«Es ist nicht im Interesse des Kindes, krank zur Welt zu kommen»

Keine Retterbabys, mehr Tests auf Krankheiten und eine unbegrenzte Anzahl zu befruchtender Embryonen: Die Entscheide des Nationalrats bergen Zündstoff. Was Experten dazu sagen.

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Es waren heikle ethische Fragen, mit denen sich der Nationalrat heute befasst hat. Soll ein Kind gezeugt werden dürfen, um seinem kranken Geschwister mit seinem gesunden Genmaterial zu helfen? Und sollen nur Paare mit einer Veranlagung für schwere Erbkrankheiten Embryonen darauf testen lassen? Oder dürfen die Methoden der Präimplantationsdiagnostik (PID) künftig auch für den Nachweis anderer Krankheiten verwendet werden? Die Debatte in der grossen Kammer war entsprechend intensiv – und bildete die unterschiedlichsten Positionen ab, die in der Gesellschaft zu diesem kontroversen Thema vertreten werden.

Trotz grosser Bedenken der CVP und der Grünen entschied sich der Nationalrat schliesslich für eine weiter gehende gesetzliche Liberalisierung, als sie Bundes- und Ständerat angestrebt hatten. So sollen neu nicht maximal acht Embryonen entwickelt und auf Erbgut untersucht werden, sondern so viele, wie für eine erfolgreiche Schwangerschaft nötig sind. Und mit der Neuregelung soll auch das sogenannte Aneuploidie-Screening erlaubt sein. Dadurch können im Reagenzglas gezeugte Embryonen vor der Übertragung in die Gebärmutter auf numerische Chromosomenstörungen – beispielsweise Trisomie 21 – getestet werden. Für Christian De Geyter, Chefarzt der Reproduktionsmedizin am Universitätsspital Basel, ist dies ein längst überfälliger Schritt: «Es gilt, einen bis zu 20-jährigen Rückstand gegenüber dem Ausland aufzuholen. Mit der Zulassung der neuen Methoden können wir die Patientenversorgung im Land sicherstellen – betroffene Paare müssen zur Behandlung nicht mehr ins Ausland reisen.»

«Erleichterung für die Eltern»

Die Lockerung des PID-Verbots, die zuerst noch die Hürde einer Volksabstimmung passieren muss, würde einen heute geltenden Widerspruch lösen: Bislang durften Frauen nur bei bereits begonnener Schwangerschaft überprüfen lassen, ob der Fötus an seltenen Krankheiten leidet – und entschieden sich gegebenenfalls für einen Abbruch. «Für die betroffenen Paare ist es eine grosse Erleichterung, wenn die Untersuchungen bereits im Labor geschehen und nicht erst während der Schwangerschaft», sagt denn auch Bernhard Rütsche, Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie sowie Mitglied der nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK). Die PID erweitere den Entscheidungsspielraum der Betroffenen massgeblich. «Wichtig ist dabei, dass die Paare nicht nur über die medizinischen Möglichkeiten, sondern auch über die Grenzen der PID, die damit verbundenen Belastungen und das Prozedere der Embryonenauswahl aufgeklärt werden. Nur so können die Paare ihr Selbstbestimmungsrecht und ihre Verantwortung effektiv wahrnehmen.»

Auch De Geyter macht die Erfahrung, dass eine Abtreibung für die Eltern traumatisierender ist als die Selektion im Reagenzglas. Doch Behindertenorganisationen lassen dieses Argument nicht gelten: Sie befürchten einen gesellschaftlichen Zwang zur PID sowie zu gesunden Babys – und dadurch eine zunehmende Stigmatisierung behinderter Menschen. Diese Ängste hält De Geyter indes für unbegründet. Trotz der heute bereits erlaubten Pränataldiagnostik bleibe die Zahl der Neugeborenen mit dem Downsyndrom konstant. Durch die vorgeburtliche Diagnostik habe lediglich eine demografisch bedingte Zunahme verhindert werden können. Auch Rütsche verweist darauf, dass die Sensibilisierung gegenüber Behinderten stetig zunehme.

«Keine Frau verfügt über die nötigen Eizellen»

Das Argument der PID-Gegner, mit diesen Methoden würde das Kindeswohl gefährdet, kann De Geyter nicht nachvollziehen. Zum einen komme es durch die Früherkennung der Krankheiten zu weniger Schwangerschaftsabbrüchen, zum anderen sei es «in keinem Fall im Interesse des Kindes, krank zur Welt zu kommen». Dass künftig Designerbabys entworfen werden könnten, wie in der heutigen Debatte ins Feld geführt wurde, sei rein technisch gar nicht möglich. «Keine Frau verfügt über so viele Eizellen, dass ein Baby mit allen gewünschten Merkmalen hergestellt werden kann.» Daher sei eine mögliche gesetzliche Begrenzung auf acht Embryonen von Beginn weg eine müssige Diskussion gewesen. Rütsche betont, die Politik habe es in der Hand, die nötigen Grenzen zu setzen und damit weiter gehende Selektionen zu verhindern. De Geyter plädiert als Präsident der Gesellschaft für Reproduktionsmedizin auch für eine maximale Transparenz. «Wir müssen eine Meldestelle einrichten, welche die Ergebnisse der schweizweiten Untersuchungen zusammenträgt und detailliert veröffentlicht.»

Debatte mit vielen Tabus

Mit dem heutigen Entscheid ist zudem die Zulassung von sogenannten Retterbabys vom Tisch. Das heisst, Embryonen dürfen nicht nach dem Kriterium selektioniert werden, dass sie ihren älteren Geschwistern als Stammzellen- oder Organspender dienen könnten. Für die Angst, werdendes Leben könnte als «Ersatzteillager» instrumentalisiert werden, hat Rechtsphilosoph Rütsche Verständnis: «Der Nationalrat hat klug entschieden. Denn die Zeugung eines solchen Babys wäre mit dem Makel verbunden, dass sie auch durch therapeutische – also fremde – Zwecke motiviert ist.»

De Geyter beurteilt das anders. «Aus medizinischer Perspektive gibt es nur eine Antwort auf diese Frage: Wenn der Tod des älteren Kindes damit verhindert werden kann, ist die Methode zu befürworten.» Ausserdem müssten in der Schweiz jährlich nur ein bis zwei Paare diese Entscheidung treffen. Rütsche sieht hingegen die geringe Fallzahl nicht als Grund für eine Zulassung von Retterbabys: «Aus menschenrechtlicher Sicht darf es keine Rolle spielen, wie viele Personen möglicherweise betroffen sind. Wenn das spätere Wohl eines geborenen Retterbabys übermässig beeinträchtigt ist, dann genügt dies für ein Verbot – auch wenn es nur ganz wenige Fälle gäbe.»

Einig sind sich die Experten aber über die vielen Tabus, welche die PID-Debatte nach wie vor prägen – etwa ungewollte Kinderlosigkeit oder In-vitro-Fertilisation. Dennoch sind beide überzeugt, dass die Lockerung des Gesetzes an der Urne gute Chancen hat. «Die Gesellschaft hat in diesen Fragen eine eher liberale Einstellung. Das haben vergangene Abstimmungen deutlich gezeigt», so Rütsche. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.06.2014, 18:37 Uhr)

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