«Es hiess: Nicht eingliederungsfähig»

Wegen ADHS wurde Marcel H. mit 19 Jahren zum IV-Rentner. Der frühe Rentenentscheid habe ihn nicht nur vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen, sondern auch vom Gesellschaftsleben.

Frührentner wider Willen: Heute spielt Marcel H. leidenschaftlich Schlagzeug. Foto: Dieter Seeger

Frührentner wider Willen: Heute spielt Marcel H. leidenschaftlich Schlagzeug. Foto: Dieter Seeger

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Marcel H. verbringt viel Zeit in seinem Übungsraum in Uster. Stolz verweist er auf ein Holzregal, das er vollständig im «Goldenen Schnitt» gefertigt habe. Seit er vor sieben Jahren die Stelle in einem geschützten Gärtnereibetrieb aufgegeben hat, ist die Musik für ihn ein wichtiger Lebensinhalt. Seit einem halben Jahr spielt er Schlagzeug. Die aktuelle Debatte über die steigende Zahl junger IV-Bezüger erinnert den 32-Jährigen an sein eigenes Schicksal. Bevor er weiterredet, bietet er das Du an, weil es ihm so leichterfalle, seine Geschichte zu erzählen.

Schon im Kindergartenalter diagnostizierten die Ärzte ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung). «Diese Diagnose hat mein ganzes weiteres Leben beeinflusst.» In der ersten Klasse lief es noch einigermassen gut, dann begannen die Probleme. «Meine Schwierigkeit war nicht, dass ich von zehn Rechnungen fünf nicht lösen konnte, sondern dass ich nur bis zur fünften Rechnung kam.» Das «lineare Lernen», wie es das Schulsystem vorsehe, sei für ihn schwierig. Marcel wurde in eine Sonderklasse umgeteilt und musste mit dem Zug in den Nachbarort fahren, was für den Achtjährigen ein einschneidendes Erlebnis war. «Ich wurde aus meinem Freundeskreis herausgerissen.» Von da an besuchte er eine Kleinklasse mit Lernzielbefreiung: von der Überforderung zur Unterforderung, ein Spannungsfeld, in dem sich Marcel immer wieder sieht. Die letzten Schuljahre absolvierte er in einem Schulheim in Elgg.

Das «innere Chaos»

Marcel hat viel über sein Leben nachgedacht und über die Strukturen einer Gesellschaft, die für ihn offenbar nur das Rentnerdasein vorsieht. Er zitiert mehrmals den Zürcher Pädagogen Jürg Jegge. In dessen Büchern über die Gründe des Schulversagens erkennt Marcel immer wieder sein eigenes Schicksal. Jenes eines Kindes, das trotz seiner Intelligenz und Begabungen nur den Oberschulabschluss schaffte. Häufig sei er in der Schule und der Lehre nur aufgrund seines Verhaltens beurteilt worden. Dass man ihm Ordnung, Fleiss und Betragen beibringen wollte, habe er als «Dressur» erlebt. Er spricht von Verletzungen, die ihm zugefügt worden seien. Besonders tief traf ihn eine Äusserung seines Vaters auf einem Ausflug. «Als ich in der Bergbahn von einer Seite auf die andere gerannt bin, wie das jedes andere Kind auch tun würde, sagte mein Vater zu den Passagieren entschuldigend, ich sei eben geistig behindert.»

Marcel war als Kind nicht der für ADHS typische Zappelphilipp, sondern reagierte mit Rückzug auf das «innere Chaos». Oft habe er sich in der Schule auch gelangweilt. Die Lehrer hätten ihn wohl als Tagträumer empfunden. Nach der Schule folgte eine zweijährige Anlehre als Gärtner auf dem Appisberg bei Männedorf. Marcels Lieblingsobjekt war der Kompost, an dem ihn die biologischen Vorgänge interessierten, die beim Abbauprozess Wärme erzeugen.

Weg in Arbeitsmarkt verbaut

Dass er trotz eidgenössischem Abschlussdiplom den Sprung in die Arbeitswelt nicht geschafft hat, begründet er mit ADHS, der Pubertät und seiner Wissbegierigkeit. In der Qualifikation hätten die Vorgesetzten jedem positiven Punkt jeweils zwei negative angefügt. «In Schule und Lehre wurde vor allem herausgestrichen, was ich nicht konnte und nicht das, was ich konnte. Es hiess dann, ich sei nicht eingliederbar.» Dies habe für die IV den Ausschlag gegeben, ihm mit knapp 19 Jahren eine volle Rente zuzusprechen. Damit war ihm der Weg in den ersten Arbeitsmarkt verbaut.

Es folgte die «Arbeitstherapie» in einem geschützten Betrieb, aus der sich Marcel nach sieben langen Jahren fast mit einem Suizid verabschiedet hätte. Vor dem Sprung vor den Zug habe ihn in letzter Sekunde ein Gedankenblitz gerettet: «Ich will doch eigentlich leben!» Gleichentags habe er die von der IV finanzierte Arbeitsstelle gekündigt. An dieser habe er sich völlig unterfordert gefühlt. «Die IV zahlte Geld dafür, dass ich Hilfsarbeiten verrichten durfte und dafür, dass ich nicht jene Betreuung erhielt, die ich gebraucht hätte.»

