Führender Fortpflanzungsmediziner hält Schweizer Gesetz für überholt

Das Gesetz über die Fortpflanzungsmedizin bleibt trotz Reformen eines der restriktivsten in Europa. Viele Paare werden auch künftig ins Ausland reisen.

Kann nicht auf Gendefekte untersucht werden: Befruchtete Eizellen in einer Pailette im Labor der Universitäts-Frauenklinik in Bern.

Kann nicht auf Gendefekte untersucht werden: Befruchtete Eizellen in einer Pailette im Labor der Universitäts-Frauenklinik in Bern. Bild: Keystone

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Vor fünf Jahren erteilte das Parlament dem Bundesrat den Auftrag, die Präimplantationsdiagnostik (PID) zuzulassen. Diese Methode ermöglicht es, den durch künstliche Befruchtung erzeugten Embryo auf Gendefekte zu untersuchen, bevor er der Mutter übertragen wird. Doch der Bundesrat tut sich schwer mit dem Auftrag. Ein unter Pascal Couchepin ausgearbeiteter Vorschlag fiel wegen ethischer Bedenken so restriktiv aus, dass er in der Vernehmlassung durchfiel.

Couchepins Nachfolger Didier Burkhalter wird in der ersten Hälfte dieses Jahres eine neue Vorlage präsentieren. Aber auch sie wird restriktiv sein: Das genetische Auswahlverfahren soll nur erlaubt sein, wenn in der Familie eine schwere Erbkrankheit vorhanden ist, die auf das Kind übertragen werden kann. Dann will der Bundesrat erlauben, dass in vitro mehr als drei Embryonen hergestellt und jene ausgesucht werden, die ohne Gendefekt sind.

Maximal drei Embryonen

In allen übrigen Fällen soll weiterhin die Dreier-Regel gelten: Es dürfen maximal drei Embryonen im Reagenzglas produziert werden. Diese müssen der Mutter im nächsten Zyklus übertragen werden, und der Arzt darf sie nicht zur späteren Verwendung einfrieren. Die PID darf auch nicht genutzt werden, um routinemässig nach Gendefekten zu suchen.

Bruno Imthurn, Direktor der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Zürcher Uni-Spital, stört sich am zaghaften Vorgehen des Bundesrates. Die gesetzlichen Vorgaben der Schweiz entsprächen schon seit Jahren nicht mehr dem Stand der Fortpflanzungsmedizin. Imthurn hält nicht nur das Verbot der PID für überholt, sondern auch die Vorgabe, dass nur so viele Embryonen hergestellt werden dürfen, wie der Frau auf einmal übertragen werden können. Ebenfalls hinderlich sei das Einfrierverbot für Embryonen. Dieses führe dazu, dass der Frau in der Schweiz meist zwei Embryonen auf einmal eingepflanzt würden, was die Wahrscheinlichkeit von Mehrlingsschwangerschaften erhöhe. In der Schweiz führt laut Imthurn die künstliche Befruchtung in 18 Prozent der Fälle zu Zwillingen, in Schweden seien es nur 5 Prozent.

Kliniken werben in der Schweiz

In Ländern mit einer liberaleren Regelung wie Schweden werden bis zu 10 Embryonen hergestellt und daraus die vitalsten ausgewählt. Dabei wird der Frau auf einmal nur eine befruchtete Eizelle eingepflanzt. Die restlichen Embryonen werden eingefroren und bei einem nächsten Zyklus verwendet, falls die Behandlung erfolglos war. Die restriktive Regelung der Schweiz führt dazu, dass viele Paare für verbotene Therapien – etwa für die PID oder für Eizellspenden-Behandlungen – ins Ausland fahren, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. «Einige fortpflanzungsmedizinische Kliniken werben sogar aktiv in der Schweiz», sagt Imthurn.

Er plädiert dafür, dass Bundesrat und Parlament den grossen Aufwand einer Verfassungsrevision nicht nur zur Einführung der PID betreiben, sondern dass auch das Einfrierverbot und die Dreier-Regel fallen. Für Imthurn ist die restriktive Haltung des Bundesrats unverständlich. Das Volk habe radikale Verbotsinitiativen stets abgelehnt. So verwarf der Souverän die Initiative für eine menschenwürdige Fortpflanzung, die die künstliche Befruchtung verbieten wollte. Unter dem Eindruck dieser Initiative gestaltete das Parlament vor zehn Jahren das Fortpflanzungsmedizingesetz so restriktiv. Das Volk lehnte jedoch nicht nur diese Initiative ab, sondern erlaubte einige Jahre später auch die Stammzellenforschung mit überzähligen Embryonen.

Abtreibungen könnten verhindert werden

Auch Ständerat Felix Gutzwiller (FDP, ZH), der 2004 den Anstoss zur Einführung der PID gab, ärgert sich über das schleppende Reformtempo. «Die heutige Situation ist eine Zumutung für Paare, deren Kinderwunsch nur mit einer In-vitro-Fertilisation erfüllt werden kann.» So seien Gentests am Embryo während der Schwangerschaft erlaubt (Pränataldiagnostik), nicht aber an dreitägigen Embryonen vor der Einpflanzung. Damit mute man Eltern zu, im Falle eines Gendefekts in der 11. Schwangerschaftswoche oder noch später über eine Abtreibung zu entscheiden, die durch die PID verhindert werden könnte. «Für die Paare ist eine Abtreibung eine Katastrophe, weil es sich ja um Wunschkinder handelt», bestätigt Imthurn. Pro Jahr liessen sich 100 bis 200 Paare aus der Schweiz in Spanien oder Belgien behandeln, weil dort die PID zugelassen ist.

Frühestens in fünf Jahren

An diesem Dilemma wird sich noch mehrere Jahre nichts ändern. Denn bis zur PID-Zulassung dürfte es 2015 werden, da die Verfassungsänderung vors Volk muss. In der Ratsdebatte dürfte der Graben quer durch die Parteien gehen. Ethische Bedenken gegen die genetische Selektion gibt es vor allem in der CVP sowie bei SP und Grünen. Nationalrätin Brigitte Häberli (TG) war 2005 CVP-Fraktionssprecherin und gegen Gutzwillers Vorstoss. Die Bedenken, dass Menschen nach einer Wunschliste hergestellt würden, habe sie heute noch, sagt Häberli. Sie verstehe aber den Wunsch von Eltern, schwere Erbschäden verhindern zu wollen. «Ich bin bereit zur Diskussion. Aber ich erwarte vom Bundesrat eine restriktive PID-Vorlage.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.01.2011, 20:30 Uhr)

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