Interview

«Frauen sollten auch mal zuerst küssen»

Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer im Interview über Anti-Feministen wie René Kuhn, die Zürcher Verrichtungsboxen – und die Naivität des Westens gegenüber den Umbrüchen in der arabischen Welt.

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Frau Schwarzer, Sie haben am Dienstag in Zürich vor einem übervollen Saal geredet. Sind alle Säle überfüllt, wenn Sie auftreten?
Auf die Gefahr hin, dass es unbescheiden klingt: Ja, so ist es. Am Dienstag waren es 1300 Menschen, das ist schon sehr viel. Es bewegt sich immer so zwischen 500 und 800. 1300 trotz des strahlenden Wetters, da habe ich mich natürlich gefreut.

Wie erklären Sie den grossen Zulauf?
Tja, wahrscheinlich gehöre ich zur Minderheit von Menschen, die wirklich eine Haltung haben. So viele sind das nicht, die meisten tendieren doch eher zum Opportunismus. Ich veröffentliche seit den 70er Jahren, seit 1977 mache ich die «Emma», seither bin ich sozusagen ein öffentliches Gesicht und stehe für die Sache der Frauen. Es gibt also schon eine lange Geschichte mit vielen Emotionen und Auseinandersetzungen, die an meiner Person festgemacht werden.

Gemäss NZZ sind Sie die «Grande Dame der Frauenbewegung».
Das ist eine fragwürdige Formulierung. Weder bin ich eine «Grande Dame» noch vertrete ich «die» Frauenbewegung, die es seit Ende der 70-er ohnehin nicht mehr gibt. Als politische Bewegung bin ich auch nie ihre Sprecherin gewesen.

«Alt Feministin» ist eine weniger schmeichelhafte Bezeichnung für Sie.
Alt? Ich bin jetzt 69, das heisst, drei Jahre jünger als der neue Bundespräsident.

Wie sehen Sie denn die jungen Frauen von heute?
Was heisst «die» jungen Frauen? Die sind sehr unterschiedlich, genau wie meine Generation. Laut Leserinnenanalyse hat «Emma» die jüngsten Leserinnen aller deutschen Frauenzeitschriften.

Und wie interpretieren Sie das?
Es gibt viele sehr bewusste junge Frauen. Aber auch Frauen, die vielleicht reagieren auf das, was sie bei ihren Müttern gesehen haben: Nämlich dass die sich in dieser Phase der Halb-Emanzipation aufgerieben haben. Und jetzt haben ihre Töchter vielleicht die Illusion, ein traditionelles Frauenleben sei bequemer. Aber die kennen eben das Frauenleben ihrer Grossmütter nicht mehr, in völliger ökonomischer und sozialer Abhängigkeit.

Wie steht es um die Männer? «Neuer Mann, wir lieben Dich», heisst es auf der Titelseite der neuen «Emma».
Das ist eine Reaktion auf eine Feuilleton-Debatte, ausgelöst von einer 29-jährigen «Zeit»-Redaktorin, die sich sehr verächtlich äusserte über den «neuen Mann», diese «Jammerlappen» und «Schmerzensmänner», wie sie es nannte. Es gebe keine «echten Männer» mehr, die mit einem trunken vor Glück Silvester feierten und wüssten, wann sie zu küssen hätten. Ich war über diesen Aufschrei sehr erstaunt, vor allem aus dem Mund einer berufstätigen privilegierten Frau. Im Beruf willl sie eine moderne Frau sein, aber in der Liebe will sie den alten Mann.

Den alten Macho.
Genau. Sie scheint nicht zu begreifen, dass das Verhalten im Beruf einerseits sowie in Liebe und Familie andererseits unteilbar ist. Ich finde es sehr begrüssenswert, wenn Männer jetzt nicht immer nur die Helden spielen oder vielleicht auch mal Frauen sich trauen, als erste zu küssen. Die Bewegung, die wir in Gang gesetzt haben, dass die Geschlechter weniger betonen, was sie trennt und sich mehr darüber freuen, was sie gemeinsam haben, also aufeinander zugehen und sich in der menschlichen Mitte treffen, das finde ich wunderbar. Ich sehe keinen Grund, wieder nach dem alten Macho zu schreien.

