«Es könnten schwangere Frauen und Kinder sterben»
Von David Schaffner. Aktualisiert am 07.08.2009 65 Kommentare
Marco Rossi
Peter Mattmann
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Zu den Personen
Marco Rossi, 48, ist seit 2001 leitender Arzt für Infektiologie und Spitalhygiene am Luzerner Kantonsspital.
Peter Mattmann, 61, ist Facharzt für Allgemeinmedizin mit einer Zusatzausbildung in Homöopathie in Kriens.
Im Herbst sollen Impfstoffe gegen die Schweinegrippe erhältlich sein. Empfehlen Sie den Menschen, sich zu impfen?
Peter Mattmann: Nein, es müssen sich nicht alle Menschen impfen lassen. In meiner Praxis schaue ich jeden Fall einzeln an. Wie gefährlich könnte eine Grippe verlaufen? Welche Nebenwirkungen können bei einer Impfung auftreten? Bisher unterscheidet sich der Verlauf der Schweinegrippe kaum von einer normalen Grippe. Ich wäge das unbekannte Risiko der Impfung ab gegen das momentan kleine Risiko der pandemischen Grippe.
Marco Rossi: Ich empfehle die Impfung, sobald ein als wirksam und sicher getesteter Impfstoff verfügbar ist. Gesamthaft betrachtet, wirkt sich die Schweinegrippe auf die Gesellschaft verheerender aus als eine saisonale Grippe. Zwar ist ihr Verlauf im Durchschnitt nicht gravierender als bei anderen Grippen. Da das Virus neu ist, werden jedoch viel mehr Menschen erkranken und deshalb mehr schwere Fälle auftreten. In den USA sind sechs schwangere Frauen, die zuvor gesund waren, gestorben. Auch die Schweiz muss damit rechnen, dass schwangere Frauen und gesunde Kinder sterben.
Mattmann: Bei den Zahlenspielen mit Toten ist Vorsicht geboten: Nur wenige Menschen sterben an direkten Folgen der Grippe Die meisten erliegen sekundären Infektionen, wie sie durch viele Viren verursacht werden. Die Todesursache ist eine individuelle Abwehrschwäche. Solche Todesfälle können durch die Grippeimpfung nicht verhindert werden. Die bisherigen Grippeimpfungen wirken miserabel und bieten bei höchstens 30 Prozent einen effektiven Schutz.
Rossi: Im Fall der Schweinegrippe dürfen wir damit rechnen, dass der Wirkungsgrad höher ist. Diese pandemische Grippe befällt vor allem Kinder und junge Erwachsene. Sie können auf eine Impfung besser reagieren. Mit dem Ziel einer optimalen Schutzwirkung werden die Ärzte vermutlich zwei Impfungen im Abstand von zwei bis vier Wochen verabreichen. Die Zugabe von Hilfsstoffen kann die Immunantwort verbessern. Ältere Menschen sind etwas weniger bedroht, weil sie in ihrer Kindheit bereits Kontakt hatten mit ähnlichen Viren. Dadurch besteht eine Rest-Schutzwirkung.
Welche Nebenwirkungen können bei Grippeimpfungen auftreten?
Mattmann: Bis heute gibt es keine Studien über langfristige Komplikationen der Grippeimpfung. Die Zulassungsbehörden prüfen nur, was in den ersten drei Tagen nach der Impfung geschieht. Wichtig wäre zu wissen, welche Probleme nach Monaten oder Jahren auftreten. Ich habe Patienten, die später an Asthma litten oder an epileptischen Anfällen. Diese Krankheiten wiegen viel schwerer als eine Grippe.
Rossi: Es stimmt nicht, dass wir über langfristige Folgen nichts wissen. In den letzten 30 Jahren haben sich Millionen von Patienten impfen lassen. Schwere Komplikationen treten nur sehr selten auf. Ich impfe im Spital regelmässig meine Mitarbeiter. Wenn Nebenwirkungen auftreten, stehen die sofort bei mir im Büro. Es kommt vor, dass der Oberarm einige Tage schmerzt oder dass jemand zwei Tage lang leichte Grippesymptome verspürt. Ernsthaftere Folgen wie beispielsweise Symptome einer schweren Grippe habe ich bisher nur sehr selten erlebt.
Mattmann: Hier geht es nicht um harmlose Nebenwirkungen wie Armschmerzen. Bei vielen Menschen, die einmal geimpft wurden und später chronisch erkranken, fragt kein Arzt mehr nach einer früheren Impfung. Deshalb bleiben die Zusammenhänge unerkannt. Unsere Gesellschaft unterschätzt die Risiken des Impfens massiv.
