«Gegen Ghetto-Schulen»

Beat Zemp, Präsident des Lehrerverbands, hält den Vorschlag für gut, in Basler Schulen eine Minimalquote für deutschsprachige Kinder einzuführen – aber nur als Ausnahme.

Wie viele Kinder, die Deutsch sprechen, vertägt es in einer Klasse? Die Kantone haben unterschiedliche Antworten auf diese Frage: Schulkinder. (Bild: Ennio Leanza, Keystone)

Wie viele Kinder, die Deutsch sprechen, vertägt es in einer Klasse? Die Kantone haben unterschiedliche Antworten auf diese Frage: Schulkinder. (Bild: Ennio Leanza, Keystone)

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Das Basler Parlament beschliesst voraussichtlich, dass mindestens 30 Prozent der Schüler in einer Klasse Schweizerdeutsch sprechen müssen. Überrascht?
Ja. Falls das Parlament der Quote tatsächlich zustimmt, wäre das eine schweizweite Premiere. Im Moment ist dieses Anliegen aber erst ein Vorstoss, zu dem die Regierung Stellung nehmen muss. Immerhin haben Parlamentarier von links bis rechts das Begehren unterzeichnet.

Warum ist es schwierig, fremdsprachige Kinder zu unterrichten?
Die Beherrschung der Unterrichtssprache ist sehr wichtig, um in der Schule dem Unterricht überhaupt folgen zu können. Wenn in einer Klasse sehr viele fremdsprachige Kinder sitzen, die schlecht Deutsch sprechen und verstehen, erschwert das die Vermittlung des Schulstoffs. Je besser Klassen durchmischt sind, desto schneller lernen zudem fremdsprachige Kinder die Unterrichtssprache und Schweizerdeutsch.

Lehrer sagen, auch kulturelle Unterschiede erschwerten ihre Arbeit. Sie berichten von Vätern, die Körperstrafe normal finden.
Das kommt dazu. In einer Klasse mit vielen fremdsprachigen Kindern ist ein Konsens über die Erziehungsmethoden schwierig. Auch die Vorstellungen über die gesellschaftlichen Normen sind klar breiter als in einer Klasse mit Kindern, die alle Schweizerdeutsch sprechen.

Begrüsst die Lehrerschaft Sprachenquoten?
Es gibt keine offizielle Position des Dachverbands der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Ich glaube aber nicht, dass eine Mehrheit unserer Mitglieder eine fixe Quotenregelung für alle Klassen in der Schweiz unterstützen würde. Das Anliegen, möglichst gut durchmischte Klassen zu bilden, dürfte aber auf breite Zustimmung stossen.

Heute bekommen Problemschulen mehr Geld für Förderunterricht. Betroffene Schulleiter finden nun aber, es brauche zusätzlich Quoten.
Ich verstehe die Sorgen von Schulleitenden und Lehrpersonen sehr gut, die an Schulen mit 80 bis 90 Prozent fremdsprachigen Kindern arbeiten. Es ist für Aussenstehende schwer vorstellbar, was diese Kolleginnen und Kollegen leisten. In einem Kleinbasler Quartier habe ich einen Kindergarten mit Kindern aus 16 Nationen besucht.

Was halten Sie selber von Quoten?
Eine schweizweit gültige Quote macht keinen Sinn. Aber Basel-Stadt ist ein Sonderfall.

Dann sind Sie für die vorgeschlagene Quote in Basel? In Basel müssen gegenwärtig die Schulkreise neu gebildet werden, weil die Primarschule wegen der Schulharmonisierung von 4 auf 6 Jahre verlängert wird. Diese Chance soll man nutzen, um eigentliche Ghettoschulen zu verhindern, an denen keine deutschsprachigen Schüler mehr sind. Zudem sind die Distanzen zwischen zwei benachbarten Schulhäusern viel kleiner als in ländlichen Gebieten, und der öffentliche Verkehr ist gut ausgebaut, sodass es kein «Busing» bräuchte, um die Schüler an eine andere Schule zu transportieren.

