Erb-Prozess: Marathon für den Staatsanwalt
Von Pia Wertheimer. Aktualisiert am 26.01.2012 25 Kommentare
Ackerte sich durch die Buchhaltung der Erb-Gruppe: Staatsanwalt Ralf Brugger. (23. Januar 2012) (Bild: Keystone )
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Geht es nach Staatsanwalt Ralph Ringger hat der Milliarden-Pleitier Rolf Erb massiv in die Abschlüsse verschiedener Erb-Firmen eingegriffen. Das machte Ringger am Donnerstag von 14 bis 19.15 Uhr deutlich. Er habe handschriftlich die Abschlüsse abgeändert und damit ein geschöntes Bild der Vermögens- und Ertragslage der Unternehmen dargestellt. Die Revisoren Albert Manser, der ein Freund der Familie gewesen sein soll und kurz nach dem Zusammenbruch verstarb, und Hans Schmutz hätten diese unwahren Jahresabschlüsse abgesegnet.
Staatsanwältin Susanne Leu hatte zuvor vor Gericht argumentiert, der Eindruck, welchen der Angeklagte Rolf Erb vermittelte, trüge. Staatsmännisch, eloquent und sympathisch – dieses Bild habe der Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens zur Erb-Pleite vom Angeklagten gezeichnet. «Ich muss leider dieses Bild trüben», begann Leu ihr Plädoyer vor den Schranken des Winterthurer Bezirksgerichtes. Erb sei kein redlicher Unternehmer gewesen, sondern ein Mann, der es zustande brachte, zahlreiche Banken hinters Licht zu führen. Um kurz vor dem Zusammenbruch der Gruppe – «nach dem Motto rette, was noch zu retten ist» – alles seinen Söhnen und seiner Lebenspartnerin zu vermachen.
Erb soll sich ausgekannt haben
«Wir stehen hier, weil wir es mit einem der grössten Betrugsfälle der Schweiz zu tun haben.» Seit 1991 residierte Rolf Erb mit seiner Familie auf Schloss Eugensberg. Allein die Unterhaltskosten für das Anwesen beliefen sich auf 1,2 Millionen Franken, führte die Staatsanwältin aus. Bereits in jüngeren Jahren habe Rolf Erb einen feudalen Lebensstil gepflegt und sich gegenüber Journalisten als «der Stratege» des Familienunternehmens bezeichnet. Es erstaune nicht, dass er sich sein Luxusleben aufrechterhalten wolle. Rolf Erb hat bisher geltend gemacht, kaum Kenntnisse bezüglich der Buchhaltung des Unternehmens gehabt zu haben.
Dem stellte Staatsanwältin Leu entgegen, Erb habe während der Untersuchungen versucht, sich als «reisenden Aussenminister» der Firma darzustellen. Es gebe aber genügend Beweise, die belegten, dass Rolf Erb «Dreh- und Angelpunkt» der Erb-Gruppe gewesen sei und damit seiner Stellung als Präsident gerecht worden sei. Er habe sich sehr wohl in Finanzgeschäften ausgekannt. Rolf Erb habe den Banken geschönte Bilanzen inklusive Revisionsbericht von Albert Manser zukommen lassen, der mit Vater Hugo Erb befreundet gewesen sei. Laut einer Zeugenaussage habe er persönlich jeweils sichergestellt, dass jede Bank erhielt, was sie sehen sollte. Er sei es gewesen, der jeweils den Verteiler bestimmt habe und die Begleitschreiben signierte.
Guter Ruf der Familie war hilfreich
Eine Mitarbeiterin einer Bank sagte im Laufe der Untersuchungen aus, dass jeweils Vater Hugo und Sohn Rolf Erb an den Besprechungen der Bilanzzahlen zugegen gewesen seien. Der Angeklagte sei dabei der Wortführer gewesen und habe die Fragen der Bankleute beantwortet – nie sei er eine Antwort schuldig geblieben. Die Gespräche hätten bilanzanalytische Themen und Konzernverbindlichkeiten zum Inhalt gehabt.
Für die Staatsanwältin ist klar: Erb hat Abschlüsse in verschiedener Hinsicht massiv geschönt und tat das bewusst. Er habe es nämlich nicht dabei belassen, sondern den betrügerischen Machenschaften die Krone aufgesetzt, indem er kritische Fragen dazu beantwortete. Weil seine Familie zudem einen guten Ruf genoss, zweifelten die Banken nicht an der Kreditwürdigkeit des Unternehmens. «Schliesslich gewährt keiner jemandem einen Kredit, wenn er nicht darauf vertraut, dass er sein Geld zurückkriegt.»