Auch der «Maskulist» kommt in der neuen «Emma» vor. Was ist denn das?
So nennen sich die Herren selber. Das sind eben diese echten Männer, die ihr altes Mannsein wiederhaben wollen. Die sind natürlich eingefleischte Feministinnen-Hasser.

Gibt es die noch?
Wenn Sie das lesen, werden Sie staunen. Das halte ich für den brisantesten Bericht in der aktuellen «Emma». Ihr Herr Kuhn aus der Schweiz kommt auch vor, der Anti-Feministen-Kongresse organisiert.

Herr Kuhn gehört nun wirklich zu einer Minderheit.
Da wäre ich vorsichtig. In Deutschland sind die Kameraden von Herrn Kuhn in bedeutenden medialen Positionen. Und man kann in seriösen Zeitschriften reichlich Schwachsinn über Frauen und Männer lesen, meistens untermauert von Biologismus, andere Gehirnhälfte, Hormone, was auch immer.

Sie halten das alles für Quatsch?
Natürlich ist das Quatsch. Es gibt biologische Unterschiede, aber die rechtfertigen nicht die Zuweisung zu einer bestimmten sozialen Rolle. Auch Männer können Gefühle haben, und Frauen können auch denken. Männer haben auch Hände, um Windeln zu wechseln. Ich bin überzeugt, der Unterschied zwischen den Geschlechtern wäre in einer Welt der wirklichen Chancengleichheit geringer als der individuelle Unterschied zwischen Individuen.

Wenn wir schon bei den Männern sind: Der Kanton Zürich hat den ersten Männerbeauftragten ernannt.
Das ist sehr interessant. Mal ganz abgesehen davon, dass der junge Mann sehr gut aussieht.

Sie haben ihn getroffen?
Nein, ich habe über ihn gelesen. Er sagt lauter kluge Sachen – übrigens inspiriert vom Aufbruch der Frauen, vom Feminismus. Wir leben in einer Zeit der neuen Forderung von Frauen, der Verunsicherung von Männern. Früher hatten Mädchen und Frauen keinen Zugang zu Schulen und Universitäten, jetzt sind sie da.

Und sind oft fleissiger als Männer.
Sie lernen besser als die Jungs. Nicht, weil sie von Natur aus klüger sind, sondern weil sie lernen wollen. Das verunsichert natürlich die Männer. Da gibt es die Gefahr, dass sie auf alte Männlichkeitsbilder rekurrieren: auf Gewalt und Demonstration körperlicher Überlegenheit. Da ist es gut, einen Männerbeauftragten zu haben, der öffentlich darüber nachdenkt, was heute Mann sein bedeutet. Vielleicht einfach nur: Mensch sein?!

Auch Sie haben sich verändert. In jüngeren Jahren hätten Sie es wohl für unmöglich gehalten, für die «Bild»-Zeitung zu schreiben.
Sie reden von meinen Kommentaren zum Kachelmann-Prozess. Darf ich an das Entscheidende erinnern? Mehrere Monate vor Beginn des Prozesses gab es in der «Zeit» ein Dossier von der Gerichtsreporterin, in dem es hiess: Justizirrtum! Die Frau lügt, sie will sich nur rächen, der Mann muss sofort aus der Untersuchungshaft! Diesem Tenor folgte auch die Gerichtsreporterin des «Spiegel». Doch am Ende des Prozesses sagte der Richter: Wir sprechen Herrn Kachelmann frei, nicht weil wir von seiner Unschuld überzeugt sind, sondern weil wir Zweifel an der Schuld haben. Das sagt ein deutsches Gericht nach neun Monaten Verhandlung und riesigem öffentlichen Druck. Diese beiden Journalistinnen aber wussten angeblich schon Monate vor Beginn des Prozesses, wer schuldig und wer unschuldig war.

Da mussten Sie zur Feder greifen.
Ja. In dieser Situation kam das Angebot von «Bild», diesen Prozess zu kommentieren. Ich musste mich also nicht auf EMMA beschränken, sondern konnte dieser unerhört voreingenommenen Berichterstattung der Leitmedien – zu Lasten der Frau! – etwas entgegensetzen.

Vor 30 Jahren hätten Sie das Angebot aber abgelehnt.
Mag sein. Ich wäre wahrscheinlich nicht cool genug gewesen.

