«Es darf keine billige Art sein, den Lehrlingsmangel zu überbrücken»

Der Bundesrat will arbeitslosen Jugendlichen aus der EU in der Schweiz eine Lehre ermöglichen. Rudolf Strahm will noch weiter gehen – und das Ganze mit der Kohäsionsmilliarde finanzieren.

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Herr Strahm, was halten Sie von der Idee des Bundesrats, stellensuchenden Jugendlichen aus europäischen Ländern in der Schweiz eine Berufslehre zu ermöglichen?
Grundsätzlich ist dieser Vorschlag zu begrüssen. Jedes Jahr kommen bei uns rund 1000 Jugendliche weniger aus der Schule, das Rekrutierungspotenzial für die Berufslehre geht stetig zurück.

Welche Gefahren drohen?
Das Ganze darf keine billige Art sein, um den momentanen Lehrlingsmangel in Problembranchen zu überbrücken. Es darf nicht sein, dass man aus den ohnehin schon krisengebeutelten EU-Ländern die lernwilligen Jungen abzieht und sie nach dem Abschluss einfach in der Schweiz weiterbeschäftigt. Vielmehr müsste die Berufslehre auch zum Schweizer Exportmodell werden.

Wie stellen Sie sich das vor?
Neben der Ausbildung von einigen ausländischen Jugendlichen in der Schweiz fordere ich schon lange schweizerische Hilfe beim Aufbau der Berufsbildung in deren Herkunftsländern. Der Bund sollte sich dafür einsetzen, dass in strukturschwachen Regionen Europas Berufsschulen und Lehrwerkstätten entstehen. Das Bildungswesen ist in Südeuropa und in Teilen Osteuropas total akademisiert, dafür fehlen dort qualifizierte Berufsleute in Gewerbe und Industrie.

Die Schweiz soll den Aufbau dieser Institutionen finanzieren?
Ja, und zwar aus der Kohäsionsmilliarde, welche die EU erneut von uns verlangt. Johann Schneider-Ammann will Lehrlinge in der Schweiz ausbilden, sein Kollege Didier Burkhalter verteilt konzeptlos Hunderte Millionen Franken in Kohäsionsprojekten. Man könnte endlich damit beginnen, eine kohärente Europapolitik zu fahren und die beiden Ansätze zu kombinieren. Das wäre keine Mehrbelastung für den Schweizer Steuerzahler.

Die Ausbildung der Lehrlinge hierzulande müsste aber trotzdem Unterstützungsgelder aus dem Berufsbildungsfonds erhalten.
Nein, je nachdem, wie man die Projekte aufgleist, wäre es möglich, auch dies mit Kohäsionsgeldern zu finanzieren. Zudem muss man wissen, dass ein Lehrling nicht viel kostet. Bereits ab dem zweiten Jahr verdient er sich seinen Lohn durch eigene Leistung selber und für die Unterkunft lassen sich günstige Lösungen finden.

Einige Gegner des Projekts befürchten Lohndumping bei den ausländischen Lehrlingen.
Das kann ich nicht nachvollziehen. Meiner Meinung nach darf der Mindestlohn bei Lernenden und Praktikanten durchaus auch einmal unterschritten werden. Dies ist nicht vergleichbar mit der Lohndrückerei bei schlecht qualifizierten, ungelernten Arbeitskräften, die wir aus Osteuropa rekrutieren.

In den 90er-Jahren herrschte akuter Mangel an Lehrstellen. Ist es nicht kurzsichtig, den momentanen Überschuss mit ausländischen Jugendlichen zu bekämpfen?
Es ist heute bereits vorauszusehen, dass ab 2020 die Zahl der Jugendlichen in der Schweiz wieder ansteigen wird. Spätestens dann wird sich die Lehrlingssituation wohl etwas entspannen. Bis es aber so weit ist, sehe ich keinen Grund, ausländische Jugendliche nicht in die Schweiz zu holen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.08.2013, 12:29 Uhr)

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«Im Moment fehlen der Schweiz jedes Jahr 1000 Jugendliche»: Rudolf Strahm, ehemaliger SP-Nationalrat und Bildungspolitiker, Ökonom und Autor. (Bild: Keystone )

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