Schweiz

«Ich habe mich oft gefragt, was ihn in den Alkoholismus trieb»

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 20.02.2010

Der Sicherheitsexperte Markus Mohler über den Fall Reinhardt – und den falsch verstandenen Korpsgeist.

Am meisten Überzeit leistet die Polizei bei Sportveranstaltungen, vor allem bei Fussballspielen.

Am meisten Überzeit leistet die Polizei bei Sportveranstaltungen, vor allem bei Fussballspielen.
Bild: Keystone

«Wir haben noch über Weihnachten und Neujahr miteinander gemailt»: Markus Reinhardt.

«Wir haben noch über Weihnachten und Neujahr miteinander gemailt»: Markus Reinhardt. (Bild: Keystone)

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Zur Person

Markus Mohler: Jurist, Polizist, Staatsanwalt

Markus Mohler, 69, hat eine jahrzehntelange Erfahrung mit Polizei und Sicherheit, und zwar in Theorie und Praxis. Der promovierte Jurist arbeitete in den Siebzigerjahren in Basel als Staatsanwalt und leitete von 1971 bis 2001 die Kantonspolizei Basel-Stadt. Er beriet den Bund in der Arbeitsgruppe «Polizeigesetzgebung» in Rechtsfragen und doziert als Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen. 14 Jahre lang half er zudem, Polizeikommandanten auszubilden.

Mohler ist auch in mehreren internationalen Gremien als Berater aktiv, etwa bei Reformen von Justiz und Polizei in afrikanischen Ländern und auf dem Balkan oder bei der Nato. Mohler ist heute parteilos, gehörte früher aber zur liberaldemokratischen Partei von Basel-Stadt.

Je mehr man über den Suizid Ihres Kollegen Markus Reinhardt erfährt, desto offensichtlicher wird: Er wurde mit seiner Alkoholsucht alleine gelassen.
Wir waren befreundet, sahen uns in den letzten Jahren aber seltener. Ich war völlig überrascht, dass Markus Reinhardt ein Alkoholiker gewesen sein soll. Wenn ich ihn sah, gab es nie das geringste Anzeichen dafür. Das Problem ist: Je höher jemand in einer Hierarchie steht, desto seltener traut sich jemand, ihn auf seine Sucht anzusprechen. Bei unteren Chargen fällt das leichter, dort geht es dann relativ schnell, da die Risiken offenkundig sind. Man muss in solchen Fällen mit Hilfe und Strenge vorgehen. Und immer auch die Partner der Betreffenden einbeziehen. Transparenz ist wichtig, weil alle helfen müssen.

Markus Reinhardt war auch ein hoher Offizier mit Autorität. Hat das die Hemmung vergrössert, ihn auf seine Schwäche anzusprechen?
Er war Oberst im Generalstab, gab sich aber nie so. Er hatte eine natürliche Autorität, trat fachlich und menschlich souverän auf, konnte auch gut zuhören und dann klar entscheiden.

Dennoch war er, wie unsere Recherchen zeigen, mehrmals betrunken zum Dienst gekommen.
Das ist für mich unfassbar. Ich habe mich seither oft gefragt, was ihn in den Alkoholismus trieb. Wir haben noch über Weihnachten und Neujahr miteinander gemailt, und es klang alles bestens, wir haben abgemacht, uns wie gewohnt nach dem WEF im Engadin zu treffen.

Dass die Polizei unter Überlastung und Überforderung leidet, ist offensichtlich. Man spricht von einer Million Stunden Überzeit. Ist die Überlastung wirklich so gross?
Die Zahl scheint mir nicht übertrieben. Dabei muss man wissen, dass die Überzeit am Wochenende und nachts mit einem Zuschlagsfaktor verrechnet wird. Überzeit ist bei der Polizei nicht beliebt. Man versucht, sie zu kompensieren, was aber bei weitem nicht immer gelingt. Oft wird ein Teil kompensiert, ein Teil ausbezahlt.

Einiges deutet darauf hin, dass die Überzeit mit den Einsätzen bei Sportveranstaltungen zusammenhängt.
Ja, das ist so geworden, war aber nicht immer so. Am meisten Überstunden hatten wir in Basel in den Achtzigerjahren rund um die Krawalle von AJZ, Stadtgärtnerei und der «Bewegung». Heute sind es die Fussballspiele.