Bildungsforscher sagen, die Vorgabe von 30 Prozent Schweizerdeutsch sprechender Schüler sei viel zu tief.
Das ist richtig. Ideal wäre eine Mindestquote von zwei Drittel Schweizerdeutsch sprechenden Schülerinnen und Schülern. In einigen Basler Stadtquartieren mit sehr hoher Segregation ist das aber gar nicht möglich, weil es auch im weiteren Umkreis solcher Schulen einfach zu wenig deutschsprachige Schülerinnen und Schüler gibt. Dort muss aber verhindert werden, dass eine andere Sprache als Deutsch zur heimlichen «Integrationssprache» wird.

Befeuert die Quotenforderung nicht fremdenfeindliche Diskussionen?
Wir müssen lernen, die Probleme beim Namen zu nennen und nach Lösungen zu suchen. Fremdenfeindlichkeit ist keine Lösung, im Gegenteil: Sie schafft nur noch mehr Probleme.

Die Quotendiskussion betont die Unterschiede zwischen den Kindern.
Nehmen wir doch jedes Kind, egal ob es Schweizerdeutsch oder eine andere Muttersprache spricht, als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft an und entwickeln sein Potenzial mit einer möglichst guten Bildung. Intelligenz und Begabungen sind nicht nach Fremdsprachen oder Religionen verteilt. Viele ursprünglich fremdsprachige Kinder erbringen heute als gut integrierte Erwachsene in Wirtschaft, Kultur, Sport und Wissenschaft hervorragende Leistungen für unser Land.

Die Behörden sagen, fixe Sprachenquoten für Klassen festzulegen, funktioniere nicht, weil die Schweizer Eltern dabei nicht mitmachen würden.
Umteilungen in weiter entfernte Schulhäuser führen fast immer zu Rekursen. Das ist Sache der Behörden. Lehrpersonen machen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Eltern.

Welche?
Es gibt Eltern, die ihre Kinder mit allen Mitteln durch die Schule boxen – koste es, was es wolle – und bei Promotionsentscheiden gleich mit dem Anwalt auffahren. Wieder andere kümmern sich überhaupt nicht um ihre Kinder und wollen gar nicht wissen, ob ihr Kind in der Schule war oder geschwänzt hat. Der grösste Teil unterstützt aber die Lehrpersonen, wenn auch nicht vorbehaltlos, wie dies früher der Fall war.

Schweizer Eltern wehren sich gegen besser durchmischte Klassen, weil sie an die Karriere ihres eigenen Kindes denken.
Das kann ich verstehen, denn das Primat der Erziehung liegt bei den Eltern. Es gibt aber keine Garantie, dass ein Kind, dessen Eltern nur an die Karriere denken, sich so entwickelt, wie das die Eltern planen. Je älter ein Kind wird, desto wichtiger ist die Persönlichkeitsentwicklung und damit seine eigene Motivation, selber den Weg zu suchen.

In der Stadt zu leben, ist chic. Die teuren Mieten drängen Familien mit kleinem Einkommen in bestimmte Quartiere oder Vororte.
Viele heutige Probleme in den Grossstädten sind die Folge einer früheren falschen Siedlungspolitik. Das spüren auch die Schulen, die in Problemquartieren liegen. Wenn es in einer Stadt überall gleichzeitig attraktive, aber auch durchschnittliche und bezahlbare Wohnungen sowie sozialen Wohnungsbau gäbe, dann wäre auch die Durchmischung der sozialen Schichten besser. Die heutigen Probleme sind auch die Folge einer fehlenden sozialen Raumplanung. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.05.2013, 09:31 Uhr)

«Es gibt keine offizielle Position des Dachverbands der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer»: Beat Zemp in einer Archivaufnahme. (Bild: Keystone )

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