Mörgeli hat Doktoranden ungenügend betreut

Eine internationale Expertenkommission hat für die Uni Zürich Dissertationen untersucht, die Christoph Mörgeli abgesegnet hat. Ihr Fazit: Viele Arbeiten sind mangelhaft.

Der ehemalige Konservator des Medizinhistorischen Museums steht in der Kritik: SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli an einer Medienkonferenz im Zürcher Prime Tower am 11. April 2013.

Der ehemalige Konservator des Medizinhistorischen Museums steht in der Kritik: SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli an einer Medienkonferenz im Zürcher Prime Tower am 11. April 2013. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Also doch. Die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens hatte offenbar recht mit ihrer Kritik an den von Christoph Mörgeli gutgeheissenen Doktorarbeiten. Jedenfalls kommt jetzt auch eine von der Uni Zürich eingesetzte dreiköpfige Expertenkommission zu einem für den SVP-Nationalrat wenig schmeichelhaften Schluss. Er soll als Konservator zusammen mit seinem einstigen Chef, Beat Rüttimann, mangelhafte Dissertationen abgesegnet haben. Auch habe er die Doktoranden in wissenschaftlicher und methodischer Hinsicht ungenügend betreut. Dies gab die Universität Zürich heute Vormittag per Communiqué bekannt.

Alle dürfen Doktortitel behalten

Konkret untersuchten die Experten 39 zufällig ausgesuchte Dissertationen aus den Jahren 2002 bis 2012, die von verschiedenen Dozierenden betreut worden waren. Nicht zum Auftrag der Experten gehörte, die Arbeiten auf Verstösse gegen die Grundsätze der wissenschaftlichen Integrität wie Plagiate oder Ghostwriting zu prüfen. Stattdessen wurden die Dissertationen anhand von zehn Kriterien auf ihre wissenschaftliche Qualität beurteilt und mit Punkten bewertet. Daraus ergab sich, dass ein beträchtlicher Teil der Doktorarbeiten den Standards wissenschaftlicher Arbeiten nur knapp entsprach. Nach Offenlegung der Namen der betreuenden Personen zeigte sich, dass die von Beat Rüttimann und Christoph Mörgeli betreuten Arbeiten im Rahmen dieser Stichprobe häufig mangelhaft waren und wissenschaftlichen Standards nur knapp entsprachen. Teilweise handelte es sich gemäss Expertenbericht gar um wenig oder gar nicht kommentierte Transkriptionen.

Nach einhelliger Meinung der Experten ist die mangelhafte Qualität der Dissertationen auf eine unzureichende Betreuung der Doktorierenden zurückzuführen. Christoph Mörgeli und Beat Rüttimann, die beide nicht mehr im Medizinhistorischen Institut und Museum tätig sind, hätten ihre Doktorierenden in wissenschaftlicher und methodischer Hinsicht nicht ausreichend auf das Verfassen der Arbeiten vorbereitet. Dadurch hätten die Doktoranden beispielsweise der Fragestellung und den Quellenangaben zu wenig Bedeutung beigemessen.

Die Experten halten aber auch fest, dass einige der überprüften Dissertationen hohen wissenschaftlichen Standards entsprächen. Auch die anderen Absolventen dürfen ihren Dr. med. behalten. Die Titel seien nach wie vor gültig, da die Qualität der Dissertationen einst von der Medizinischen Fakultät als hinreichend beurteilt worden sei, schreibt die Uni Zürich in ihrem Communiqué. Seit der Neubesetzung des Lehrstuhls für Medizingeschichte im Februar 2011 durch Flurin Condrau würden am Medizinhistorischen Institut und Museum deutlich höhere Ansprüche an wissenschaftliche Arbeiten gestellt.

«Keine öffentliche Gefahr»

Christoph Mörgeli betont in einer schriftlichen Stellungnahme, die Doktorarbeiten hätten laut den Experten die wissenschaftlichen Standards erfüllt, wenn auch teilweise nur knapp. «Wenn sämtliche Doktorierenden ihren Titel behalten können, geht von den betreffenden Ärzten und Zahnärzten keine öffentliche Gefahr aus», so Mörgeli. Keine einzige Dissertation habe aus lediglich einer unkommentierten Transkription bestanden.