Polizisten, hört man, hätten besonders bei Fussballeinsätzen Angst.
Ja, aber das macht nichts. Der unfriedliche Ordnungsdienst ist ja der unbeliebteste Dienst von allen – aus sehr verständlichen Gründen. Es gibt durchaus Polizistinnen und Polizisten, die mit einem mulmigen Gefühl an solche Einsätze gehen. Und die Angst bekommen können, wenn die Auseinandersetzung losgeht – weil sie nicht wissen, ob sie unverletzt wieder herauskommen. Wenn man dazu stehen kann und auch die Führung es anspricht, dass es keine Schande ist, eine gewisse Angst zuzugeben – dann macht es nichts und ist auch kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil, ich finde es sehr wichtig, dass Polizisten so etwas untereinander besprechen können, ohne dass man sich über sie lustig macht. Weit grösser ist die Gefahr, wenn Polizisten ihre Angst nicht zugeben können – und dann aus dieser Angst heraus überreagieren.

Die Angst als Mutter der Gewalt . . .
Sie kann es sein und eine Überreaktion auslösen. Es gibt aber viele andere Gründe für Gewalt. Früher war Angst bei der Polizei ein Tabuthema, man dachte völlig anders. Seit vielen Jahren ist man bedeutend weitergekommen und hat solche psychologische Faktoren auch bei der Ausbildung stark gewichtet.

Leiden Polizisten auch daran, dass ihr Beruf abgewertet wird?
Da bin ich anderer Auffassung. Seit Jahren, das zeigt eine regelmässige ETH-Umfrage, geniesst die Polizei das höchste Vertrauen aller prägenden Institutionen im Staat, vor den Gerichten, vor der Armee, vor der Politik, der Wirtschaft und den Medien. Im europäischen Vergleich steht die Schweiz nach skandinavischen Ländern an der Spitze, weit vor vielen anderen. Das hat mehrere Gründe. Erstens sind die Schweizer Polizisten offensichtlich meistens da, wenn man sie braucht. Zweitens sind sie nicht korrupt. Drittens wird die Polizei politisch-demokratisch kontrolliert, und zwar nicht zentral, sondern in den einzelnen Kantonen.

Auch in der Schweiz macht die Polizei Fehler, und auch die politische Kontrolle, wie der Fall Reinhardt zeigt, hat schon versagt.
An der schwierigen Aufgabe der Polizei gemessen, kommen erhebliche Fehler selten vor. So gesehen hat die Dezentralisation der Polizei ihre Vorteile, stösst aber an Grenzen. So sind Polizeidatenbanken beim Bund unverzichtbar geworden, allerdings braucht es dafür eine klare Grundlage in der Bundesverfassung. Was mich in diesem Zusammenhang zurzeit am meisten stört: dass das Grenzwachtkorps Polizeikontrollen durchführt, die nicht verfassungskonform sind. Das hat mit der Schleierfahndung nach Schengen nichts mehr zu tun, die beschränkt sich nämlich auf einen Grenzstreifen. Wenn aber die Grenzpolizei zur Sicherheitspolizei wird, bröckelt das Vertrauen der Bevölkerung in die Institution Polizei. Das Vertrauen schwindet auch, wenn die Polizei nicht oder zu spät kommt, weil sie unterdotiert ist. Das ist jedoch nicht ihr Fehler, sondern der Fehler der Politik.

Andere Länder wie England oder Frankreich setzen immer stärker auf Überwachung.
Eine Videokamera nützt überhaupt nichts, wenn niemand die Übertragung verfolgt und keine Polizei in der Nähe ist, um einzugreifen. Das zeigt sich gerade in England, das mit der Überwachung am weitesten gegangen ist. Ohne das nötige Personal bleibt das Ganze praktisch wirkungslos.

