Es gibt auch Emanzipationsverlierer

Die Anti-Feminismus-Tagung war harmlos. Die Anliegen, die dort diskutiert wurden, hätten aber Aufmerksamkeit verdient – bloss gingen sie in der allgemeinen Empörung unter.

Das Sprachrohr des Vereins Anti-Feminismus: René Kuhn wollte sich nicht fotografieren lassen.

Das Sprachrohr des Vereins Anti-Feminismus: René Kuhn wollte sich nicht fotografieren lassen. Bild: Nicola Pitaro

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Es gibt, das steht seit Samstag fest, nicht nur Globalisierungsverlierer. Es gibt auch Emanzipationsverlierer. Männer, die so richtig unter die Räder kommen. Vor allem bei Scheidungen. Die Geschichten, die sie erzählen, sind bisweilen himmeltraurig. Wie die vom Mann in den Geox-Schuhen, der ungefragt loslegt. Dass man ihm nach dem Tod seiner Frau fünf Jahre lang das Kind weggenommen habe. Weil man, wie ihm einst ein Beamter erklärt habe, automatisch von der «Unfähigkeitsvermutung» des Mannes in Sachen Kinderbetreuung ausgehe.

Wie er habe kämpfen müssen, sich extra eine Stelle gesucht habe, wo er Teilzeit arbeiten könne, wie er sich, als das Kind endlich zurück war, alle sechs Monate Besuche von der Vormundschaftsbehörde habe gefallen lassen müssen, an denen er gefragt worden sei, wann und was das Kind zu Abend esse. «Wäre das», fragt er rhetorisch, «einer Frau passiert?» Deshalb ist er zur Tagung angereist. Weil er sich, obschon er den Namen «Anti-Feminismus» äusserst unglücklich gewählt findet, endlich Gehör verschaffen will. Denn er sei kein Einzelfall.

Erfolgreiches Politmarketing

Bloss wird das, was der Mann zu sagen hat und sehr wohl Aufmerksamkeit verdient hätte, in der Empörung und im allgemeinen Geschrei untergehen, die in den vergangenen Tagen aufgeflammt sind. Ob René Kuhn als Sprachrohr des Vereins dem Mann mit den Geox-Schuhen und dessen Leidensgenossen einen Gefallen getan hat, ist fraglich. Aber Kuhn hat seine Lehre bei der SVP gemacht und verstanden, wie erfolgreiches Politmarketing funktioniert.

Und so nannte er den Verein Anti-Feminismus, weil ein «Anti» verlässlich jene Portion Empörung hervorruft, die für Schlagzeilen sorgt. Und er provozierte, indem er Schweizer Frauen als Vogelscheuchen bezeichnete. Kuhn hielt den brennenden Reifen, und die Medien und linken Gruppierungen sprangen wie der dressierte Pudel im Zirkus durch ihn hindurch.

Seit 30 Jahren engagiert

Dabei hätte ein Klick auf die Homepage gezeigt, dass es dem Verein mitnichten um die Abschaffung des Frauenstimmrechts geht. Sondern dass bestehende Ungerechtigkeiten, insbesondere bei Scheidungen, thematisiert werden sollen. Dass da zum Beispiel der Präsident der Interessengemeinschaft der geschiedenen und getrennt lebenden Männer reden würde – ein Verein, den es seit 30 Jahren gibt, und der Männer, die sich in Scheidung befinden, unterstützt. Der Vortrag war dann auch äusserst differenziert, indem die diversen Revisionen des Scheidungsrechts zugunsten der Frauen als richtig und nötig bezeichnet wurden, aber gleichzeitig eben das Ausufern in der Praxis kritisiert wurde.

Und wenn gemäss den Aussagen des Präsidenten der IGM im Kanton Zürich gerade mal in 0,05 Prozent aller Fälle dem Vater das Sorgerecht zugesprochen wird (in den beiden Halbkantonen Appenzell 0,0 Prozent), dann heisst das doch was. Auch wenn die Frage erlaubt sein muss, ob all die Väter, die ein zu frauenfreundliches System beklagen, sich schon vor der Scheidung so engagiert gezeigt haben in der Kinderbetreuung, indem sie etwa Teilzeit arbeiteten.

Unter Generalverdacht

Was den Verein Anti-Feminismus stört, nämlich die Bevorzugung des Weiblichen in bestimmten Belangen, wird auf wissenschaftlicher Ebene schon länger diskutiert. Der Basler Soziologe Walter Hollstein («Was vom Manne übrig blieb») und der amerikanische Anthropologe Lionel Tiger («Auslaufmodell Mann») etwa gehen mit dem eigenen Geschlecht zwar mitunter hart ins Gericht, kritisieren in ihren Büchern aber ebenso einen überbordenden Feminismus.

