Französisch ist mehr als eine Sprache

Der Verzicht auf Frühfranzösisch im Kanton Thurgau fördert eine (Deutsch-)Schweizer Monokultur. Das schadet dem Land.

Kein Frühfranzösisch mehr: Im Thurgau sollen Kinder erst ab der 7. Klasse Französisch lernen.

Kein Frühfranzösisch mehr: Im Thurgau sollen Kinder erst ab der 7. Klasse Französisch lernen. Bild: Keystone

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Als Schüler in Moudon VD lernte ich meine ersten Wörter auf Deutsch in der 5. Klasse. Das war 1983, und der Erfolg war mässig. Ehrlich gesagt: Ohne mein späteres Studium in Bern hätte ich diesen Artikel kaum auf Deutsch ­ver­fassen können. Dreissig Jahre später lernen meine Kinder schon in der 3. Klasse die ersten Worte Deutsch – und profitieren erst noch von einer besseren Lehrmethode. Nach ein bis zwei Jahren verstehen sie erste Sätze auf Deutsch und haben auf Hochdeutsch eine viel bessere Aussprache als ich sie je erreichen werde. Der Clou: Dank motivierter Lehrerinnen und einer guten Methode lernen sie mit Lust. Fortschritt von einer Generation zur nächsten ist also möglich.

Leider kann sich das Rad auch in die andere Richtung drehen: Das beweist der Thurgauer Grossrat (Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom Donnerstag). Der Entscheid, dass Kinder erst in der 7. Klasse, also mit 12 oder 13 Jahren, beginnen, Französisch zu lernen, ist pädagogisch falsch, staatspolitisch bedenklich und kulturell einengend.

Weg des eigenen Niedergangs

Pädagogisch zuerst: Alle Erfahrungen zeigen, dass das junge Gehirn plastischer ist und Sprachen besser lernt. Besonders wichtig ist es, vor der Pubertät zu beginnen. Und es braucht eher einen spielerischen Ansatz. Ist die Schule damit überfordert, muss man ihr die notwendigen Mittel geben, statt die Lernziele im Gleichschritt mit den Sparprogrammen heruntersetzen. Eine moderne Gesellschaft muss in die Bildung investieren. Sonst ebnet sie den Weg des eigenen Niedergangs. Sinkende Ambition mit einem Gerede von «überforderten Kindern» zu rechtfertigen, ist nichts anderes als Heuchelei, Feigheit und mangelndes Vertrauen in unsere Jugend. Wenn jemand überfordert ist, dann sind es die Politiker, welche solche Entscheide treffen.

Dann staatspolitisch: Der Respekt und der Einbezug der sprachlichen Minderheiten ist unabdingbar, damit die Demokratie in einem mehrsprachigen Bundesstaat funktioniert. Dazu gehört, dass jeder Schüler eine zweite Landessprache lernt. Jede Bürgerin sollte ein minimales Verständnis für politische Akteure aus anderen Sprachregionen haben. Leider muss ich feststellen, dass ich in Bundesbern immer mehr Deutsch sprechen muss, weil mich sonst zahlreiche Deutschschweizer Kollegen nicht verstehen. Die zahlreichen aktuell tobenden ethnischen Kriege rund um den Erdball zeigen, was passiert, wenn man das Fundament für das gegen­seitige Verständnis nicht mehr pflegt.

Und zuletzt kulturell: Die Sprache ist mehr als bloss ein Kommunikationsmittel. Mit jeder Sprache ist eine Denkweise und ein eigenständiger kultureller Hintergrund verbunden. Für jeden Menschen ist es eine grosse Bereicherung, dank Kenntnisse einer Fremdsprache sich allmählich in eine andere Kultur einzuleben. Und vor allem: Es spornt an, sich selbst und seine eigene Welt zu hinterfragen.

Abschottung über die Sprache

Ich werde den Verdacht nicht los, dass die SVP mit dem Kampf gegen Frühfranzösisch noch viel mehr bezweckt: Eine monokulturelle deutsche Schweiz. Dass es ihr auch darum geht, die Abriegelung der Schweiz voranzutreiben. Englisch wird nur noch geduldet, weil es wirtschaftlich notwendig ist – und die Sprache als weniger subversiv eingestuft wird als eine lateinische Sprache. Dabei schreckt die SVP vor keinem Widerspruch zurück: In ein und derselben Woche bekämpft sie den Vorrang des internationalen Rechts und erzwingt, dass man sich in der Schweiz bald nur noch auf Englisch verständigen kann.

Das nationale Interesse verlangt, diesen rückwärtsgewandten Ent­wicklungen entgegenzutreten. Der Entscheid Thurgaus verstösst gegen die Bundesverfassung, das Schul­konkordat und das eidgenössische Sprachengesetz. Bundesrat und Parlament müssen einschreiten. Es sei denn, es finden sich Thurgauer Eltern, welche für ihr Kind das Recht auf eine zweite Landessprache in der 5. Klasse vor Bundesgericht erzwingen. Sie könnten gewinnen und damit für unser Land Grosses leisten: Bildung eines Grundrechts.

Der Nationalrat Roger Nordmann ist Vizepräsident der SP-Fraktion und lebt in Lausanne. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.08.2014, 07:35 Uhr)

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