Hat sich Ihre Haltung während des Kachelmann-Prozesses verändert?
Ja. Auch ich hatte zunächst befürchtet, dass es sich hier um eine falsche Anschuldigung handeln könnte. Ich kenne Kachelmann und habe ihn immer geschätzt als unangepassten, anarchischen und witzigen Kollegen. Im Verlauf des Prozesses und in den Akten ist allerdings sehr viel auf den Tisch gekommen, was die voreingenommene Meinung, er sei auf jeden Fall unschuldig und die Frau lüge, doch extrem erschüttert hat.

Haben Sie sich eine endgültige Meinung gebildet?
Ich neige zur Auffassung der Richter, die in der Urteilsverkündung erklärt haben: Beides sei möglich. Kachelmann könne unschuldig sein - aber auch ein Vergewaltiger. Im Zweifel für den Angeklagten. So funktioniert der Rechtsstaat.

Es gibt noch etwas, was Sie früher wohl kaum getan hätten: Kürzlich haben Sie, nominiert von der CDU, an der Wahl des Bundespräsidenten teilgenommen.
(lacht) Witzig, nicht? Also ich bin zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt von einer Partei gefragt worden, ob ich als Bürgerin den Bundespräsidenten wählen möchte. Damit gibt eine Partei ein Zeichen. Das Zeichen, das man mit mir gibt, ist eindeutig: Frauen und Feminismus. Ich bin von der CDU zusammen mit Frau Genç ernannt worden, das ist die Mutter der türkischen Familie, die vor 20 Jahren in Solingen Opfer eines rassistischen Überfalls geworden ist.

Ihr Haus wurde angezündet.
Ja, zwei ihrer Kinder sind verbrannt, und Frau Genç hat dennoch Jahre danach Reden frei von Rache und mit dem Versuch der Verständigung gehalten. Mit ihr hat die CDU das Zeichen Integration gesetzt. Diese Kombination fand ich gut.

Sie haben also für Herrn Gauck gestimmt und nicht für Beate Klarsfeld, die Nazi-Jägerin.
Ich bin nicht in jedem Fall für die Frau. Ich bin dann für die Frau, wenn die Frau mindestens so geeignet ist wie der Mann, was ja oft vorkommt und wo dann trotzdem der Mann das Rennen macht. Frau Klarsfeld aber lebt seit 50 Jahren in Frankreich, sie hat in eine vom Holocaust betroffene Familie hineingeheiratet und sich entsprechend gegen Alt-Nazis engagiert. Das ist mutig und anerkennenswert, aber deshalb eignet sie sich noch nicht als Bundespräsidentin, sie hat von Deutschland keinen Schimmer. Übrigens weiss ich nicht, was sich die Linke vorgestellt hat: Nur weil Frau Klarsfeld Nazi-Verbrecher jagt, ist sie natürlich nicht im Sinne der Partei die Linke auch links. Es ist bekannt in Frankreich, dass sie Sarkozy-Wählerin ist.

Würden Sie auch Sarkozy wählen?
Ich glaube nicht. Aber für Frau Klarsfeld spielt es verständlicherweise eine Rolle, dass Sarkozys Familie ähnlich betroffen war wie ihre: Sarkozy ist bei jüdischen Grosseltern aufgewachsen, die vor den Nazis flüchten mussten.

Wie gesagt: Vor 30 Jahren hätten Sie für die CDU keinen Finger gerührt.
Auch jetzt rühre ich keinen Finger «für die CDU». Für keine Partei. Als Feministin bin ich parteiunabhängig. Aber ich habe immer zur Minderheit von Feministinnen gehört, die zu allen frauenengagierten Politikerinnen Kontakt hatten. In den 80er und 90er-Jahren zum Beispiel habe ich ein Treffen von Spitzenpolitikerinnen initiiert, bei dem ich die einzige Nicht-Politikerin war. Mit dabei waren die Bundestagspräsidentin und Ministerinnen, Abgeordnete der CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen. Wir haben uns zwei, dreimal im Jahr getroffen. Haben hinter verschlossenen Türen besprochen, was anliegt und sind arbeitsteilig vorgegangen. Das endete immer in einem tollen Essen und einem riesigen Besäufnis. Es war grossartig, ist aber mit der Berliner Republik die Spree runtergegangen. Aber Sie haben recht, ich bin natürlich im Prinzip der Linken zuzuordnen.