Unerwartete Wende
Rolf Erb bestritt im Untersuchungsverfahren, verschiedene Dokumente wie Fragenkataloge und die Antworten an die Banken verfasst zu haben. Deshalb hat die Staatsanwaltschaft seine Schrift überprüfen lassen. Ein Experte stellte dabei fest, dass die Handschrift mit hoher Wahrscheinlichkeit jene des Angeklagten sei. Staatsanwältin Leu hat am vergangenen Dienstag 10 Jahre Haft gefordert und wirft dem 60-jährigen Angeklagten vor, 17 Banken betrogen zu haben. Der Erb-Konzern brach 2003 zusammen. Faktisch sei das Familienimperium aber bereits 1998 überschuldet gewesen. Eine unerwartete Wende nahm der Prozess heute Donnerstagmorgen gleich zu Beginn: Ein bisher nicht genannter Mann hatte sich gemeldet – per Fax. Darin bietet sich Erwin Feurer als Zeuge an. Er will Aussagen zur Vernichtung von Akten machen. Diese sollen in Mulden abtransportiert worden sein, nachdem das Verfahren gegen das Familienimperium begonnen hatte.
Laute Kritik an Gerichtspräsidenten
Die Akten könnten relevant sein für das Gutachten, brachte Erbs Wahlverteidiger, Bernhard Rüdy, vor. Sie könnten einen Hinweis darauf liefern, ob die Firma tatsächlich überschuldet war. Rüdy hatte zuvor geltend gemacht, dass das Gutachten unvollständig sei. Es fehlten beispielsweise die Devisengeschäfte. Er beantragte deswegen einen neuen Sachverständigen, der das Gutachten zum Erb-Konzern zumindest ergänze. Das Gericht wies diesen Antrag der Verteidigung ab.
Kurz nach dem Beginn der Verhandlungen hatte Erb den Gerichtspräsidenten lauthals kritisiert. Dabei ging es um eine Hausdurchsuchung auf Schloss Eugensberg. Bei dieser soll der neue Zeuge Erwin Feurer ebenfalls anwesend gewesen sein. Erb argumentierte das entspreche nicht der Wahrheit, es sei überhaupt niemand an Ort und Stelle gewesen, als die Durchsuchung stattfand. Erst nach einer Verhandlungspause, widerrief der Angeklagte diese Aussage. Er habe sich nicht mehr erinnern können. Feurer sei tatsächlich anwesend gewesen, aber nicht weil er ihn kontaktiert habe, sondern auf Geheiss seines Bruders Christian Erb.
Gebrochener Eindruck
Weil gestern Mittwoch im Erb-Prozess nicht verhandelt wurde, musste der Milliarden-Pleitier heute Donnerstagmorgen wieder vor Gericht erscheinen. Am Dienstag hatte Rolf Erb einen gebrochenen Eindruck gemacht und sich geweigert, die Fragen des Gerichts zu seiner Person und zu den Vorwürfen zu beantworten. Er sei überzeugt, am Winterthurer Bezirksgericht «kein faires Verfahren» zu kriegen, begründete er seine Strategie.
Kurz vor der Weiterführung der Verhandlung wurde bekannt, dass die Verteidigung doch noch Beweisanträge stellen werde, was überraschte. Hatten doch die Pflichtverteidiger am Dienstag zu Protokoll gegeben, sie hätten keine weiteren Beweisanträge. So war es denn auch Wahlverteidiger Bernhard Rüdy, der die Anträge stellte. Ursprünglich hatten lediglich die Vertreter der Geschädigten Beweisanträge angekündigt.
Erb bestreitet sämtliche Vorwürfe
Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Erb zudem, seine Gläubiger geschädigt zu haben. Er soll kurz vor dem Zerfall der Erb-Gruppe Aktien, Bargeld und Liegenschaften im Wert von 36 Millionen Franken an seine Zwillinge und an seine Lebenspartnerin verschenkt haben. Darunter befindet sich auch das stattliche Anwesen Schloss Eugensberg, in dem Rolf Erb mit seinen zwei Söhnen und seiner Partnerin heute lebt. Der Schlossherr bestritt bisher sämtliche Vorwürfe. Seine Verteidiger erhalten voraussichtlich kommenden Mittwoch das Wort.
Das Winterthurer Bezirksgericht überträgt die Verhandlung der zweitgrössten Firmenpleite nach dem Swissair-Debakel per Video in einen zweiten Gerichtssaal. Morgen Freitag soll die Anklage ihr Plädoyer fortführen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet ist vor Ort und berichtet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.01.2012, 07:35 Uhr
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25 Kommentare
Die Richter am Bezirksgericht Winterthur haben bis jetzt im Erb-Prozess ihre Unabhängigkeit und den gesunden Menschenverstand bewiesen. Juristische Winkelzüge in Richtung Verjährung der Anklagepunkte wurden durchschaut und korrekt korrigiert.Dies ist in der heutigen Zeit der Formal-Juristerei leider nicht mehr die Regel.Zuviele Täter konnten bisher in die Opferrolle schlüpfen. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.


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