Schweiz

Erstes Schweizer Dorf für Demenzkranke

Von Beat Bühlmann. Aktualisiert am 18.01.2012 19 Kommentare

Nach holländischem Vorbild wird im bernischen Wiedlisbach ein Dorf geplant, in dem nur demente Personen wohnen. Hundert Patienten werden dort leben und sich frei bewegen können. Ist das sinnvoll?

Wie in einer Theaterkulisse: Eine Betreuerin mit einer Patientin im holländischen Demenzdorf Hogewey.

Wie in einer Theaterkulisse: Eine Betreuerin mit einer Patientin im holländischen Demenzdorf Hogewey.
Bild: epd

Pro Tag erkranken sechzig Personen an Demenz

Demenzkrankheiten nehmen stark zu. Eine koordinierte Demenzpolitik fehlt jedoch. Das soll sich nun ändern. In der Schweiz erkranken pro Tag rund sechzig Frauen und Männer an Demenz; pro Jahr sind das über 20 000 neue Fälle. Die Gesamtkosten der Demenzkrankheiten, zu denen auch Alzheimer gehört, werden auf jährlich 7 Milliarden Franken geschätzt. Gut die Hälfte der Pflegeleistungen erbringen die Angehörigen. Experten sind sich einig, dass dies auf Dauer nicht funktioniert. So gibt es keine Angebote und Anreize, um die kosteneffiziente Betreuung zu Hause aufrechtzuerhalten. Die Angehörigen von Demenzkranken sind weitgehend auf sich allein gestellt. Die Schweizerische Alzheimervereinigung (ALZ) fordert seit Jahren eine nationale Demenzstrategie.

Immerhin sind im Nationalrat zwei Motionen für eine koordinierte Demenzpolitik einstimmig gutgeheissen worden – gegen den Willen des Bundesrats. «In der Schweiz wird die Demenzproblematik stiefmütterlich behandelt», kritisiert der Freiburger SP-Nationalrat Jean-François Steiert. In seinem Vorstoss fordert er ein dauerhaftes Monitoring, um die individuellen und gesellschaftlichen Kosten der Krankheit zu erfassen. Nur mit aktuellen Kennzahlen könne die Demenzpolitik gesteuert werden. In einer zweiten Motion verlangt der inzwischen zurückgetretene Schwyzer CVP-Nationalrat Reto Wehrli eine gemeinsame Demenzstrategie von Bund und Kantonen. Mit dieser Strategie sollen die Prioritäten bei Ursachenforschung, Prävention sowie bei der Pflege und Behandlung festgelegt werden.

«Höchste Zeit, dass etwas geschieht», sagt ALZ-Geschäftsleiterin Birgitta Martensson. «Wenn wir nicht endlich auf Bundesebene etwas tun, könnte es morgen zu spät sein.» Die ständerätliche Gesundheitskommission befasst sich am nächsten Montag mit beiden Motionen.

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Es ist ein Dorf wie viele andere. Strassenschilder, Vorgärten mit Gartenzwergen, Restaurant, Schönheitssalon und Supermarkt. Was anders ist: Die 150 Frauen und Männer, die in diesem Dorf leben, sind schwer demenzkrank. Sie dürfen sich frei bewegen, können aber das Gelände nicht verlassen. Hogewey, eine Pflegeinstitution bei Amsterdam, gilt als Pionierprojekt für die Betreuung von Demenzkranken. Das Pflegepersonal agiert wie in einer Theaterkulisse und ist gekleidet wie der Gärtner, die Coiffeuse oder die Verkäuferin.

Nun soll auch die Schweiz ein erstes Demenzdorf erhalten. In Wiedlisbach im bernischen Oberaargau wird auf dem Areal des bestehenden Pflegeheims ein «Dorf für Menschen mit Demenz» geplant. Die Delegierten des Gemeindeverbands haben dieser neuen Strategie zugestimmt. «Vorerst planen wir ein Dorf für rund hundert Frauen und Männer, später könnten es zwei- bis dreihundert sein», sagt Geschäftsführer Markus Vögtlin. Die Kosten für die erste Etappe werden auf 25  Millionen Franken veranschlagt. Bis das neue Dorf steht, dürfte es fünf bis sieben Jahre dauern. Vögtlin, der Hogewey besucht hat, war beeindruckt von der angstfreien ­Atmosphäre. «Die Demenzkranken, sonst oft unruhig und aggressiv, wirkten entspannt und zufrieden.» Im Dorf können sie ihrem ausgeprägten Bewegungsdrang nachgehen. Und sie befinden sich auf einer «Zeitreise rückwärts», wie Vögt­lin sagt. Die Wohnungen sind wie vor fünfzig Jahren eingerichtet. Da sich Demenzkranke vor allem an frühere Zeiten erinnern, fühlen sie sich in dieser Umgebung besonders wohl.