Auch heute noch?
Selbstverständlich, ich kann ja nichts dafür, wenn die linken Parteien nicht mehr links sind (lacht). Ja klar, ich bin ungebrochen für soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit etc. Ich habe meine zentralen politischen Positionen nicht geändert.

Was Sie und die Linke auseinandergebracht hat, ist unter anderem die Haltung zum Islam. Sie haben von Anfang an gesagt: Kopftuch nein.
Ich bin nicht für ein Kopftuchverbot an sich. Das müssen die Frauen selber wissen. Aber ich bin für ein Kopftuchverbot im Öffentlichen Dienst und vor allem an den Schulen – damit auch die kleinen Mädchen aus traditionellen oder gar islamistischen Familien wenigstens da nicht gebrandmarkt und eingeengt sind. Aber ich möchte ganz klar machen: Ich rede hier ausschliesslich vom politisierten Islam, also der Funktionalisierung oder des Missbrauchs von Glauben für politische Strategien. Dafür bin ich sehr früh sensibilisiert worden, als ich 1979 mit einer kleinen Gruppe französischer Intellektueller auf den Hilferuf von Iranerinnen hin im Iran war. Diese Iranerinnen erlebten innerhalb weniger Wochen, wie sie entrechtet und nach Hause geschickt wurden: Sie sollten sich erst mal «anständig» anzuziehen.

Das hiess: Kopftuch tragen.
Ja. Ich habe damals mit vielen Machthabern und zukünftigen Machthaberinnen gesprochen, bis hin zum Präsidenten. Es waren zum Teil sehr beeindruckende Menschen, Frauen die aus dem Exil zurückgekommen waren, Intellektuelle. Ich werde nie vergessen: Einer hatte über Sartre promoviert und versuchte, mich im Namen des Existenzialismus von der Polygamie zu überzeugen. Das war nicht ohne Komik.

Aber letztlich nicht zum Lachen.
Nein, gar nicht. Uns wurde sehr freundlich gesagt: Ja, natürlich müsse die Scharia eingeführt werden; ja, selbstverständlich die Steinigung bei Homosexualität oder Ehebruch der Frau (nicht aber bei Ehebruch des Mannes) und so weiter. Das heisst: Die neuen Machthaber haben von Anfang an kein Geheimnis aus ihren Absichten gemacht. So wenig wie Hitler in «Mein Kampf». Trotzdem haben alle weggeguckt. Und vor allem gab es bis vor kurzem eine grosse Komplizität der westlichen Linken mit diesen sogenannten islamischen Revolutionären. Dabei war das von Anfang an eine Bewegung, die nicht nur die Frauen völlig entrechtete, sondern natürlich auch die Intellektuellen, die Künstler und so weiter. Eben alle, die nicht in die Knie gehen. Das Resultat sieht man heute in den islamistisch beherrschten Ländern.

Dann stehen Sie auch dem arabischen Frühling skeptisch gegenüber.
Ja, Sie konnten in «Emma» bereits vor einem Jahr lesen, dass zu befürchten ist, dass aus dem Frühling ein Winter für die Frauen wird. Ich habe in diesen vergangenen Jahrzehnten schon einiges erlebt und weiss inzwischen, dass es ein kleineres Übel gibt. Ich fürchte und wir sehen es ja schon in einigen Ländern, dass sich für die Frauen, aber auch die Nicht-Muslime, die Intellektuellen, die Kreativen die Situation verschlechtert. Ich verstehe nicht die Naivität des Westens, der Medien, die diesen Prozess wieder einmal gefördert haben und interveniert sind. Statt die wirklich demokratischen, oppositionellen Kräfte mit Respekt und Behutsamkeit zu stützen, damit sich eine solche Gesellschaft von innen heraus selber reformieren könnte.

Ist dann auch Assad womöglich in Syrien das kleinere Übel?
Das könnte furchtbarerweise sein, ja.

Sie haben im Lauf Ihres Lebens viele Kämpfe gewonnen, den gegen den Abtreibungsparagraphen 218 . . .
. . . nicht wirklich. In Deutschland braucht es immer noch eine Genehmigung, eine Fristenlösung wie in der Schweiz gibt es nicht.

