hand»

Dass Blocher in bester Verfassung ist, bestätigt auch PR-Experte Klaus J. Stöhlker: «Blocher ist nach wie vor der Chefstratege der Parteiführung. Er hat das Ruder fest in der Hand», so der Kommunikationsfachmann. Hinter seinen Auftritten stecke aber auch eine klare Strategie: «Das übergeordnete Ziel ist es, für die SVP 40 Prozent Wähleranteil zu erreichen.» Und Stöhlker ist sich sicher: «Die SVP braucht Blocher mehr denn je.» Und dieser habe genug auf der hohen Kante, um 10 Millionen Franken – so Stöhlkers Schätzung - pro Jahr für die Öffentlichkeitsarbeit aufzuwerfen.

Kritischer sieht die Sache Politbeobachter Iwan Rickenbacher: «Diese Auftritte haben nicht unmittelbar miteinander zu tun», glaubt er. Gerade was die Darmoperation oder den Besuch in Nordkorea betreffe, wisse er nicht, was Blocher damit bezwecken wollte. «Das ist für mich eher irritierend und nicht einschätzbar.» Dennoch attestiert auch Rickenbacher Blocher, ein «Führer im Wahlkampf» zu sein. «Wenn es darum geht, Säle zu füllen und zu mobilisieren, ist er unschlagbar.» Blocher sei immer noch ein Gewinn für die SVP. Rickenbacher vermutet bei Blocher aber auch eine andere Triebfeder für seine Aktionen, nämlich «die Gewissheit: ‹Mit dem, was ich denke und tue, bin ich wichtig für das Land›».

«Fast alles ist medial gedacht»

Andreas Ladner – ebenfalls Politologe – hingegen, findet Blochers jüngsten Auftritte nur logisch. «Blocher ist nach wie vor eine Person von grossem Interesse. Fast alles, was er tut, ist medial gedacht.» Ladner glaubt jedoch anders als Stöhlker nicht, dass das alles für die Partei passiere. «Die SVP steht ohne Blocher nicht auf verlorenem Posten.» Das habe der Erfolg der Anti-Minarett-Initiative gezeigt, der gänzlich ohne Blochers Hilfe zustande kam. «Womöglich ist es für die SVP ohnehin nicht das Beste, alles über Blocher laufen zu lassen», glaubt Ladner.

Ob für die SVP oder für sich selbst, Blocher demonstriert mit alte Stärke. Darüber sind sich die Experten einig. Auch wenn Klaus J. Stöhlker behauptet: «Ich habe seine Rede in Aarberg genau analysiert: da ist nichts Neues, es werden keine Lösungen präsentiert.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2010, 14:04 Uhr

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157 Kommentare

Hans-Christian Müller

07.01.2010, 11:11 Uhr
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@René Müller:"Wieviel Blocher braucht die Schweiz?" - Genau soviel, dass auch René Müller seine Analyse zum besten geben kann. Als parteilosem Beobachter fällt mir auf, dass die SVP wohl am meisten Diskussionsgrundlagen liefert, und das ist doch schon etwas. Wenn ich da Herrn Darbelley oder Herrn Levrat zum Vergleich heranziehe, wird mir übel. Aber eben: zum grossen Glück haben wir Blocher. Antworten


Ernst Bolliger

06.01.2010, 14:54 Uhr
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Die Zeit von Herr Blocher ist vorbei, egal ob man für oder gegen ihn war. Es wird auch eine Schweiz ohne Blocher geben. Antworten



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