Die «Rundschau» hatte Mörgeli im März vorgeworfen, über ein Dutzend fragwürdige Doktorarbeiten durchgewinkt zu haben – «hauptsächlich für das Abschreiben von alten Texten». Eine wissenschaftliche Interpretation der historischen Texte finde nur auf wenigen Seiten statt. Die Expertenkommission hat nun untersucht, ob dies im Einzelfall als wissenschaftliche Analyse genügt. Laut der Promotionsordnung der Medizinischen Fakultät der Uni Zürich muss aus einer Dissertation erkennbar sein, dass der Doktorand fähig ist, ein wissenschaftliches Problem «zu erfassen, selbstständig zu bearbeiten und unter Berücksichtigung der aktuellen Literatur verständlich darzustellen».

Für Hubert Steinke, den Direktor des Medizinhistorischen Instituts der Uni Bern, war nach Durchsicht zweier Dissertationen bereits im Frühling klar, dass zumindest diese beiden Arbeiten den Anforderungen nicht genügen. Zwar sind die Ansprüche bei medizinischen Dissertationen allgemein kleiner als bei anderen Doktorarbeiten, was sich etwa daran zeigt, dass ein Dr. med. in sechs bis zwölf Monaten machbar ist, während ein Dr. phil in der Regel drei bis fünf Jahre beansprucht. Die wissenschaftlichen Standards gälten aber auch bei geringerem Zeitaufwand, findet Steinke.

Last-Minute-Begutachtung

Ob die Standards erfüllt sind, bestimmen die Gutachter einer Dissertation – wobei die Medizinische Fakultät der Uni Zürich im Gegensatz zu anderen Fakultäten nur einen Gutachter verlangt. Christoph Mörgeli konnte die von ihm betreuten Dissertationen aber nicht allein absegnen, weil er nur Titularprofessor war. Als solcher durfte er Doktorarbeiten nur gemeinsam mit dem zuständigen Fakultätsmitglied begutachten – also seinem Chef. Dies wurde zum Problem, als sein einstiger Vorgesetzter, Beat Rüttimann, 2010 in Pension ging. Nachfolger Flurin Condrau weigerte sich, von Mörgeli betreute Dissertationen abzusegnen. Zahlreiche solcher Arbeiten waren aber noch am Laufen – zum Teil schon seit über zehn Jahren.

So einigte man sich auf eine «Übergangslösung», wonach der bereits emeritierte Beat Rüttimann die Doktorarbeiten begutachten sollte. Er hatte dafür bis Ende Januar 2012 Zeit. Mehr als zehn Dissertationen wurden erst kurz vor dieser Deadline abgeschlossen. Die letzte traf laut Rüttimann am 31. Januar um 17 Uhr bei ihm ein. Er habe sie noch am selben Abend begutachtet.

Als Folge des Expertenberichts hat die Universitätsleitung die Medizinische Fakultät nun beauftragt, eine Änderung der Promotionsordnung zu prüfen. Zur Diskussion steht insbesondere, ob zusätzlich zum Gutachten des Doktorvaters oder der Doktormutter ein Zweitgutachten eingeführt werden soll.

«Ich stehe hinter meiner Arbeit»

Christoph Mörgeli weist die Kritik der Universität Zürich an seiner Arbeit als betreuende Person von Doktorierenden zurück. «Ich stehe voll hinter den Arbeiten, die ich betreut habe», sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Mörgeli räumte zwar ein, dass es teilweise auch Probleme mit der Sprachkompetenz gegeben habe. Beinahe die Hälfte der von ihm Betreuten habe ausländische Wurzeln. «Hätte ich diese Doktoranden nicht betreut, hätte man mir dies sicher aus parteipolitischen Gründen zum Vorwurf gemacht, sagte der Titularprofessor und SVP-Nationalrat.

Er selbst sei von den internationalen Experten nicht angehört worden. Auch über das Ergebnis ihrer Prüfungen der Dissertationen sei er nicht informiert worden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.10.2013, 09:38 Uhr

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