Eine weitere Variante ist der Einsatz privater Sicherheitsdienste, zum Beispiel bei Fussballspielen.
Da habe ich grösste Bedenken. Meiner Meinung nach höhlen wir damit den Rechtsstaat aus. Private Sicherheitsfirmen im öffentlichen oder halb öffentlichen Raum, etwa in Stadien oder in der Bahn, haben keinerlei polizeiliche Rechte. Sie können das Hausrecht ausüben, sonst haben sie ausschliesslich die Jedermannsrechte, was heisst: Sie können bei einem Verbrechen oder Vergehen jemanden festhalten, bis die Polizei kommt. Diese klaren Beschränkungen werden immer mehr missachtet. Die Bevölkerung kann nicht mehr wissen, wer eigentlich wozu befugt ist. Das schadet dem Rechtsstaat sehr.

Wie erklären Sie sich eigentlich, dass vor allem Fussballspiele immer häufiger in Gewalt ausarten?
Nach vierzig Jahren Erfahrung als Staatsanwalt, Polizeikommandant und Jurist sehe ich einen Zusammenhang mit dem Wertezerfall in unserer Gesellschaft. Ihr Verhältnis zur Gewalt hat etwas Schizophrenes. Einerseits wird Gewalt verurteilt, man versucht sie zu kontrollieren, einzudämmen, zu verhindern, man reagiert mit Abscheu und Entsetzen. Gleichzeitig werden die schrecklichsten Horrorfilme und Gewaltvideos konsumiert.

Gehört das nicht zur menschlichen Natur? Auch die shakespeareschen Königsdramen lassen sich als Abfolge von Machtwahn und Blutrausch lesen.
Natürlich, das gilt auch für das Alte Testament. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein gewaltiger Unterschied darin besteht, ob Gewalt im Theater oder in Versen dargestellt wird – mit einer deutlichen Trennung zwischen Fiktion und Wirklichkeit – oder ob sie über das Fernsehen jeden Abend ihren Ausdruck findet. Gewalt wird dermassen wirklichkeitsnah dargestellt, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Dazu kommt die Rolle der Medien. Ich habe das gerade bei Fussballspielen, den anschliessenden Krawallen und der Berichterstattung immer wieder erlebt: Die Bilder der prügelnden Fans machten diese erst richtig scharf. Die Gewalt, befürchte ich, ist für manche zum Lustrausch verkommen. Und die Medien werden ungewollt zu Komplizen derer, die sie verurteilen.

Auf der anderen Seite fällt auf, wie schwer sich Polizisten und ihre Kommandanten damit tun, Fehler zuzugeben und Kritik zu akzeptieren. Statt Offenheit regiert dann der Korpsgeist.
Korpsgeist heisst zunächst, dass man einander hilft und zueinander schaut, dass man einander vertraut. Das ist gerade bei einer solchen Arbeit enorm wichtig. Der Korpsgeist kann dann zum Problem werden, wenn etwas schiefläuft und eine Mauer des Schweigens hochgezogen wird. Das gibt es, keine Frage, und es erschwert die Fehlersuche – mit der Gefahr, dass sich die Fehler wiederholen. Das ist dann ein falsch verstandener Korpsgeist.

Der gefährlichste Fehler, der Polizisten passieren kann, ist wohl die Überreaktion.
Das hat fast immer mit Führungslücken zu tun. Was zeigt, welche Verantwortung ein Polizeikommandant übernehmen muss. Er ist die Ansprechperson für das Ganze nach unten und oben. Das ist ein einsamer Job. Der Kommandant muss auch reagieren, wenn seine Leute am Anschlag sind, wenn sich Krankheiten, Stress und Überlastung in seinem Korps häufen, wenn die Sicherheit gefährdet ist. Dann aber sollte auch die Politik reagieren. Doch die Politiker sagen meistens, man müsse sparen.

Die Politik macht eher die Gewalt im Alltag zum Thema, allen voran die SVP. Wo hören für Sie die berechtigten Befürchtungen auf und beginnt die Angstmacherei?
Für mich steht ausser Frage, dass hier mit der Angst der Bevölkerung Politik gemacht wird – und zwar erfolgreich. Leider machen viele bürgerliche Politiker dabei mit, statt die SVP daran zu erinnern, dass sie es ist, die den Staat mit Einsparungen in den Ruin treibt. Das wirkt sich auch auf die Polizei aus. Sie ist unterdotiert und überlastet. Und das gefährdet die Sicherheit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2010, 07:17 Uhr

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