Also haben Sie halbwegs gewonnen. Einen Kampf haben Sie verloren, den gegen Pornographie.
Stimmt, die Gegner sind zu mächtig. Aber immerhin haben wir erreicht, dass in Deutschland die Pornographisierung der gesamten Kultur, Medien und Gesellschaft doch kritischer gesehen wird als zum Beispiel in Frankreich. Aber was wollen Sie: Frauenhandel, Pornographie und Prostitution - die gehören ja zusammen - das ist heute das Geschäft Nummer 1 in der Welt, das bringt mehr Geld als der Waffenhandel.

Heute haben Sie auch das Internet gegen sich.
Auch das. Aber wir haben inzwischen die Wissenschaft auf unserer Seite, die die Folgen der Pornographisierung mehrerer Männergenerationen analysiert hat und nicht aufhört zu warnen. Diese Sexualisierung von Gewalt und Erniedrigung wirkt sich nicht nur negativ auf das Begehren und auf das Frauenbild aus, sondern hat generell die Empathiefähigkeit dieser quasi zwangspornographisierten jüngeren Männer enorm gesenkt. Ihre Gefühle werden abgestumpft.

Sie haben die Prostitution erwähnt. In Zürich hat das Volk kürzlich «Verrichtungsboxen» zugestimmt.
Das ist wirklich ungeheuerlich. Allein schon das Wort «Verrichtungsboxen» tönt nach Besamungsboxen wie bei Bullen. Es kann doch nicht sein, dass es gesellschaftsfähig ist, dass ein Mann einen Geldschein hinlegt und dafür den Körper und die Seele einer Frau berühren darf. Wir müssen endlich wieder darüber reden, dass Prostitution eine Frage der Menschenwürde ist, wie man das zum Beispiel in Frankreich tut. In Skandinavien werden Freier bestraft, Zuhälter und Menschenhändler sowieso. Holland dreht gerade seine Politik des «alles ist möglich» zurück.

Prostitution hat es immer gegeben, es ist das älteste Gewerbe der Welt.
Na und? Das hat man von der Sklaverei auch mal gesagt. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die aufgeklärte Welt sich entschlossen hat, Sklaverei zu ächten und zu verbieten. Und genauso erwarte ich, dass man in nicht allzu ferner Zeit die Prostitution ächtet und verbietet. Das heisst: Solidarität mit Frauen in der Prostitution und Hilfe zum Ausstieg. Neun von zehn Prostituierten wollen aussteigen. Drei von vier können überhaupt nur unter Drogen und Alkohol die Männer bedienen. Aber was haben wir für eine Politik? Zunehmende Akzeptanz. Das ist nicht nur frauenfeindlich, das ist menschenverachtend.

Wir haben gesehen, es gibt Kontakte zur CDU. Haben Sie auch gute Beziehung zu Bundeskanzlerin Merkel?
Das zu sagen wäre übertrieben. Aber richtig ist, dass in der linken oder liberalen Presse gerne behauptet wird, ich hätte 2005 Wahlkampf für Frau Merkel gemacht. Ich finde den Vorwurf, für irgendjemandem Wahlkampf zu machen, für eine unabhängige Intellektuelle und Journalistin so beleidigend, dass ich gegen diese Behauptung inzwischen sehr erfolgreich mit einstweiligen Verfügungen vorgehe. Anders verstehen die Kollegen das anscheinend nicht.

Irgendeine Basis muss es für diese Behauptung aber gegeben haben.
Ich und auch die «Emma» haben uns vor Merkels erster Wahl selbstverständlich kritisch geäussert. Der letzte Satz war in etwa der: Sie ist eine Frau, das hat einen symbolischen Wert, gleichzeitig hat sie mit Frauenpolitik nicht viel am Hut, also müssen die Wählerinnen selber wissen, was sie tun. Aber nachdem Frau Merkel die Wahl gewonnen hatte, verkündete der abgewählte Kanzler in der Wahlnacht in einem Wahnsinnsauftritt, «Die kann das nicht!», er sei weiterhin Kanzler. Danach hatten wir in Deutschland zwei Monate, in denen ich mir wie in einer Irrenanstalt vorkam. Es wurde darüber diskutiert, in allen Parteien, ob denn die gewählte Kanzlerin jetzt auch Kanzlerin werden könne. So fiel der SPD plötzlich ein, sie sei doch eigentlich stärkste Partei, CDU/CSU seien doch zwei Parteien. Das Argument habe ich noch nie gehört. Und von SPD und auch CDU/CSU kam der Wahnsinnsvorschlag, Schröder solle zwei Jahre weiterregieren und die gewählte Kanzlerin danach zwei Jahre. Das muss man sich mal vorstellen in einer Demokratie . . .