Wenn bei British Airways und Air France keine alleinreisenden Kinder neben alleinreisende Männer gesetzt werden dürfen, dann werden diese wegen ihres Geschlechts unter den Generalverdacht der Pädophilie gestellt. Wenn eine Rektorin in Basel den Fussballplatz schliesst und in eine «Begegnungszone» umwandelt mit der Begründung, Buben sollten nicht rumrennen, sondern reden, dann ist da in der Tat etwas ziemlich missverstanden worden. Und wenn Mütter ungestraft die Waffe Kindsmissbrauch in Scheidungsprozessen einsetzen können, dann gehört das diskutiert. Erst recht von Feministinnen. Denn Feminismus bedeutet doch, dass man über ein ausgeprägtes Unrechtsempfinden verfügt. Weshalb man einsehen müsste, dass es Entwicklungen gibt, die auch Männer zu Opfern macht. Das Recht, Diskriminierung geltend zu machen, haben nicht die Frauen gepachtet.

Mehr Gelassenheit, bitte

Trotz alldem funktioniert die Welt allerdings immer noch häufig andersherum. Die beiden jungen Konstrukteurinnen jedenfalls, die ebenfalls an der Tagung teilnahmen und extra aus St. Gallen angereist waren, weil sie ihre Lehrabschlussarbeit zum Thema «Emanzipation der Frau» schreiben, zuckten bei der Frage, wie es ihnen denn so ergehe in einem Männerberuf, mit den Schultern. Die gleichaltrigen männlichen Lehrlinge hätten mit ihnen überhaupt kein Problem, für die sei das völlig normal. Von älteren Männern indes seien dumme Sprüche an der Tagesordnung.

Das sei zwar auf Dauer ermüdend, kümmere sie aber nicht gross. «Die haben halt einfach die Zeichen der Zeit noch nicht verstanden – werden aber nicht darum herumkommen.» Man hätte der ganzen Debatte mehr von dieser Gelassenheit gewünscht. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.11.2010, 06:14 Uhr)

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Tagung und Demo getrennt

Wie auf einer Schnitzeljagd

Wegen Drohungen gegen die Veranstalter und Schmierereien am ursprünglich geplanten Tagungsort im Giardino Verde in Uitikon musste für die auf den Samstag angekündigte Anti-Feminismus-Tagung ein neuer Ort gesucht werden. Aus Sicherheitsgründen, so hiess es, werde dieser streng geheim gehalten. Und so bekamen Journalisten, die sich akkreditiert hatten, am Samstagmorgen um sechs Uhr ein SMS, in dem es hiess, sie sollen sich am Flughafen im Terminal A zu einem Mann mit dem Schild «Tagung Egala» begeben. Der verwies sie an einen weiteren Mann, der unterhalb der grossen Anzeigetafel stand. Dieser wiederum schickte sie zu einem Mann, der ihnen ein Formular aushändigte, auf dem Journalisten und Fotografen garantieren mussten, keine Fotos der Teilnehmenden oder vom Ort zu machen und diesen nicht öffentlich bekannt zu geben.

Gegen Unterschrift erhielten sie ein Couvert, das eine Wegbeschreibung zum neuen Tagungsort beinhaltete, nochmals verbunden mit der «inständigen» Bitte, diesen nicht an Dritte weiterzuleiten. Das geschah natürlich trotzdem; bereits um 10.24 Uhr vermeldete das linke Nachrichtenportal Indymedia die Adresse: ein Hotel in der Nähe von Glattfelden. Davon wussten auch die rund 40 Personen, vornehmlich junge Männer und Frauen, die sich um 12 Uhr am Zürcher Central versammelten.

Sie demonstrierten, weil «diese Typen um Kuhn nicht ungestört ihre rückständigen rechtslastigen Ideologien verbreiten dürfen». Und man sei stolz darauf, «den erzreaktionären Haufen aus dem Giardino Verde nahe an die deutsche Grenze vertrieben zu haben».

Dass die Veranstaltung ungestört verlief und sich keine Demonstranten an den Tagungsort verirrten, lag wohl an dessen peripherer Lage. Zudem hat, so Veranstalter René Kuhn, die Polizei diskret patrouilliert. (bwe/roc)

Darum ging es vor allem an der Tagung, an der rund 100 Männer teilnahmen.

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