Fünf Jahre Studium für Kindergärtnerinnen
Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 09.07.2010 38 Kommentare
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Mit einem Kurzstudium zwischen 9 und 18 Monaten sollen Quereinsteiger für den Lehrerberuf befähigt werden. Das haben letzte Woche sechs Deutschschweizer Kantone im Kampf gegen den gegenwärtigen Lehrermangel beschlossen. Man schlucke dies als «Notmassnahme», sagt Anton Strittmatter vom Dachverband der Schweizer Lehrkräfte (LCH). Er gibt aber zu bedenken: «Die Kinder werden nur eine verminderte Unterrichtsqualität erhalten.»
Die Forderung der Lehrerverbände geht denn auch in die Gegenrichtung. «Ein Mastertitel für alle» – so lautet die Formel. Darauf einigten sich Standesvertreter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bereits vor drei Jahren, und die LCH-Delegierten segneten die Forderung ab. Damit würden auch Kindergärtnerinnen und Primarlehrkräfte ihr Diplom künftig nicht mehr nach drei (Bachelor), sondern erst nach fünf Jahren erhalten.
Jetzt nutzen die Lehrergewerkschafter die Gunst der Stunde, um der Forderung Nachachtung zu verschaffen. Nur ein genereller Masterabschluss werde den Lehrermangel nachhaltig beheben, sagt Strittmatter. Das Lehrerstudium an der Pädagogischen Hochschule werde damit konkurrenzfähig zu Uni-Abschlüssen und gewinne an Attraktivität: «Gymnasiasten entscheiden sich oft nur deshalb eher für Jus oder Ökonomie, weil sie am Ende einen akademischen Titel mit hohem Marktwert haben.»
Lehrer sind keine Pfadiführer
Aus fachlicher Sicht sei ein Ausbau des Studiums ohnehin dringend nötig, sagt Strittmatter: «Wer glaubt, für das Unterrichten von Sechsjährigen genüge Pfadiführer-Talent, unterschätzt den Job massiv.» Auf dieser Stufe seien profunde Kenntnisse in Lernpsychologie und Fachdidaktik gefordert. «Die Arbeit einer Kindergärtnerin oder eines Primarlehrers erfordert andere Kompetenzen als jene des Gymnasiallehrers, ist aber genauso anspruchsvoll.» Der Pisa-Spitzenreiter Finnland habe dies längst erkannt und verlange für alle Schulstufen den Mastertitel. Bei Bildungspolitikern überwiegt jedoch die Skepsis. Die geforderte Aufstufung zu Masterabsolventen sei «bloss eine verkappte Forderung nach mehr Lohn», sagt Ruedi Noser, Vizepräsident der nationalrätlichen Bildungskommission. Der FDP-Mann anerkennt aber, dass die Lehrerlöhne nicht konkurrenzfähig seien. Sein Vorschlag: «Eine scharfe Eignungsselektion vor dem Studium und dann anständige Saläre für die besten Berufsleute.» Das nötige Geld sei vorhanden, wenn die Kantone bei der aufgeblähten Bildungsverwaltung endlich die Kosten senkten.
Für Noser ist der Praxisbezug zentral. «Die besten Berufsleute sind jene, die nach dem Bachelor Erfahrungen sammeln.» Er fordert deshalb, dass künftig die Lehrer aller Stufen zuerst den Bachelor machen müssen – also auch Studierende, die dereinst an der Berufsschule oder am Gymnasium unterrichten wollen: «Erst wer sich danach in der Praxis bewährt hat, kann eine Karrierestufe aufsteigen.» Gar nichts hält Noser vom Credo des LCH, dass ein generelles Masterstudium die Attraktivität des Lehrerberufs steigern würde: «Mit einem verlängerten Studium steht der Beruf erst recht in Konkurrenz zu Physikern, Medizinern oder Juristen.»
Zurück zum Lehrerseminar?
Die CVP-Bildungspolitikerin Kathy Riklin sieht das genauso: «Wenn man das Studium verlängert, werden sich noch weniger Männer für den Lehrerberuf entscheiden und lieber gleich einen attraktiven Job in der Finanz- oder Versicherungsbranche anstreben.» Eine «weitere Akademiserung» des Pädagogenberufs sei grundfalsch, sagt die Nationalrätin. Sie plädiert dafür, die Ausbildung der Kindergärtnerinnen auf zwei Jahre zu reduzieren: «Für diesen Beruf braucht es primär nicht theoretisches Wissen, sondern ein Flair im Umgang mit Kleinkindern.»
Am radikalsten bekämpft Ulrich Schlüer besagte Akademisierung. Der SVP-Nationalrat hält die Pädagogische Hochschule generell für eine Fehlinstitution. Er lobt die früheren Lehrerseminarien, «bei denen die Praxisausbildung noch klar im Mittelpunkt stand». Hauptursache des Lehrermangels sei, dass viele PH-Studierende «gar nicht die Absicht haben, je Schule zu geben, sondern bloss auf einfache Weise zu einem Bachelor kommen wollen».
Pädagogische Kompetenz nötig
Support erhalten die Lehrerverbände von der SP. Aufgrund des Lehrermangels drohe eine «Dequalifizierung» des Berufs, sagt Nationalrätin Jaqueline Fehr. «Das würde mittelfristig zu noch grösseren Problemen führen.» Die Forderung «Ein Master für alle» sei grundsätzlich richtig, denn: «Je kleiner die Kinder, umso höher die Anforderungen punkto pädagogischer Kompetenz.» Zudem sei es falsch, akademische Ausbildung und gesunden Menschenverstand gegeneinander auszuspielen. Da bestehe kein Widerspruch, sagt Fehr: «Die Haltung, Menschen mit einer höheren Ausbildung seien weltfremd, ist falsch und für eine Wissensgesellschaft gefährlich.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.07.2010, 22:56 Uhr
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38 Kommentare
Wenn ich ein Schulkind frage ob es gerne zur Schule geht, ist die Antwort selten ja. Ein klares ja! bekomme ich von den Kindern, die das Privileg haben, zu einer Lehrperson zur Schule zu gehen,die das LEBEN mit ihnen teilt.Lehrer die Kinder unterrichten ,stett nur Fächer, sind die guten Lehrer! Die Pädagogische Hochschule ersetzt nicht die Gabe mit Kindern umzugehen!Darum zurück zum Lehrerseminar! Antworten
Die obskure Weltanschauung des Hr Fehr? - Ueberstudierte Leute sind das Gift für alle Kinder. Wir brauen keine weiteren pädagogischen Nullen sondern Menschen die ihren Job 'lieben.' Beruf kommt immer noch von Berufung. Ich bin froh, dass meine Kinder ein menschliches Umfeld im Kindergarten, Schule und UNI in Australien geniessen durften und den CH Blödsinn nicht mitmachen mussten. Antworten
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