Und da haben Sie sich eingemischt.
Ja. Ich erinnere mich, dass ich damals zwei Monate lang kaum zur Arbeiten kam, weil die internationale Presse in der «Emma»-Redaktion ein und ausging um zu fragen, was los sei in Deutschland: Eine Frau ist gewählt worden und soll dennoch nicht Kanzlerin werden. Da habe ich mich in der Tat eingemischt. Und auch dargelegt, welche Symbolfunktion es haben kann, wenn 87 Jahre nach Erringung des Frauenwahlrechts endlich einmal eine Frau an der Spitze des Staates steht. Das hindert nicht die Kritik ihrer Politik.

Was sich durch Ihr ganzes Leben zieht, ist die Liebe zu Frankreich. Ist der Grund dafür ein gewisses Schuldbewusstsein wegen der Nazi-Verbrechen?
Nein. Ich habe das grosse Glück, aus einer Familie zu kommen, die die Nazis gehasst hat. Ich persönlich habe da kein Schuldbewusstsein, wenn auch ein Verantwortungsbewusstsein für Deutschland. Ich bin Rheinländerin, und uns Rheinländern ist Paris emotional näher als Berlin. Wir halten uns für halbe Franzosen, unser Mekka ist Paris. Ich habe zweimal in Paris gelebt, einmal als junge Sprachstudentin, später als Korrespondentin. Frankreich hat mich sehr stark geprägt und in bestimmten Verhaltensweisen bestätigt, die mir eh schon nahelagen. Etwa, dass Verstand und Gefühl zusammengehören und man den Rasen ruhig betreten soll, wenn es Sinn macht. Uns Deutschen sagt man ja immer nach, wir machten keine Revolution, weil Rasen betreten verboten sei.

Ihrem Buch «Lebenslauf» kann man auch entnehmen, dass Sie stark von einem Mann geprägt wurden, von Ihrem Grossvater. Ich habe kein böses Wort über ihn gefunden.
Es gibt auch kein böses Wort über ihn zu sagen. Es war ein ungeheuer menschlicher Mann, mit sehr viel Humor. Ich verdanke ihm mein Leben. Er hat mich mit der Flasche grossgezogen, was die Umstände erlaubten: Sein kleines Geschäft war zerbombt, seine Ehe war schwierig, und er hat sich gerne auf diese emotionale Beziehung zu einem Kind gestürzt. Mein Grossvater war schon, als es den neuen Mann noch gar nicht gab, ein neuer Mann. Er war menschlich, humorvoll und selbstironisch, Gewalt wäre bei uns undenkbar gewesen. Er hat mich als Mädchen selbstverständlich respektiert. Er und meine Grossmutter waren meine sozialen Eltern. Die Grossmutter war sehr politisch, sehr charaktervoll, aber auch sehr anstrengend.

Auch das geht aus Ihrem Buch hervor.
Klar. Auf der einen Seite hatte ich als Vorbild eine Frau, die sozusagen der intellektuelle und politische Kopf der Familie war, auch politisch sehr mutig und in der Nazi-Zeit Menschen geholfen hat. Und sich auch später in der Zeit des Adenauer-Regimes konsequent dagegen gestellt hat, und die ohne Zweifel entsetzt gewesen wäre, wenn ihre Alice in «Bild» geschrieben hätte. Auf der anderen Seite war dieser emotional starke, fürsorgliche und ungeheuer tolerante Grossvater. Das hat natürlich mein Männer- und Frauenbild geprägt. Von beiden wurde ich gelobt, wenn ich mutig war, wenn ich frech war, wenn ich klug war. Ich war ein selbständiges kleines Mädchen und musste in diesem schwankenden Schiff unserer marginalisierten Familie sehr früh Verantwortung übernehmen. Als ich dann in die Welt ging und überall aneckte, weil ich eine Frau bin – «Alice, als Frau macht man nicht so grosse Schritte», «Alice, als Frau lacht man nicht so laut» – da konnte ich das zunächst gar nicht verstehen. Für mich war immer selbstverständlich, dass Frauen auch denken können und Männer fühlen.

