«Europa bleibt für Tunesier ein Paradies»

Der schweizerisch-tunesische Schriftsteller Amor Ben Hamida ist eben aus Tunesien zurückgekommen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit ihm über kriminelle Asylsuchende und die Migrationspartnerschaft zwischen Tunesien und der Schweiz.

Engagiert sich für tunesische Asylsuchende: Amor Ben Hamida.

Engagiert sich für tunesische Asylsuchende: Amor Ben Hamida. Bild: zvg

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Wollen die jungen Männer in Tunesien immer noch nach Europa in der Hoffnung, Arbeit zu finden?
Ja, sie wollen immer noch nach Europa. Aber das geht nicht mehr so einfach wie früher. Die tunesische Marine hat die Küste unterdessen unter Kontrolle, nur noch einzelne Boote kommen durch.

Wie ist die wirtschaftliche Situation?
Die Übergangsregierung kocht auch nur mit Wasser, sie kann nicht genügend Arbeitsplätze schaffen. Das Land ist nach der Revolution in einer Übergangsphase, es besteht wirtschaftliche Unsicherheit. Viele Investoren halten sich zurück.

Gibt es keine Hoffnung auf Besserung?
Es gibt Gründe zur Hoffnung. Erstens: Der Tourismus kommt langsam zurück. Ich war ja schon im Januar in Tunesien, da herrschte im Tourismus tote Hose. Jetzt im März sah ich wieder europäische Gesichter. Die Anstrengungen des Tourismusministers zahlen sich anscheinend aus. Er lud Journalisten ein und warb in Moskau. Für dieses Jahr rechnet man mit über 200'000 russischen Touristen. Das ist wichtig, denn eine Stelle im Tourismus ernährt eine ganze Familie. Und zweitens: Libyen öffnet wieder seine Grenzen. Tunesische Arbeiter sind in Libyen begehrt, weil sie tüchtig sind, und sie werden bevorzugt eingestellt. Und Libyen braucht diese Arbeiter. Man darf auch nicht vergessen, dass Libyen gegenüber Tunesien eine gewisse Schuld hat. Denn während der libyschen Revolution nahm Tunesien vorübergehend 800'000 Flüchtlinge aus Libyen auf. Das Problem ist im Moment noch die schlechte Sicherheitslage. Solange fast jede zweite libysche Hausfrau eine Kalaschnikow zu Hause hat, macht das den Tunesiern Sorgen. Ich vermute, dass die Sicherheitslage in ungefähr einem halben Jahr besser ist. Libyen könnte 150'000 bis 200'000 Tunesiern Arbeit geben.

Dringen Berichte von kriminellen Asylsuchenden nach Tunesien?
Die meisten Leute, mit denen ich in Tunesien sprach, verurteilen kriminelle Asylsuchende. Sie meinen, Asylsuchende müssten sich ruhig verhalten. In Tunesien hat man immer weniger Verständnis für die Männer, die nach Europa gehen. Denn sie sind weder politische Flüchtlinge, noch werden sie religiös verfolgt. Man weiss, dass sie Wirtschaftsflüchtlinge sind oder Kriminelle, die in den Revolutionswirren aus den Gefängnissen entkamen.

Das Abkommen zur Migration zwischen Tunesien und der Schweiz will die freiwillige Rückkehr fördern und die Ursachen der Migration steuern. Konkrete Massnahmen werden aber keine genannt. Was könnte Ihrer Meinung nach die Migration verhindern?
Das Problem, dass Europa in den Augen der Tunesier ein Paradies ist, das wird bleiben. Und zwar in ganz Afrika – Europa ist das Idol, das Ziel für viele. Wer aber einen Job hat in Tunesien, ist nicht so einfach bereit, auszuwandern. Zwar ist für sie Europa immer noch ein Traum, aber sie bleiben. Vor allem die ungelernten Arbeiter. Man muss aber schon sehen, dass der Durchschnittslohn in Tunesien nur 250 Franken beträgt. Ein Liter Benzin kostet 70 Rappen. Darum glaube ich, dass der Migrationswille bleibt, aber bei Anhebung des Lohnniveaus würden die meisten dennoch nicht auswandern. Eine Möglichkeit wären auch Arbeitskontingente für Tunesier in der Schweiz. Dies würde den Migrationsdruck verringern, die Tunesier könnten legal arbeiten.

