Geistlicher protestiert gegen «Inquisition»
Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 17.02.2009 3 Kommentare
Das Verdikt erfolgte an einer geschlossenen Sitzung der Synode: Mit 56 zu 28 Stimmen beschloss die Standesorganisation der reformierten Seelsorger Graubündens, dem 51-jährigen Pfarrer Alberto Pool die Amtsfähigkeit zu entziehen. Die Synode wirft dem Pfarrer der Südtäler Misox und Calanca «unethisches Verhalten, unprofessionelle Amtsführung und Unglaubwürdigkeit» vor. Er habe damit der Kirche und seinem Berufsstand Schaden zugefügt. Die Konsequenz: Pool darf in ganz Graubünden nicht mehr als Seelsorger tätig sein.
Ein höchst ungewöhnlicher Vorgang, denn Ausschlüsse von Geistlichen kamen in der 500-jährigen Geschichte der Synode selten vor. Ein prominenter Vorgänger von Pool war im 17. Jahrhundert Jürg Jenatsch. Den protestantischen Pastor ereilte in der Zeit des Dreissigjährigen Krieges dasselbe Schicksal, weil er zum Katholizismus konvertierte.
Geldgeschenk angenommen
Der Hauptvorwurf gegen Pool besteht darin, dass er von einer inzwischen verstorbenen, 99-jährigen Frau Schenkungen in der Höhe von 155'000 Franken entgegennahm und für private Zwecke verwendet habe. Dies sei gemäss kantonalem Personalgesetz verboten. Pool bestreitet die Schenkungen nicht, betont aber auf Anfrage, dass er davon über 100'000 Franken an gemeinnützige Institutionen und bedürftige Familien im Misox gespendet habe.
Inzwischen wurden aber weitere Vorwürfe laut. Im Oktober letzten Jahres war Pool vom Kreisgericht Roveredo wegen anonymer Anrufe «in böswilliger Absicht» zu 200 Franken Busse verurteilt worden. Ausserdem hatten 40 Personen mit einer Petition die Abwahl des Pfarrers gefordert.
Pool relativiert allerdings auch dies: Bei den Anrufen habe es sich um eine Bagatelle gehandelt, und 60 Personen hätten eine von ihm selber lancierte Gegenpetition unterzeichnet. Ausserdem halte der Vorstand der Kirchgemeinde zu ihm – ein Mitglied habe aus Protest bereits demissioniert.
Die Synode habe sich den Entscheid nicht leicht gemacht, betont hingegen deren Sprecher Reinhard Kramm. Doch alle Bemühungen, mittels Beratung eine «professionellen Amtsführung» zu erreichen, hätten nichts gefruchtet. Noch Anfang Jahr begnügte sich die Synode mit einem Verweis. Man wolle den Geistlichen «nicht kreuzigen», hiess es damals.
Pool, der einst als Dekan selber der Synode vorstand, sieht sich als Opfer einer «reformierten Inquisition». Er will den Fall vor ein «weltliches Gericht» ziehen: «Das Berufsverbot widerspricht jeglichen rechtsstaatlichen Prinzipien.» So sei ihm zum Teil das Gehör verweigert worden.
Pool war während zwanzig Jahren Pfarrer im Misox. Der Amtsenthebung ist der zweifache Vater Anfang Februar mit der Kündigung zuvorgekommen. Zwar könnte er sich nun in einem anderen Kanton um eine Stelle bewerben. Das sei aber reine Theorie, sagt er: «Nach dem ganzen Wirbel sind meine Chancen gleich null.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.02.2009, 23:15 Uhr
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