Schweiz

Geklaute Bankdaten: «Schweiz steht mit dem Rücken zur Wand»

Aktualisiert am 08.02.2010 44 Kommentare

In einem deutschen Interview erklärt der ehemalige Schweizer Preisüberwacher, Rudolf Strahm, warum die Schweiz so aggressiv auf das Vorgehen von Deutschland im Steuerstreit reagiert.

Das Bankgeheimnis werde überschätzt: Ehemaliger Schweizer Preisüberwacher Rudolf Strahm

Das Bankgeheimnis werde überschätzt: Ehemaliger Schweizer Preisüberwacher Rudolf Strahm
Bild: Keystone

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Rudolf Strahm

Rudolf Strahm, 66, ist schweizerischer Nationalökonom und Chemiker, war 13 Jahre als Nationalrat und Wirtschaftspolitiker Mitglied des Schweizer Parlaments und vier Jahre eidgenössischer Preisüberwacher (Chef der schweizerischen Preisregulierungsbehörde).

Ob sich die Schweiz dem Steuerdruck aus dem Ausland weiter widersetzen könne, fragt «Spiegel Online» den Schweizer Wirtschaftsexperten Rudolf Strahm in einem Interview. Dieser antwortet, dass die Schweiz mit den USA, mit Italien, mit Frankreich und mit Deutschland im Streit liege und dass sich bald Brüssel einschalten werde.

Die Schweiz stehe faktisch mit dem Rücken zur Wand und habe im Moment eine schwache Führung. Das Image des Landes in der Welt leide jeden Tag mehr. Doch in der Bevölkerung und in Teilen der bürgerlichen Elite finde, was das Bankgeheimnis angehe, ein Umdenken statt. Trotzdem befinde sich die bürgerlichen Elite der Schweiz in einem schmerzhaften Anpassungsprozess an die neue Realität. Dabei entstünden Aggressionen.

Das Bankgeheimnis sei von dieser Elite jahrzehntelang als Mythos gepflegt und mit der Schweizer Identität verschmolzen worden, es habe als wesentlicher Teil des Schweizer Sonderfalls gegolten. Dadurch sei eine kulturelle Dominanz der Bankenlobby, die das Denken in dieser Frage kolonialisiert habe, entstanden.

Bankgeheimnis wird überschätzt

Dabei werde die Bedeutung des Bankgeheimnisses massiv überschätzt, so Strahm gegenüber «Spiegel online». Die Schweiz sei in Wahrheit nicht einfach wegen der Banken so reich, sondern wegen der starken Verankerung der Industrie- und Dienstleistungsfirmen, in denen dank eines guten Berufsbildungssystems teure Präzisionsarbeit geleistet werde.

Die Banken hätten vor der Krise einen Anteil von neun Prozent an der Gesamtwirtschaftsleistung der Schweiz gehabt. Insgesamt nur 3,2 Prozent aller Beschäftigten arbeiten bei Banken. Und von den 330 registrierten Banken in der Schweiz seien nur 30 bis 40 in der aktiven Akquisition ausländischer Privatkundengelder tätig, darunter die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse, die 14 Privatbanken und etwa zwei Dutzend Niederlassungen ausländischer Banken.

Das bedeute, es falle den Schweizern nicht aus wirtschaftlichen Gründen schwer, das Bankgeheimnis abzuschaffen, sondern es gehe vielmehr um eine Frage der Identität, stellt Spiegel online fest. Es sei ein Mythos und der sei eng verbunden mit dem Bild, das die Schweiz im Zweiten Weltkrieg von sich selbst entworfen habe: ein abgeschotteter, neutraler Sonderfall. Deswegen falle es der Schweiz so schwer, sich davon zu lösen.

(tan)

Erstellt: 08.02.2010, 20:48 Uhr

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44 Kommentare

Eugen Boller

09.02.2010, 08:45 Uhr
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Endlich einmal ein realer Ansatz zum Thema! Wir wollen frei sein, ein einig Volk, heisst es in der Verfassung. Freiheit hat jedoch auch mit Verantwortung zu tun. Der Fall des Bankgeheimnis ist eine klare Chance, uns ein wenig aus der Versklavung des Kapitalismus zu befreien wie auch die Glaubwürdigkeit gegenüber der globalen Armut wieder zu erlangen. Nicht nur Verlust, sondern auch Chancen sehen! Antworten


Andreas Osswald

08.02.2010, 20:59 Uhr
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Eine nüchterne, realistische Einschätzung der Situation mit dem Bankgeheimnis. Da aber in der direkten Demokratie meistens der Populismus dominiert und am lautesten schreit, wird es noch einige Zeit brauchen, bis sich die Schweizer Elite mit den Realitäten abfindet. Antworten




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