Frustshoppen und eine Gouvernante namens Amstutz

Am Schluss war das nackte Resultat. Vor der Abstimmung zur Rentenreform war im Bundeshaus die pure Aufregung. Zum Abschluss der Woche: das Frappé fédéral.

Hat sich den jungen Christian Imark zur Brust genommen: SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz.

Hat sich den jungen Christian Imark zur Brust genommen: SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Adrian Amstutz, der hemdsärmelige Fraktionschef der SVP, hat Qualitäten, die uns bisher verborgen geblieben sind. Er gibt beispielsweise eine ganz passable Gouvernante ab. Man muss halt zu den jungen Schäflein schauen, vor allem zu jenen, die vom rechten Weg abzufallen drohen. Christian Imark hiess das SVP-Schäflein in dieser Woche, und es ist seiner Unerfahrenheit im Bundeshaus zuzuschreiben, dass er ernsthaft glauben konnte, die fünfzehn Minuten Abweichler-Ruhm hätten keine Konsequenzen. Es ist die SVP, von der wir hier reden. Item: Am Anfang der Woche sagte der junge Mann aus dem Schwarzbubenland noch in jedes Mikrofon, dass er die Rentenreform unterstützen werde – gegen seine Partei. Dann folgte die Abreibung durch die Fraktions-«Kollegen» Toni Brunner, Sebastian Frehner und Thomas de Courten, und schliesslich wurde ihm am Donnerstag Amstutz zur Seite gestellt. Da konnte Imark dann in kein Mikrofon mehr reden, weil Amstutz immer nur eine Armlänge entfernt stand und streng schaute. Wie ernsthaft der Fraktionschef seine Pflichten als Anstandsdame nahm, sah man, als Imark für kleine SVP-Abweichler musste. Amstutz soll den jungen Nationalrat bis aufs Pissoir begleitet haben. Das «Verimarken» (so wird das fraktionsinterne «gute Zureden» neu genannt, hat der «Blick» erfahren) zeigte Wirkung: Imark enthielt sich in der entscheidenden Abstimmung.

Der vermeintliche Abweichler kriegte weiche Knie: Christian Imark.

Genau wie SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner, von dem sich viele Mitte-links-Politiker ein Ja zur Reform erhofft hatten – «Giezi» hatte während der ganzen Woche entsprechende Andeutungen gemacht. Als sich der Fuhrhalter danach – wohl ähnlich «verimarkt» wie sein junger Fraktionskollege – ebenfalls enthielt, verliess er nach der Abstimmung fluchtartig den Raum. So hat es die «Aargauer Zeitung» beschrieben, so haben es alle gesehen. Giezendanners Reaktion war eine wütende E-Mail an die Chefredaktion der AZ, in der er minutiös aufführte, was er nach der Abstimmung im Saal noch alles erledigte. Warum er sich bei der Abstimmung enthalten hatte, das schrieb Giezendanner im Brief allerdings nicht.

Nicht nur die SVPler waren nach der Abstimmung zur Rentenreform frustriert, auch die FDP hat schon bessere Tage erlebt. Vor allem ihr Fraktionschef Ignazio Cassis. Der Tessiner, eigentlich eines der beliebteren Mitglieder der Bundesversammlung, verdarb es sich in dieser kurzen Woche mit so einigen. Er legte sich mit SP-Präsident Christian Levrat an, der ihm personelle Konsequenzen androhte, sollte die FDP auf ihrem Fraktionszwang beharren (eine «Schweinerei!», kommentierte Cassis in der «Aargauer Zeitung»), und machte sich als einer der Wortführer in der Einigungskonferenz der Räte ziemlich viele Feinde. Statt als Präsident der nationalrätlichen Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) die Sitzung mit seinem Amtskollegen Konrad Graber (CVP) zu leiten, sass er hinten im Saal und gab als Fraktionschef den Einheizer. Kam nicht so gut an. Und dürfte wahrscheinlich zu reden geben, wenn es dann irgendwann darum geht, dem Tessin endlich wieder einen Bundesrat zu geben.

Auch bei einigen Grünliberalen war die Stimmung vor, während und nach der Abstimmung zur Rentenreform eher bescheiden. Vor allem Kathrin Bertschy litt, weil sie von ihrer Fraktion zu einer Meinungsänderung gezwungen wurde. Sie begoss ihren Frust an der Prêt-à-politiser, einer Modeschau für Politikerinnen, Frauen aus der Verwaltung und Journalistinnen, mit ein paar Cüpli und machte dann, was man in einer solchen Situation nie machen sollte. Sie kaufte ein Foulard (offenbar zum ersten Mal in ihrem Leben).

Auch die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz shoppte am gleichen Anlass – allerdings aus einem freudigeren Anlass. Sie feierte ihre neu gesicherte Rente mit dem Kauf eines Paars ziemlich exklusiver Schuhe aus der Kollektion von yép. Kosten: geschätzte fünfmal der 70-fränkige Zustupf an die AHV von Frau Fetz. Soll da noch einer sagen, unsere Politik habe keinen direkten Einfluss auf die Wirtschaftsleistung dieses Landes! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2017, 15:13 Uhr

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