Fische zeigen, wie es um Flüsse steht

Die Lebensbedingungen für Fische sind in vielen Schweizer Bächen und Flüssen schlecht. Nun werden 100 Kläranlagen aufgerüstet und 4000 Kilometer Fliessgewässer renaturiert.

Die Äsche gehört zu den besonders empfindlichen Fischen in den Schweizer Fliessgewässern. Foto: Rainer Kühnis (Keystone)

Die Äsche gehört zu den besonders empfindlichen Fischen in den Schweizer Fliessgewässern. Foto: Rainer Kühnis (Keystone)

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Die Schweizer Flüsse, Bäche und Seen sind keine trüben Gewässer mehr: Fast überall kann bedenkenlos gebadet werden. Schäumende und stinkende Wasserläufe gibt es dank 800 Kläranlagen und umfangreicher Gewässerschutzvorschriften kaum mehr. Eine Wohltat war das Phosphatverbot für Waschmittel in den 80er-Jahren. Trotz grosser Erfolge sind aber viele Fliessgewässer nach wie vor in einem biologisch mangelhaften Zustand. Das zeigt die erste umfassende Untersuchung des Bundesamtes für Umwelt (Bafu). Schwere Folgen hat das für die Fische, die sehr sensibel auf Umweltbedingungen reagieren und ein Indikator für die Gewässerqualität sind. Nur an 27 Prozent der Messstellen in der Schweiz finden sich für Fische gute bis sehr gute Lebensbedingungen. Besser ergeht es den weniger empfindlichen wirbellosen Wasserbewohnern wie Schnecken oder Krebsen und den Wasserpflanzen. Diese finden an zwei Dritteln der untersuchten Stellen gute bis sehr gute Bedingungen vor.

So geht es den Fischen in Schweizer Gewässern
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Zwar hat sich die Wasserqualität seit den 80er-Jahren erheblich verbessert. Vor allem die Überdüngung der Gewässer mit Nitrat und Phosphor konnte mit einigen Ausnahmen reduziert werden. Doch noch immer gelangen über das ­geklärte Abwasser und durch intensive Landwirtschaft zu viele Schadstoffe in die Gewässer. Das Stichwort lautet Mikro­verunreinigungen. An fünf für das Mittelland repräsentativen mittelgrossen Fliessgewässern wurden über 230 verschiedene Mikroverunreinigungen nachgewiesen. Auch kleine Fliessgewässer, die 75 Prozent der Fliesstrecke in der Schweiz ausmachen, sind stark belastet. Für den Menschen sind die Konzentrationen ungefährlich. Aber die Schadstoffe sind laut Bafu mitverantwortlich für die Abnahme der Artenvielfalt. Bei den Mikroverunreinigungen handelt es sich um Rückstände aus Medikamenten, Körperpflegemitteln oder Pestiziden. Ebenfalls in den Flüssen und Bächen landen trotz Kläranlagen künstliche Süssstoffe, die vom Menschen ausgeschieden werden.

Der typische Mittellandbach

Zur Illustration des typischen Schweizer Mittellandbaches führte das Bafu die Medien gestern an den Limpach bei Bätterkinden (BE) und anschliessend an die nahe gelegene Emme. Der Limpach ist exemplarisch für einen mittelgrossen Bach, der durch intensiv genutztes Landwirtschaftsgebiet fliesst. Er ist stark kanalisiert und mit Mikroverunreinigungen – Pestizide, Insektizide, Nitrat – aus der Landwirtschaft belastet. Im Limpach mit einem Abfluss von zwei Kubikmeter Wasser pro Sekunde werden zwar acht Fischarten gezählt. Es dominieren aber die robusten Schmerlen und Stichlinge; die sensibleren Forellen kommen kaum vor. Die Emme wiederum ist im unteren Abschnitt vor der Einmündung in die Aare in deutlich besserem Zustand. Die Emme ist das Gegenstück zum Limpach, führt zehnmal mehr Wasser und verfügt über natürliche Flussufer und Kiesbänke, die je nach Wasserstand überflutet werden können. Hier zeitigt die Renaturierung Erfolge.

«Das Wasser ist einer der wichtigsten Träger des Lebens und der Biodiversität in einem Land», sagte Bafu-Direktor Marc Chardonnens. Der Zustand der Gewässer sei immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Die Verbesserung der Gewässerqualität ist eine Jahrhundertaufgabe, einiges ist aber aufgegleist worden. So werden bis 2040 rund 100 Kläranlagen mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe ausgerüstet. Es handelt sich um Anlagen an Gewässern mit einem hohen Abwasseranteil und an Gewässern, die für die Trinkwasserversorgung wichtig sind. Ziel ist es, die Mikroverunreinigungen um 50 Prozent zu reduzieren. Finanziert wird der Ausbau mit einer Abwasserabgabe von 9 Franken pro Person und Jahr, die seit diesem Jahr erhoben wird.

Renaturierung bis ins Jahr 2100

Am aufwendigsten ist die Renaturierung von Bach- und Flussläufen. Etwa ein Viertel der rund 60'000 Kilometer Fliessgewässer in der Schweiz sind stark verbaut. Das Gewässerschutzgesetz schreibt den Kantonen vor, dass sie mit Unterstützung des Bundes bis Ende dieses Jahrhunderts 4000 Kilometer verbaute Fliessgewässern revitalisieren. Dafür werden jährlich 50 Millionen Franken aufgewendet. 20 Millionen zahlt der Bund. Zur Renaturierung sollen 2000 Hektaren Kulturland ausgeschieden werden. Die Bauern werden mit jährlich 1000 Franken pro Hektare entschädigt.

Mit einem Aktionsplan soll zudem der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft reduziert werden. Ziel ist es, die Gewässerbelastung innert zehn Jahren zu halbieren. Auch eine weniger intensive Bewirtschaftung soll dazu beitragen, die Verschmutzung insbesondere durch Nitrat zu reduzieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2016, 21:29 Uhr

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Gewässerqualität

Nur ein Viertel gut bis sehr gut

An 52 Stellen an Bächen und Flüssen in der ganzen Schweiz hat das Bundesamt für Umwelt (Bafu) untersucht, wie die Lebensbedingungen für Fische sind. 72 Prozent der Untersuchungsstellen liegen im Mittelland, mehrheitlich in der Forellen- und Äschen­region. Diese beiden Fischarten sind ein gutes Indiz für die Gewässerqualität.

Die Auswertung der erhobenen Fischdaten ergab nur für 27 Prozent der 52 bewerteten Stellen einen guten bis sehr guten ökologischen Zustand. Zwei Drittel der Stellen befanden sich in einem mässigen und rund 10 Prozent in einem unbefriedigenden Zustand. Auffallend ist, dass sich die Gewässerabschnitte mit mässiger oder gar unbefriedigender Qualität vor allem im Mittelland befinden. Untersucht wurden grosse Flüsse wie Rhein, Aare, Limmat, Tessin, Rhone, aber auch zahlreiche mittlere und kleine Bäche.

Bewertet wurde das Artenspektrum des vorhandenen Fischvorkommens, die Dominanz einzelner Arten sowie die Altersstruktur innerhalb der Arten. Ebenfalls wurde nach Deformationen und Anomalien bei den Fischen gesucht. Zusätzlich wurden Bachforellen, die sich im ersten Lebensjahr befinden, auf das Vorkommen der parasitären Infektionskrankheit PKD (Proliferative Nierenkrankheit) untersucht. Diese Krankheit ist bei Forellen in der Schweiz weit verbreitet und verläuft oft tödlich. (br)

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