Fiese Büezer-Polemik

Es ist unsinnig, Jugendlichen das Gymnasium auszureden. Wir sollten sie zum gesellschaftlichen Aufstieg anspornen, statt sie zu bremsen.

Gibt es zu viele Gymnasiasten? Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat nachgefragt (Video: Mario von Ow/Alexandra Müller).
Video: Georgios Kefalas

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Es gibt zu viele Gymnasiasten (sagen 59 Prozent), und die verbliebenen Handwerker erhalten zu wenig Wertschätzung (sagen 83 Prozent): Das sind die auffälligsten Resultate einer Erhebung, die das Umfrageinstitut Vimentis soeben präsentierte. Das Statement, immerhin unter mehr als 20'000 Teilnehmern erhoben, macht einen etwas ratlos.

Unsere Maturitätsquote liegt mit 20 Prozent deutlich unter dem internationalen Schnitt. Was verspricht sich eine Mehrheit davon, sie noch weiter zu senken? Und warum ist diese Meinung gemäss Vimentis besonders verbreitet unter SVP-Wählern – die zugleich am lautesten schimpfen, wenn sie im Spital auf Hochdeutsch sprechende Ärzte treffen? Von Rudolf Strahm (SP) über Johann Schneider-Ammann (FDP) bis zu Felix Müri (SVP) loben alle unser Berufsbildungssystem, preisen in ihren Ansprachen die Medaillengewinne der Schweizer Lehrlinge. Und doch finden vier von fünf Befragten, dem Büezertum werde zu wenig Achtung gezollt – warum bloss?

Neid gegenüber «denen da oben»

Es ist denkbar, dass sich die Erklärungen auf den tiefer gelegenen Triebetagen finden. Bezeichnenderweise hatte der Bildungsgrad in der Vimentis-Umfrage kaum einen Einfluss auf die Antworten. Könnte also heissen: Es gibt viele Lehrabgänger, die «denen da oben» Prestige und Gehalt neiden, und es gibt viele Akademiker, die es oben ganz gerne geräumig haben. Der Anwalt, der zum Klassentreffen ins alte Primarschulhaus fährt, ist zufriedener mit sich, wenn er auf ein paar Lageristen und Vollzeit-Hausfrauen hinunterblicken kann.

Es ist aber auch denkbar, dass die Antworten ehrlicher Sorge entspringen. Immerhin geht schon lange die Klage, es würden Akademiker «am Markt vorbei» produziert. Die Statistik vermittelt ein differenziertes Bild. Im Januar 2017 waren 5,6 Prozent der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaftler arbeitslos gemeldet. Das ist, gemessen an der nationalen Arbeitslosenquote von 3,7 Prozent, ein relativ hoher Wert. Zugleich liegt er deutlich unter den Vergleichsquoten gewisser «bodenständiger» Branchen wie Bau- (10,1 Prozent) oder Gastgewerbe (8,2 Prozent). Andere hochqualifizierte Bereiche wie das Rechtswesen (2,1 Prozent) oder Ingenieurberufe (2,3 Prozent) stehen zudem deutlich besser da als der Durchschnitt.

Austeilen gegen «Kuschelpädagogen» und «ehrgeizige Eltern»

Wenn überhaupt, wäre also zu debattieren, ob die Gymnasiasten nach ihrer Matura immer den meistversprechenden Weg einschlagen. Doch auch die Entscheidung für ein geisteswissenschaftliches Studium ist so irrational nicht. Wer eine Stelle findet, darf mit guter Entlöhnung rechnen. Laut der neuesten Lohnstrukturerhebung des Bundes beträgt der Medianlohn im Bereich Forschung und Entwicklung 9004 Franken. In einem typisch geisteswissenschaftlichen Milieu wie «Bibliotheken, Archive und Museen» sind es immer noch 6711 Franken – klar mehr, als in handwerklichen Branchen wie der Herstellung von Möbeln (5995 Franken), von Fahrzeugen (5644 Franken) oder Textilien (5358 Franken) die Regel ist.

Fiese Polemik ist es daher, wenn SVP-Nationalrat Felix Müri in «20 Minuten» über «ehrgeizige Eltern» klagt, die ihre Sprösslinge ins Gymnasium drängten. Ausgerechnet der Vertreter einer Partei, die gerne Leistungsethos predigt und gegen Kuschelpädagogen austeilt, will Eltern und Schüler in ihrem Ehrgeiz bremsen. Denn genau darum geht es: Jugendliche, die ins Gymnasium eintreten, nehmen eine harte Zusatzausbildung auf sich. Sie tun dies mit dem Ziel des gesellschaftlichen Aufstiegs. Dazu kann man sie eigentlich nur ermutigen, so wünschbar es auch ist, dass wir viele fähige Handwerker ausbilden. Wer aber glaubt, mit Bildungspolitik vom Ballenberg das 21. Jahrhundert bestreiten zu können, hat definitiv ein paar Trends verschlafen. Digitalisierung und Automatisierung: Mehr braucht man wohl nicht zu sagen.

Warum also diese Umfrageergebnisse? Vielleicht sollte man sich für die nächste Erhebung an Max Frischs «Fragebogen» orientieren, der anno 1966 direkt auf die Leser als Individuen zielte. Die Frage lautete dann nicht mehr: «Finden Sie, dass es zu viele Gymnasiasten gibt?» Gefragt würde stattdessen: «Fänden Sie es angemessen, wenn Ihre Kinder aufs Gymnasium gingen?» Und: «Fänden Sie es angemessen, wenn die Kinder Ihres Nachbarn aufs Gymnasium gingen»? Und schliesslich: «Wären Sie bereit, dem Handwerker für die Reparatur Ihres Heizungsboilers doppelt so viel zu zahlen wie heute?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2017, 15:58 Uhr

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