Gefährlicher Andrang auf Monte-Rosa-Hütte

Die spektakuläre neue Monte-Rosa-Hütte ob Zermatt zieht Touristen und Architekturbewunderer in Scharen an. Die meisten unterschätzen jedoch den hochalpinen Zustieg. Die Zahl der Unfälle nimmt stark zu.

Unterschätzt: Turnschuhtouristen steigen in Unkenntnis des anspruchsvollen Aufstiegs und des fehlenden Luxus zur Monte-Rosa-Hütte ob Zermatt.

Unterschätzt: Turnschuhtouristen steigen in Unkenntnis des anspruchsvollen Aufstiegs und des fehlenden Luxus zur Monte-Rosa-Hütte ob Zermatt. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Der Blick drückt nackte Angst aus. Die ältere Frau klammert sich an ihren Wanderstöcken fest und balanciert zwischen zwei Gletscherspalten über einen Grat. Sie befindet sich auf dem Normalanstieg zur neuen Monte-Rosa-Hütte ob Zermatt. Die exklusivste Gebirgsunterkunft der Alpen liegt auf 2883 Meter Höhe – umgeben von Gletschern und Felsabbrüchen.

Wer sie erreichen will, benötigt vernünftigerweise Steigeisen, denn der Zugang über den zerrissenen Gornergletscher ist nicht ohne. Der Grossteil der Tagesausflügler und Architekturinteressierten, die oft mit Müh und Not in drei bis vier Stunden von der Bahnstation Rotenboden zur Hütte gelangen, kennt eine solche Ausrüstung jedoch bestenfalls vom Hörensagen.

Sturz in Gletscherspalte

«Die meisten Tagestouristen unterschätzen den Hüttenanstieg», sagt Bruno Jelk, Rettungschef von Zermatt. Er und seine Crew mussten in den Sommermonaten bereits über zwanzig Mal mit dem Helikopter verletzte oder erschöpfte Wanderer vom Hüttenweg bergen. Früher sei das selten der Fall gewesen. Der schlimmste Unfall ereignete sich vor zehn Tagen, als ein Mann ohne Steigeisen ausrutschte und in eine Gletscherspalte fiel. Er liegt noch immer schwer verletzt im Spital. Ansonsten musste Jelk ausrücken, weil sich Wanderer den Fuss gebrochen oder verstaucht hatten – oder weil sie aus lauter Erschöpfung nicht mehr vom Fleck kamen. Auch Hüttenwartin Manuela Brantschen erzählt von Touristen, die nach der Ankunft in der Hütte keinen Fuss mehr auf den Gletscher setzen wollten und ausgeflogen werden mussten. Sind sie nicht Gönner der Rettungsflugwacht oder sonst ver-sichert, kann ein solcher Flug bis zu 3000 Franken kosten.

«Für einen Tagesausflug ist der anspruchsvolle Hüttenweg eigentlich zu weit», sagt Jelk. Er empfiehlt eine Zweitagestour mit Übernachtung, Steigeisen – und für unerfahrene Wanderer einen Bergführer. Laut Jelk sind viele Touristen mit alten Karten ausgerüstet, auf dem der Hüttenweg als leicht angegeben sei. Wegen des rasanten Gletscherschwunds habe sich der Gletscher jedoch abgesenkt, wodurch die Route steiler wurde. «Wenn die Hüttenverantwortlichen weiterhin Tagestouristen wollen, müssen sie sich etwas einfallen lassen», sagt Jelk. Das Beste wäre laut ihm ein neuer Hüttenweg, der weiter oben den dort relativ flachen Gletscher quert. «Führt der Weg weiterhin am bestehenden Ort über den Gletscher, bleibt das eine permanente Baustelle», sagt Jelk.

Übernachtungen verdoppelt

Vom Ansturm überrascht wurde die Besitzerin der Hütte, die SAC-Sektion Monte Rosa. Seit die Hütte im März eröffnet wurde, haben in ihr 9000 Personen übernachtet. Bis Ende Jahr werden es deutlich über 10'000 sein. In der alten Hütte nächtigten jeweils 5000 bis 6000 Personen pro Jahr. «Wir haben nie mit so vielen Leuten gerechnet», sagt dazu der Hüttenverantwortliche Philippe de Kalbermatten.

Über viele von ihnen schüttelt er allerdings den Kopf. «Man sieht Touristen in kurzen Hosen und Turnschuhen über den Gletscher laufen», sagt er. Viele von ihnen beschwerten sich anschliessend, dass der Weg zu anspruchsvoll sei und man nicht explizit vor dem Gletscher gewarnt werde. So tat es der Wanderer, der sich mit seinem über 70-jährigen, an Parkinson erkrankten Vater in sieben Stunden zur Hütte schleppte.

«Wie viele Parkplätze gibt es?»

«Der Weg ist mit weiss-blauen Markierungen als hochalpine Route markiert und am Beginn steht eine Warntafel», sagt de Kalbermatten. Von einem neuen, höher gelegenen Weg hält er nichts: «Das würde den Anstieg nochmals um bis zu zwei Stunden verlängern.»

Das Hüttenpersonal arbeitet derweil am Anschlag. Die zuvorkommende Hüttenwartin Manuela Brantschen und ihre sechs Leute können den täglichen Ansturm kaum bewältigen. Brantschen bedauert es, dass sie und ihr Mann viel Zeit für die Kinderkrankheiten der neuen Hütte aufwenden müssen und deshalb gelegentlich zu wenig Zeit für die Gäste hätten. Nebenbei beantwortet sie täglich über 20 Mails – mit teils abstrusen Fragen. «Die Leute wollen wissen, wann die letzte Gondel von der Hütte ins Tal fährt und wie viele Parkplätze es vor der Hütte hat», sagt sie.

Informationskampagne geplant

Viele Touristen übernachten das erste Mal in einer SAC-Hütte und erwarten Hotelkomfort. Manche beschweren sich, dass es am Abend nur ein Menü gibt oder dass Duschtücher fehlen. Sie übersehen, dass Duschen in einer SAC-Hütte auf dieser Höhe die absolute Ausnahme sind.

Die Sektion Monte Rosa will nun Gegensteuer geben. «Wir starten eine Informationskampagne», sagt Philippe de Kalbermatten. Man müsse noch klarer kommunizieren, dass die Hütte im Hochgebirge stehe. Alle Beteiligten sind froh, dass die erste Sommersaison bereits am 24. September vorbei ist. Bis Mitte März wird danach nur der 12-plätzige, unbewartete und ungeheizte Winterraum geöffnet sein. Touristen, die sich dann noch zur Hütte hoch wagen, dürften definitiv einen Kulturschock erleiden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.09.2010, 06:11 Uhr)

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