Dorf gaukelt Normalität vor

In den 23 Häuschen in Hogewey können sie unter sieben Einrichtungsstilen wählen – etwa häuslich oder handwerklich oder indonesisch. «Wir selber werden zwischen einem ländlichen und einem städtischen Interieur unterscheiden», sagt Vögtlin. Die Häuser, maximal zweistöckig, werden Satteldächer haben und Vorgärten wie in den 50er-Jahren. Auch in Wiedlisbach wird es eine Arztpraxis, ein Café, ein Kinotheater und einen Kiosk geben – und auf dem Dorfareal nirgends abgeschlossene Türen. Nicht alle Experten sind von der Idee «Demenzdorf» begeistert. «Der Begriff Dorf versucht eine Normalität vorzutäuschen, die es für Demenzkranke nicht gibt», sagt Michael Schmieder, Direktor der Sonnweid in Wetzikon. Das Pflegeheim betreut 150 Demenzkranke und gilt als vorbildliche Institution, weil sich die Bewohner innerhalb der Anlage frei bewegen können. «Niemand stösst bei uns an Grenzen, wir haben eine Lauffläche von 1,5 Kilometern», sagt Schmieder. Die Sonnweid hat soeben für 14  Millionen Franken die Anlage erweitert, ohne die Zahl der Pflegeplätze zu erhöhen. «Wir bieten Wellness wie in einem Viersternhotel, die Demenzkranken leben heute und nicht in der Vergangenheit.» Schmieder findet es falsch, sie auf einen früheren Lebensstil zu behaften.

Der Kanton Bern begrüsst das Projekt. «Das ist eine Supersache, das Konzept überzeugt mich», sagt Markus Loosli, Vorsteher des Alters- und Behindertenamts. Demenzkranke könnten in diesem Umfeld wesentlich besser und in Würde leben. In diesen Dörfern werde an die frühere Lebenssituation angeknüpft, sodass sich die Frauen und Männer in einer vertrauten Umgebung fänden und an Lebensqualität gewännen.

Das Demenzdorf könne allerdings nicht für alle Demenzkranke die Lösung sein. Schon heute seien mehr als die Hälfte der Bewohner und Bewohnerinnen in den Pflegeheimen von demenziellen Erkrankungen betroffen. «Wir brauchen noch andere Angebote.»

Das Gefühl der Freiheit

In der Schweiz leben derzeit 107'000 Demenzkranke, bis in zwanzig Jahren werden es voraussichtlich doppelt so viele sein. Heute werden etwa 60 Prozent der Demenzkranken zu Hause betreut, doch ist das auf Dauer möglich? Viele Angehörige sind bereits jetzt überfordert, zudem wird die Zahl der Singles, auch im hohen Alter, stark ansteigen.

Die Alzheimervereinigung fordert deshalb seit längerem eine nationale Demenzstrategie. In Deutschland setzt die «Aktion Demenz» auf die Nachbarschaftshilfe im Quartier, damit verwirrte Frauen und Männer im vertrauten Quartier wohnen können. Auch das 2008 in Zürich initiierte Projekt «Hausbesuche SIL» (sozialmedizinische individuelle Lösungen) bezieht Angehörige, Nachbarn und Freunde in die Betreuung mit ein.

«Es braucht verschiedene Formen der Betreuung und Pflege», sagt Birgitta Martensson, Geschäftsleiterin der Schweizerischen Alzheimervereinigung. Denn die Krankheit Demenz, deren bekannteste Form Alzheimer ist, dauere im Durchschnitt zehn Jahre und kenne die unterschiedlichsten Phasen. «Für Menschen mit Demenz im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit ist das Demenzdorf ein gutes Angebot», sagt Martensson. Sie könnten sich frei bewegen, ohne sich zu ängstigen. Doch wird mit dem Demenzdorf, das nach aussen geschlossen ist, nicht ein eigentliches Ghetto geschaffen? Nein, sagt Martensson. Das Demenzdorf biete einen schützenden Rahmen, innerhalb dessen die Bewohner viel Freiraum hätten und ihre noch vorhandenen Fähigkeiten anwenden könnten. «Das vermittelt ihnen ein Gefühl von Selbstständigkeit. Die Pflegeabhängigkeit kann so verzögert werden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2012, 11:27 Uhr

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19 Kommentare

Angela Nussbaumer

18.01.2012, 12:20 Uhr
Melden 67 Empfehlung

Lieber verbrächte ich meine letzten Jahre in einem solchen Dorf, wo jeder weiss, wer ich bin, wenn ich mich verlaufen habe, als wenn ich in einem Pflegeheim in Windeln ruhiggestellt in meiner noch verbleibenden Lebenskraft wahnsinnig werdend auf den Tod warten muss. Sehr gutes Projekt. Unsere Luxusgesellschaft muss sich solche Orte leisten, denn wir werden immer mehr und immer älter... Antworten


Yasmin Gonzalez

18.01.2012, 11:44 Uhr
Melden 53 Empfehlung

Ich finde das eine super Idee. Es geht nicht darum, alte Menschen "wegzusperren". Sondern sie dürfen in Würde alt werden, auch wenn sie Demenz haben. Es ist traurig, wie viele Demenzkranke in Pflegeheimen "dahinvegetieren". Keiner (ausser das Personal) kümmert sich noch um sie. Bei diesem Dorf haben sie wenigstens das Gefühl, sie seien frei.. auch wenn sie überwacht werden. Super... Antworten



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