Irgendjemand hat geschrieben, Sie seien eine Katze mit sieben Leben.
(Lacht) Es sieht so aus. Ich hoffe, es tönt jetzt nicht selbstmitleidig, wenn ich sage, dass politische Auseinandersetzungen immer wieder auf Vernichtung meiner Person angelegt waren. Letztendlich habe ich es aber geschafft, diese Einschüchterungs- und Diffamationswellen nicht in mich hineinkriechen zu lassen. Ich habe nicht nur überlebt, ich habe mir sogar meine Lebensfreude bewahren können.

Ihr Buch vermittelt den Eindruck: Da ist eine Frau von Morgen früh bis Abend spät auf Achse.
(lacht) Zum Glück nicht. Ich reise relativ selten, ich mache wenige Veranstaltungen, ich sitze viel in der «Emma»-Redaktion und kann sehr gut total abschalten. Dann gehe ich einfach ins Kino oder essen. Ich habe ein Haus auf dem Land, wo meine Katze ist, und wo die Kinder angerannt kommen, sobald sie mein Auto sehen. Ich bin nicht permanent Alice Schwarzer, auch nicht permanent die Chefredaktorin. Ich kann auch einfach loslassen. Der Punkt ist, dass man sich selber nicht zu wichtig nehmen darf.

Schreiben Sie jetzt am zweiten Teil ihres Lebenslaufs?
Noch lange nicht. Ich erhole mich gerade mühsam davon, dass ich den ersten Teil geschrieben habe. Denn es ist doch eine eigenartige Sache, sein Leben so auf den Tisch zu legen. Es ist eigenartig: Ich sitze Ihnen hier gegenüber, weiss nichts von Ihnen, aber Sie wissen wahnsinnig viel von mir. Das entspricht nicht meiner Natur, ich habe eigentlich ein tiefes Bedürfnis nach Diskrektion.

Wieso haben Sie das Buch dann trotzdem geschrieben?
Weil mich die Klischees, die so wenig mit meiner Realität zu tun habe, allmählich erschlagen haben. Ich wollte zeigen, was mich wirklich geprägt hat, dass zum Beispiel mein Selbstbewusstsein Männern gegenüber aus dem Urerlebnis der Liebe eines Mannes zu mir und seines Respekts heraus kommt und nicht aus Männerhass. Zum Männerhass habe ich persönlich zum Glück wenig Anlass. Das macht mich relativ unverletzlich. Weiter verstehe ich mich auch als eine Person der Zeitgeschichte, die ein paar Auskünfte sehr konkret geben kann, zum Beispiel: Wie ist so eine Frauenbewegung überhaupt entstanden? Was waren das für Fights? Warum haben Frauen 1971 das Recht auf Abtreibung gefordert? Wie man an den Reaktionen auf mein Buch sieht, ist das nicht nur für meine Generation interessant, sondern auch und vor allem für die folgenden Generationen. Wir Frauen müssen ja nicht immer wieder bei Null anfangen. (Der Bund)

Erstellt: 31.03.2012, 21:44 Uhr

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Zur Person

Alice Schwarzer, Jahrgang 1942, ist in Wuppertal aufgewachsen. Sie absolvierte eine kaufmännische Lehre, wurde Journalistin bei den «Düsseldorfer Nachrichten» und arbeitete von 1970 bis 1974 als Korrespondentin in Paris. 1971 war sie Initiatorin von 374 Frauen, die sich dazu bekannten, abgetrieben zu haben. Ein Grosserfolg wurde ihr Buch «Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen» (1975). 1976 gründete sie die «Emma», deren Herausgeberin sie bis heute ist. Im neusten Buch «Lebenslauf» (2011, siehe auch www.aliceschwarzer.de) beschreibt sie ihr Leben von der Kindheit bis zur Gründung der «Emma». Alice Schwarzer wohnt in Köln.

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