Marcel leidet keine materielle Not. Er kommt dank IV-Rente und Ergänzungsleistungen auf insgesamt 3200 Franken im Monat und so einigermassen über die Runden, nicht zuletzt, weil er in einer WG wohnt. Dafür leistet er sich ein GA, das IV-Rentner verbilligt erhalten. Aber er leidet darunter, dass er nicht teilhat an der Arbeitswelt und am gesellschaftlichen Leben jener, die arbeiten gehen. Ins Kino gehe er nur selten und sei froh, dass er im Caritas-Laden einkaufen kön- ne. «Mein Therapeut sagt zwar, dass ich Perspektiven habe.» Marcel möchte gerne eine Musikschule besuchen, träumt davon, professioneller Schlagzeuger zu sein. Er hat sich über eine Musikschule in Olten informiert, die er ohne Matur besuchen könnte. Er hat aber auch Angst, dass er dem Druck einer solchen Ausbildung nicht standhalten könnte.

Marionetten auf Schienen

Marcel nimmt wegen seiner Depressionen Medikamente. Neben ADHS wurden ihm Persönlichkeitsstörungen attestiert, häufige Zusatzdiagnose bei ADHS. In den letzten zwei Jahren verbrachte er sieben Monate in einer psychiatrischen Klinik. Zurzeit gehe es ihm wieder einigermassen gut. Geholfen hat ihm ein spezielles Programm für chronisch depressive Menschen. Er versuche, sich eine Tagesstruktur zu geben. Doch der Mangel an Beziehungen und Aufgaben mache ihm zu schaffen. Er belohnt sich mit Essen, was zu Übergewicht führt. Auch Alkohol ist ein Thema.

Marcel sieht die anderen oft als Marionetten, die sich wie auf Schienen bewegen und die die Vielfalt des Lebens nicht sehen. «Wir Menschen mit ADHS verfügen über viele Fähigkeiten, die die Gesellschaft nicht braucht.» Früher, als die Menschen noch Sammler und Jäger gewesen seien, sei die hohe Reizempfindlichkeit ein Vorteil gewesen. «Wenn ein Aborigine allein auf der Jagd ist, ist es überlebenswichtig, dass er den Skorpion auf dem Boden sieht und das Knacken im Gebüsch hört.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.02.2014, 08:59 Uhr)

Experten kritisieren Praxis der IV

Rund 1300 junge Erwachsene (18 bis 24 Jahre) mit psychischen Leiden erhalten jedes Jahr von der Invalidenversicherung (IV) eine Rente zugesprochen, weil die Integration in den Arbeitsmarkt nicht gelingt (TA vom Dienstag). Behindertenorganisationen und Bildungsstätten werfen der IV vor, die Eingliederungsbemühungen zu rasch abzubrechen, vor allem, wenn Jugendliche die Voraussetzungen für die Berufslehre oder die zweijährige Attestlehre nicht erfüllen. Ihnen bleibt die Möglichkeit einer zweijährigen praktischen Ausbildung im Gastgewerbe, Detailhandel oder in Schreinereien – eine Ausbildung, die der Verband Insos vermittelt. Doch der Haken an der Sache ist, dass die IV bei der praktischen Ausbildung im Verlauf des ersten Jahres entscheidet, ob sie noch ein zweites Ausbildungsjahr ­finanziert. Damit befinde die IV ausgerechnet bei den Schwächsten sehr früh über deren Bildungschancen, kritisiert Insos-Geschäftsführer Peter Saxenhofer. «Vielleicht wären sie mit 20 oder 22 absolut fit für den ersten Arbeitsmarkt.» Dass die IV die Finanzierung von den Chancen auf dem Arbeitsmarkt abhängig macht, kritisiert auch Urs Dettling, stellvertretender Direktor von Pro Infirmis. Letztlich vertrete die IV damit ein «deterministisches Menschenbild».

Das Kompetenzzentrum Appisberg ZH bietet Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene an, die etwa unter ADHS oder Asperger-Syndrom (Autismus) leiden. Pro Jahr schliessen 20 bis 25 Lernende ihre Ausbildung in neun Berufsfeldern ab. Neben Schnupperlehren geben spezifische Abklärungen vor Lehrbeginn Aufschluss, wie am besten ein Ausbildungsabschluss und der Sprung in den ersten Arbeitsmarkt erreicht werden können. Markus Krämer, Geschäftsleiter des Appisberg, bedauert jedoch, dass die IV diese Angebote zu wenig nutze. «Sie hat in den letzten Jahren aufgrund des Spardrucks alle Karten auf den ersten Arbeitsmarkt gesetzt, in dem junge Menschen mit psychischen Problemen oder Lerneinschränkungen überfordert sind und scheitern.» (br)

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