Wie soll die Rückkehr nach Tunesien gestaltet werden?
Viele sehen ein, dass Europa nicht das ersehnte Paradies ist. Ein Asylsuchender sagte mir, dass es sein grösster Fehler war, sein Leben für die Überfahrt nach Europa zu riskieren. Er möchte lieber zurück. Aber das Problem ist, dass die Rückkehrer zu Hause das Gesicht verlieren. Sie kehren mit leeren Händen zurück zur Familie, die sich für ihre Überfahrt nach Europa verschuldet hat. Einer sagte mir: «Ich schwöre, wenn man mir 4000 Franken gibt, kehre ich zurück.» Das wäre für mich ein machbares Modell, obwohl ich die Sorgen der Schweizer verstehe, die fürchten, es würden dann immer mehr Asylsuchende kommen.

Sehe Sie Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Tunesien und der Schweiz?
Tunis ist von Zürich aus in zwei Stunden mit dem Flugzeug erreichbar und hat viele gut ausgebildete Leute. Die Infrastruktur ist à jour, Telekommunikation ist vorhanden. Schweizer Firmen könnten gewisse Aufgaben auslagern. Ich drucke zum Beispiel meine deutschsprachigen Bücher in Tunis, das schafft eineinhalb Arbeitsplätze. Das günstige Lohnniveau ist ein weiterer Vorteil. Und Tunesien bietet viele Steuervorteile für europäische Investoren. Wenn die Sicherheit wieder da ist, könnte die Schweizer Wirtschaft Tausende von Arbeitsplätzen schaffen, davon bin ich überzeugt.

Am Sonntag demonstrierten die streng religiösen Salafisten für die Einführung der Scharia. Sind sie bloss eine extremistische Minderheit oder haben sie Rückhalt in der Bevölkerung?
Die Salafisten muss man nicht ernst nehmen, sie sind eine kleine Minderheit. Das ist, wie wenn hier ein paar Rechtsextreme in der Bahnhofstrasse demonstrieren würden. Sie fallen einfach sehr auf. Viele Tunesier bezeichnen Salafisten als Extremisten. Zudem ist die Regierung sich der Gefahr bewusst. Die Scharia in der tunesischen Verfassung ist für tunesische Politiker ein Ding der Unmöglichkeit. Die Frauen haben 1956 das Stimmrecht erhalten, es gibt ein Scheidungsrecht, die Polygamie ist abgeschafft. Ich bin 120 Prozent überzeugt: Die Tunesier nehmen keine Verfassung an, in der die Frauenrechte beschnitten werden.

Heute Abend improvisiert Amor Ben Hamida in Zürich zusammen mit dem Forumtheater Act-Back das Stück «Was treibt tunesische Bootsflüchtlinge zu uns und warum stören sie so beharrlich?».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.03.2012, 17:22 Uhr)

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Amor Ben Hamida ist ein Brückenbauer zwischen der Schweiz und der arabischen Welt. Geboren 1958 in Tunesien, kam er als Kind in das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen. In seinen Büchern geht es um Begegnungen zwischen Europäern, Arabern und Afrikanern. Sein neustes Buch «Von der Sehnsucht» erzählt von der Reise eines Senegalesen in die Schweiz. Ben Hamida trifft auch regelmässig tunesische Asylsuchende und engagiert sich in Tunesien für Wirtschaftsflüchtlinge, die nach Tunesien zurückgekehrt sind.

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