Fordert der «Blick» zur Volksjustiz auf?
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 16.07.2010 66 Kommentare
Der Aufruf: Der «Blick», Ausgabe vom Donnerstag.
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Auch der Freund der toten jungen Frau macht mit: «Findet diesen Kerl», zitierte ihn der «Blick» in seiner gestrigen Ausgabe. Das junge Paar hatte am Sonntagnachmittag mit einem Schlauchboot den Bielersee befahren, als es von einem Schnellboot gerammt wurde. Beide sprangen ins Wasser, der Mann überlebte unverletzt, die 24-jährige Frau wurde von der Schiffsschraube erfasst und verblutete.
Taskforce von rund zwei Dutzend Beamten
Seither sucht die Berner Kantonspolizei nach dem flüchtigen Bootsfahrer und hat am Mittwoch eine Taskforce von rund zwei Dutzend Beamten installiert. «So viele braucht es», sagt Kapo-Sprecher Michael Fichter, «weil wir bereits eine grosse Anzahl von wertvollen Hinweisen erhalten haben.» Diesen werde jetzt systematisch nachgegangen. Wegen der vielen Hinweise habe die Polizei auch keine Belohnung ausgesetzt. Wohl aber der «Blick», wie auch der Kapo-Sprecher Fichter gestern aus der Zeitung erfuhr. Diese zahlt einiges: 20'000 Franken verspricht sie für Informationen, die zur «Ergreifung des Jacht-Rasers» führen – jenes Mannes also, den «Blick» auch als «feigen Killer-Kapitän» apostrophiert.
Damit macht sich das Blatt – boulevardjournalistisch konsequent – zum Anwalt der jungen Opfer. Und so zynisch es klingen mag: Für eine Boulevardzeitung lässt sich keine bessere Konstellation vorstellen. Nämlich ein junges Paar, das drei Wochen vor der Heirat stand, und der Pilot eines offenbar teuren Schnellbootes, der das junge Glück zerstörte und dann floh.
Helfen, nicht ermitteln
Aber: Motiviert die Zeitung mit ihrer Belohnung nicht die Bürger dazu, sich als Freizeitpolizisten zu betätigen? Davon könne keine Rede sein, sagt Clemens Studer, stellvertretender Chefredaktor des «Blicks». «Wir selber nehmen ja keine Hinweise entgegen, sondern die Kantonspolizei.» Seine Zeitung mache nicht die Arbeit der Beamten, sondern unterstütze sie nur: «Die Polizei ermittelt, die Journalisten berichten.» Studer räumt aber ein, dass seine Zeitung noch nie eine so hohe Belohnung ausgeschrieben habe. «Die Reaktion der Leserschaft hat uns gezeigt, dass der Fall die Leute sehr bewegt.» Sollte die Belohnung die Polizei auf die richtige Fährte bringen, habe sie ihre Berechtigung, auch in dieser Höhe.
Es droht der Übereifer
Roger Blum, emeritierter Medienprofessor, überzeugen diese Argumente nicht; er spricht von einer gefährlichen Entwicklung. «Das ist eine klare Rollenvermischung», sagt er, «die auch einem Boulevardmedium nicht zusteht.»
Mit seinem Aufruf inklusive finanziellen Anreizes nehme der «Blick» nämlich die Gefahr einer Volksjustiz in Kauf. Es müsse aber Sache der Polizei bleiben, die Bevölkerung an der Fahndung zu beteiligen und entsprechende Hinweise zu belohnen. Nur sie könne rechtlich einschreiten, wenn einzelne Bürger aus Übereifer Unbescholtene verdächtigten. Roger Blum würde eine Aktion wie die des «Blicks» nur dann gutheissen, wenn die Polizei versage oder ihre Arbeit vernachlässige. Das sei hier aber eindeutig nicht der Fall. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.07.2010, 23:14 Uhr
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66 Kommentare
Nein, der Blick, den ich weder lese noch mag, ruft nicht zur "Volksjustiz" (und schon gar nicht zur "Lynchjustiz") sondern zur "Volksermittlung" auf. Gut, man könnte es auch Spitzelei oder Schnüffelei nennen, aber soll ich wenn mir etwas verdächtiges auffällt, mir behalten? Die Belohnung erhöht den Druck auf den Gesuchten, der, falls er sich dadurch freiwillig meldet, milder bestraft wird. Antworten
Für mich ist das ein Teil einer üblen Neid-Propaganda. Stellt Euch vor, jeder Unfall mit Fahrerflucht nach einem Raserrennen von Personen mit offensichtlichem Migrationshintergrund würde ähnlich "promotet". Aber hier handelt es sich um einen Bonzen mit Motorboot! Endlich eine neue Story! Antworten
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