«Es ist eine Schweinerei, dass es uns braucht»

Aktivisten in ganz Europa betreiben eine Notruf-Hotline für Flüchtlinge in Seenot – das «Alarm Phone». Der Initiant des Schweizer Teams über die fehlgeleitete Flüchtlingspolitik Europas.

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In der Nacht auf Sonntag kenterte ein Boot mit Flüchtlingen vor der libyschen Küste. Hunderte ertranken. Haben Sie einen Anruf erhalten?
Nein, wir haben keinen Anruf erhalten. Wir versuchen herauszufinden, was die Gründe dafür sein könnten. Möglicherweise war auf dem Boot kein Telefon vorhanden. In den letzten zehn Tagen haben wir aber über ein Dutzend Anrufe erhalten, bis zu neun gleichzeitig am vorletzten Wochenende.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Meldung erreicht?
Als erstes müssen wir die Kommunikation mit den Anrufern sicherstellen. Die Verbindung erfolgt meist über Satellitentelefone und ist manchmal sehr schlecht. Eine weitere Schwierigkeit sind Sprachbarrieren. Dazu haben wir ein Team auf Abruf, das alle wichtigen Mittelmeer- und Migrationssprachen spricht. Zunächst versuchen wir, die Situation zu erfassen und den Anrufer zu beruhigen. Mit den GPS-Daten der Satellitentelefone können wir den Anrufer lokalisieren und herausfinden, in wessen Zuständigkeit das Gebiet liegt und ob vielleicht Schiffe in der Nähe sind, die helfen können. Dann sammeln wir Informationen über die Lage an Bord. Wieviele Menschen sind auf dem Schiff? Gibt es Verletzte? Was für ein Boot ist es? Wie ist der Zustand, brennt es vielleicht? Wie ist die Wetterlage? Haben wir die Informationen gesammelt, kontaktieren wir die zuständigen Behörden und erbitten die Rettung. Wir bleiben mit dem Anrufer in Kontakt und vermitteln zwischen Rettungsbehörden und den Flüchtlingen. Wenn die Rettung nicht oder zu langsam anläuft, versuchen wir Druck zu machen. Wir intervenieren auch, wenn der Grenzschutz die Flüchtlinge nach der Rettung illegal nach Nordafrika oder in die Türkei abschieben will.

Sie engagieren sich in der Schweiz für die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer. Warum liegt das in Ihrer Verantwortung?
Das ganze Schleppergeschäft besteht erst, weil die Migration nach Europa kriminalisiert wird. Die Migrationspolitik Europas und der Schweiz ist gescheitert. Es braucht einen radikalen Wechsel weg vom Grenzschutz hin zur Rettung von Menschenleben. Es ist eine Schweinerei, dass es uns überhaupt braucht. Das Mittelmeer gehört zu den bestüberwachten Flecken der Erde. Wenn wir als Private Schiffe orten können, können das die Regierungen schon lange. Die Flüchtlingstoten werden also in Kauf genommen.

Viele Mittelmeerflüchtlinge kommen über Italien in die Schweiz. Was kann die Schweizer Regierung tun, um die gefährliche Reise über das Mittelmeer zu verhindern?
Die Schweiz sollte das Botschaftsasyl wieder einführen, damit Flüchtlinge direkt im Heimatland einen Asylantrag stellen können. Politisch ist das momentan leider nicht mehrheitsfähig. Die Alternative ist eine bedeutende Lockerung der Bedingungen für die Zustimmung eines Botschaftsgesuches aus humanitären Gründen. Die Schweiz nimmt zudem zu wenig Kontingentsflüchtlinge auf, 3000 in drei Jahren reichen nicht. Es sind zudem nur Syrer, andere Flüchtlinge haben keine Chance. Die Schweiz müsste sich weiter an einer Neuauflage der Seerettungsmission Mare Nostrum beteiligen. Die aktuelle Mission Triton ist nicht geeignet, die Masse an Flüchtlingen auf dem Mittelmeer zu bewältigen. Sie hat keinen Auftrag zur Seenotrettung, operiert nur in italienischen Gewässern und ist zu wenig gut ausgerüstet. Die Schweiz müsste hier mit gutem Beispiel vorangehen. Wir hätten ja gar eine Hochseeflotte, die kaum genutzt wird. Das Dublin-Abkommen muss zudem sistiert werden. Die Schweiz darf nicht mehr Menschen nach Italien zurückschaffen, bis ein neuer Verteilschlüssel ausgearbeitet ist. Auch die Hilfe vor Ort muss aufgestockt werden. Die Schweiz hat die letzte Rate an das UNO-Flüchtlingswerk UNHCR nicht einmal ganz oder auf alle Fälle viel zu spät ausgezahlt.

Heute treffen sich die Aussen- und Innenminister der EU-Mitgliedsstaaten. Erwarten Sie konkrete Massnahmen zur Verbesserung der Flüchtlingssituation?
Nein. Ich gehe davon aus, dass die Mächtigen in Europa bis auf weiteres kein Interesse daran haben, eine Systemänderung vorzunehmen. Die Bekämpfung von Menschenhandel liegt im Fokus. Das ist reine Symptombekämpfung. Mit Fährverbindungen über das Mittelmeer, die frei genutzt werden können, wäre das Schlepperproblem erledigt. Eine See-Rettungsaktion wie Mare Nostrum wird weder politisch noch finanziell unterstützt. Der Ausbau der Mission Triton, die als Ersatz gehandelt wird, ist nichts anderes als der weitere Ausbau des Grenzschutzes, der überhaupt zu dieser Misere geführt hat. Bis auf weiteres werden sich also Private um die Rettung der Flüchtlinge in Seenot kümmern müssen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.04.2015, 15:37 Uhr

ZVG

Salvatore Pittà

Salvatore Pittà ist freischaffender Journalist und Sozialmanager. Sein Vater stammt aus Italien, seine Mutter ist Schweizerin. Der 44-jährige beschäftigt sich seit über zwei Jahrzehnten mit internationaler Migrationspolitik. Im Oktober 2014 gründete er die Schweizer Abteilung des «Alarmphones»

Das «Alarm Phone»

Die Notrufhotline ist ein Projekt des Aktivistennetzwerks «Watch the Med», das Bootsunglücke im Mittelmeer überwacht und sich für die Rechte der Migranten einsetzt. Zusammen mit sechs weiteren Netzwerken betreibt «Watch the Med» eine Alarm-Hotline, die von rund zwei Dutzend Schichtteams in ganz Europa rund um die Uhr betrieben wird. Ziel der Hotline ist es, Rettungsaktionen anzustossen, zu überwachen und zu beschleunigen. In der Schweiz arbeiten nach Angaben der Betreiber rund zwei Dutzend Personen in drei Regionalgruppen für das «Alarm Phone». Die Hotline wird über Spenden finanziert. Die Nummer lautet: +334 86 51 71 61

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