Die Experten des Bundes wollen 95 Prozent der Schweizer Bevölkerung impfen. Warum eine so hohe Zahl?
Rossi: Es geht darum, nicht nur einzelne Personen, sondern die ganze Bevölkerung zu schützen. Also auch jene Menschen, die eine Immunschwäche haben und gar nicht auf Impfungen reagieren können. Sie sind darauf angewiesen, dass sie nicht von anderen Personen angesteckt werden. Dies wiederum ist nur möglich, wenn sich der grösste Teil der Bevölkerung impfen lässt. In diesem Fall spricht man von einem Herdenschutz.
Mattmann: Bei der Grippe ist der Herdenschutz ein unrealistischer Wunsch. Wie gesagt: Grippeimpfungen wirken generell nur bei wenigen Menschen. Auch wenn sich sehr viele Menschen impfen lassen, werden viele krank werden und das Virus auf jene übertragen, die sich durch Impfung nicht schützen können. Die Grippe ist nicht mit den Masern vergleichbar. Die Masernimpfung wirkt bei rund 90 Prozent der Menschen. Daher kann in diesem Fall eine Impfquote von 95 Prozent tatsächlich dazu führen, dass das Virus für einige Zeit nicht mehr zirkuliert.
Rossi: Es wird wohl tatsächlich schwierig werden, alle Menschen vor dem Virus zu schützen. Nicht weil die Wirkung der Impfung so schlecht ist, sondern weil sich viele Menschen nicht impfen lassen wollen. Die Freiheitsrechte garantieren dem Individuum, dass es sich selber entscheiden kann. Umso wichtiger ist, dass wir die Bevölkerung nach wissenschaftlichen Kriterien informieren. Die Risiken einer Impfung werden emotional anders wahrgenommen als die Risiken der Krankheit.
Mattmann: Es sind doch gerade die Impfbefürworter, die Angst schüren. Immer wieder vergleicht man die heutige Situation mit der Spanischen Grippe von 1918. Damals waren die Menschen psychisch und physisch geschädigt durch den Krieg. Wir haben heute eine andere Situation. Die Angstmacherei ist kontraproduktiv. Eine übermässige Angst vor der Krankheit schwächt die Abwehrkraft.
Das Virus geht längst um. Bietet eine Impfung im Herbst überhaupt noch Schutz?
Rossi: Natürlich hätten wir die Impfstoffe gerne früher gehabt. Wenn ein Hochwasser kommt, verzichten wir aber auch nicht auf Sandsäcke, weil bereits einige Keller überschwemmt sind. Für England, wo bereits viele Menschen erkrankt sind, kommt die Impfung zu spät. In der Schweiz gibt es erst wenige Fälle. Vielleicht kommt der Impfstoff rechtzeitig für eine erste Welle.
Ein Virus kann jederzeit mutieren und gefährlicher werden. Sind gegen ein aggressiveres Virus Menschen mit oder ohne Impfung besser geschützt?
Rossi: Wer die Krankheit jetzt durchmacht, wird sich bei einer zweiten Welle nicht mehr anstecken. Kein Impfstoff bietet hingegen eine hundertprozentige Sicherheit. Wenn tatsächlich eine viel aggressivere Mutation auftritt, sind jene die Glücklichen, die die Grippe bereits durchgemacht haben.
Mattmann: Da kann ich nur zustimmen. Wer eine Woche lang im Bett liegt und das Immunsystem kämpfen lässt, ist danach sehr viel besser geschützt. Für alte Menschen gilt generell: Je mehr Grippen sie durchgemacht haben, desto weniger müssen sie sich vor der Grippe fürchten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.08.2009, 06:44 Uhr
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65 Kommentare
"Wenn tatsächlich eine viel aggressivere Mutation auftritt, sind jene die Glücklichen, die die Grippe bereits durchgemacht haben." Ergo, möglichst viele Menschen sollten jetzt diese Grippe durchmachen, wo sie noch verhältnismässig harmlos ist. Die Impfung ist also langfristig kontraproduktiv... Antworten
ich habe noch fragen, mein mann ist seid 35 jahren diabetiker und hat schon einige langzeit schäden herzinfarkt augenops nierenversagen 1998 und transplantation 2002 bis anhin hat sich mein mann jedes jahr gegen die grippe geimpft ich aber nie ist es sinnvoll wenn ich mich diesmal auch impfen oder wie sollen wir uns verhalten mit einem geschwächten imunsystem tamiflu darf er ja nicht nehmen danke Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.






