Schweiz

Frauen mischen Religions-Debatte auf

Von Michael Meier. Aktualisiert am 11.05.2009

Ob Teil-Scharia, Kopftuch oder Frauenrechte – religiöse Fragen klären Männer unter sich. Nun gründen Frauen in der Frage einen Thinktank.

Vor drei Jahren entstand in der Schweiz der Rat der Religionen mit je zwei christlichen, jüdischen und muslimischen Spitzenvertretern – allesamt Männer. Frauen monierten, der «Männerrat» sei ein Abbild der patriarchalen Religionsgemeinschaften und forderten eine geschlechtergerechte Neubesetzung des Rates. Worauf dieser drei Expertinnen aufnahm, allerdings eher konservative Frauen und bloss für zwei Jahre mandatiert.

Das brachte progressive Fachfrauen auf die Idee, einen interreligiösen Thinktank mit kritischen Religionsexpertinnen ins Leben zu rufen. «Der Zusammenschluss versteht sich als institutionell unabhängige Stimme im interreligiösen Dialog und ist darum keine Parallelorganisation zum Rat der Religionen», sagt Projektleiterin Doris Strahm. Im Thinktank sitzen keine Bischöfinnen, Imaminnen oder Rabbinerinnen, weil es solche kaum oder nicht gibt.

Weltreligionen weiblich vertreten

Im interreligiösen Thinktank sind vielmehr ausgewiesene Exponentinnen des interreligiösen Dialogs in der Schweiz vertreten. Den Vorstand bilden die Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al-Jabaji, die jüdische Theologin Gabrielle Girau Pieck und eben die katholisch-feministische Theologin Doris Strahm. Mit dabei im neunköpfigen Thinktank sind auch die frühere Boldern-Studienleiterin Reinhild Traitler und die Islamexpertin Rifa–at Lenzin.

Hervorgegangen ist der Thinktank aus interreligiösen Theologiekursen und Veranstaltungen der Fachfrauen: «Wir reden nicht nur über den Dialog, wir praktizieren ihn», sagt Strahm. Doch Dialogerfahrungen von Frauen würden kaum zur Kenntnis genommen. Jetzt wollen die Frauen eine vernehmliche Stimme im männerbesetzten religionspolitischen Diskurs sein und zu aktuellen Themen wie Einführung einer Teil-Scharia, Mitsprache von Frauen, Kopftuch, Kirche und Antisemitismus Stellungnahmen erarbeiten.

Gegen Minarett-Verbot

Auf der heute aufgeschalteten Homepage Interrelthinktank.ch ist bereits eine Stellungnahme zur Volksinitiative «Gegen den Bau von Minaretten» zu finden. Der Thinktank lehnt sie ab, weil diskriminierend, gefährlich und den Integrationsbemühungen zuwiderlaufend. Die Frauen finden es inakzeptabel, Minarette als reine Machtsymbole eines radikalen Islam darzustellen. Die Initiative löse keinerlei Konflikte. So sei nicht einzusehen, wie ein Verbot von Minaretten das Übel von Zwangsheiraten beseitigen könne.

Der Thinktank arbeitet auch auf der praktischen Ebene. Er dient als Fach- und Ansprechgremium für Behörden und private Institutionen. Er bietet Kursmodule und Weiterbildungen für Bund, Kantone, Gemeinden und Schulen an. Und er will die konstruktive Rolle von Religion für Sicherheit und Frieden fördern und jeglicher Form von Fundamentalismus vorbeugen. Strahm: «Mit neuen Ansätzen bringen wir religiöse Standpunkte und Werte in die gesellschaftliche Debatte ein.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2009, 09:36 Uhr

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