«Es ist viel gefährlicher, wenn mehr Leute bewaffnet sind»

Warum nehmen in der Schweiz die Waffenkäufe zu? Birgt das Risiken? Dazu Kriminologe Martin Killias.

Glaubt nicht, dass aufgrund von Terrormeldungen Waffen gekauft werden: Kriminologe Martin Killias.

Glaubt nicht, dass aufgrund von Terrormeldungen Waffen gekauft werden: Kriminologe Martin Killias. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Die Waffenverkäufe haben laut einem Bericht im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Wie erklären Sie sich das?
Befragungen, die ich zu diesem Thema durchgeführt habe, zeigen, dass nur ein kleiner Teil aus Angst Waffen besitzt. Ich glaube nicht, dass sich das gross geändert hat. Der Anstieg der Gesuche für Waffenerwerbsscheine könnte auch mit der Gesetzeslage zu tun haben, die sich in den letzten Jahren drastisch verschärft hat. Beim Austritt aus der Armee kann man nicht mehr wie früher die Waffe mit nach Hause nehmen. Man braucht eine Bewilligung. Ausserdem kann man heute keine Waffen mehr kaufen ohne Überprüfung, und auch bestehende Waffen müssen teilweise nachträglich registriert werden.

Also gibt es nicht mehr Waffenbesitzer, sondern nur mehr Bewilligungsanträge?
Das ist die entscheidende Frage. Ein Grossteil der Kundschaft in Waffenläden sind Profis auf dem Gebiet, Waffen sind ihr Hobby. Es sind Sammler, die bereits Waffen haben und noch weitere kaufen wollen. Wenn diese Leute jetzt Bewilligungen brauchen für jede zusätzliche Waffe, dann führt das zu einem Anstieg. Man müsste zuerst untersuchen, ob die Gesuche für Erwerbsscheine von solchen Personen kommen oder von Neulingen, die bisher keine Waffe besessen haben. Sonst kann man nicht von einem Trend sprechen.

Eine Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung wegen Terrormeldungen oder der Flüchtlingskrise spielt aus Ihrer Sicht keine Rolle?
Die Kriminalität ist allgemein eher gesunken in den letzten Jahren. Auf der Strasse ist es sicherer geworden. Deshalb denke ich, dass die Beunruhigung der Menschen nicht grösser geworden ist. Und Fälle wie Rupperswil kommen selten vor. Bezüge zum Terrorismus und der Flüchtlingskrise sehe ich gar nicht. Im Zusammenhang mit Flüchtlingen hat sich bezüglich Kriminalität in den letzten Monaten schlicht nichts geändert. Und die Menschen bewaffnen sich doch nicht, weil sie damit Selbstmordanschlägen vorbeugen wollen. Sie sind viel vernünftiger, als allgemein angenommen wird.

Welche Gefahren würde denn eine Zunahme der Waffenkäufe bergen?
Die USA sind ein gutes Beispiel. Dort passieren deshalb viel mehr Tötungsdelikte, weil die Täter davon ausgehen, dass die Hausbesitzer bewaffnet sind und sich deshalb selbst bewaffnen. Wenn sich die Schweizerinnen und Schweizer wegen eines Falls wie in Rupperswil bewaffnen würden, könnte dies dazu führen, dass bei Einbrüchen künftig mehr geschossen würde. Es ist viel gefährlicher, wenn mehr Leute bewaffnet sind.

Gelangt man in der Schweiz zu leicht an Waffen?
Nein. Gerade durch die Gesetzesverschärfungen in letzter Zeit wurde der Zugang zu Waffen erschwert. Ich stelle in den letzten zwanzig Jahren einen permanenten Rückgang fest. Früher hatte mehr als ein Drittel der Haushalte Waffen, heute ist es ein Wert um die 20 Prozent. Dies hat verschiedene Gründe: erstens die Verkleinerung der Armee, zweitens die Veränderung der Zusammensetzung der Bevölkerung. Wir haben heute mehr Ausländer, die in aller Regel gar keine Waffe besitzen dürfen. Drittens gibt es heute viel mehr Kleinhaushalte, in denen es weniger oft Waffen gibt als in Grosshaushalten mit männlichen Wehrpflichtigen. Ein weiterer Aspekt ist der Bedeutungsverlust vieler Hobbys wie das Schiessen und die Jagd, die mit Waffen zusammenhängen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 31.12.2015, 14:04 Uhr)

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Martin Killias

Martin Killias ist ständiger Gastprofessor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie an der Universität St. Gallen. Er erforscht seit Jahren die Verbreitung von Waffen und deren Missbrauch.

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