Experte sieht Flugzeuge als grosses Sicherheitsrisiko für die AKW

Die Atomaufsichtsbehörde des Bundes verschleppe längst fällige Untersuchungen, sagt ein Ex-Swissair-Pilot.

Die Reaktorhülle ist im oberen Bereich bloss 15 Zentimeter dick: Atomkraftwerk Mühleberg bei Bern. Foto: Urs Hubacher (Keystone)

Die Reaktorhülle ist im oberen Bereich bloss 15 Zentimeter dick: Atomkraftwerk Mühleberg bei Bern. Foto: Urs Hubacher (Keystone)

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Die Atomaufsichtsbehörde des Bundes (Ensi) will die Gefahr von Flugzeugabstürzen neu beurteilen. Mehr als ein Jahr ist seit dieser Ankündigung verstrichen, doch neue Resultate liegen noch nicht vor. Dies zeigen Antworten, die das Ensi im Technischen Forum Kernkraftwerke gegeben und vorgestern auf seiner Homepage aufgeschaltet hat. In diesem Forum stehen sicherheitstechnische Fragen rund um die AKW zur Debatte.

Der ehemalige Swissair-Pilot Max Tobler wollte wissen, wie viel Radioaktivität in die Luft entweicht, sollte ein schweres Flugzeug wie zum Beispiel ein Airbus A380 mit 770 km/h ins Reaktorgebäude des AKW Mühleberg krachen. Das Ensi geht mit Verweis auf Studien im Nachgang zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf diese Frage nur in allgemeiner Form ein. So sei zwar mit «schweren Personen- und Sachschäden» in einer Anlage zu rechnen, sollte ein Flugzeug vorsätzlich in ein AKW fliegen, wie dies bei einem Terroranschlag der Fall sein könnte. Dass dabei radioaktive Stoffe freigesetzt würden, hält das Ensi jedoch für wenig wahrscheinlich. Als Referenzflugzeug gilt allerdings nicht etwa ein Airbus 380, sondern eine Boeing 707 – eine Maschine also, die circa fünfmal leichter ist und deren Geschwindigkeit mit bloss 370 km/h berechnet wurde. Das Ensi relativiert dies mit dem vagen Hinweis, es bestünden «weitere Sicherheitsreserven».

Anflug auf AKW «kein Problem»

Die Aufsichtsbehörde betont zudem, Mühleberg sei mit einem «gebunkerten Notstandsystem» nachgerüstet worden, weshalb es im weltweiten Vergleich einen «sehr hohen» Sicherheitsstandard aufweise. Gemäss Ensi müsste ein Flugzeug schliesslich mit hoher Geschwindigkeit in ein AKW stürzen, damit eine «lokale Durchdringung» des Reaktorgebäudes möglich sei. Bei solchen Tempi indes sei es schwierig, den Meiler so zu treffen, dass er schwer beschädigt würde.

Diese Antwort überzeugt Tobler nicht. «Das Ensi wiederholt alte, längst widerlegte Behauptungen», sagt der Fachmann, der heute als Flugsimulator-­Instruktor arbeitet. Tobler illustriert dies mit einem Beispiel: Mühleberg ist Ende der 60er-Jahre ohne Vorgaben hinsichtlich eines Flugzeugabsturzes erstellt worden. Erst 1986 machte die Vorgängerorganisation des Ensi, die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK), einen Versuch mit einem 20 Tonnen schweren Militärjet, der mit 5 Tonnen Treibstoff und 770 km/h in eine Betonwand flog. Daraus folgerte sie, dass die Reaktorhülle mindestens 1,50 Meter dick sein müsse. Bei Mühleberg, so wendet Tobler ein, betrage die Dicke im oberen Bereich aber bloss 15 Zentimeter und in der Wandmitte deren 60. Die Maschinen seien heutzutage zudem bis zu 20-mal schwerer und trügen bis zu 50-mal mehr Treibstoff mit sich als im HSK-Versuch. Laut dem Flugexperten ist es zudem kein Problem, eine grosse Maschine in ein AKW zu steuern. «Dies zeigen Versuche am Simulator.» Aus Nordwesten, wo ein ganz normaler Anflug möglich sei, stehe der Mühleberg-Reaktor völlig frei.

Uvek setzt keine Deadline

Tobler wirft dem Ensi Obstruktion vor, «da es in nuklearfreundlicher Art die Achillesferse der Reaktoren zu verbergen sucht». Das Ensi verwahrt sich gegen diese Kritik. Man verfolge laufend die Entwicklung von Forschung und Technik, Sicherheitsanalysen würden periodisch aktualisiert, sagt ein Sprecher. Dies beanspruche aber Zeit. Über die neuen Ergebnisse werde das Ensi nicht vor Ende 2015 informieren, stellt er klar. Also erst nach der Abstimmung über die kantonale Initiative «Mühleberg vom Netz», die eine sofortige Stilllegung des Berner AKW verlangt. Der Urnengang findet am 18. Mai statt.

Eine Deadline für den Abschluss der Untersuchung nennt das Ensi nicht. Und es erhält auch keine. Das Uvek, das Departement von Energieministerin Doris Leuthard, sieht es nicht als seine Aufgabe, dem Ensi «Termine für Massnahmen zu setzen, die in seine Kompetenz fallen». Ob die Öffentlichkeit nach 2015 mehr erfahren wird, ist ohnehin fraglich. Sensible Daten taxiert das Ensi nämlich als geheim; dies sei mit den OECD-Ländern vereinbart – zum Schutz der AKW und damit der Bevölkerung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 27.03.2014, 00:14 Uhr)

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Download: Der Ensi-Bericht

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