Geri Müller holt die Hamas ins Bundeshaus

Nationalrat Geri Müller empfängt einen Vertreter der radikalislamischen Organisation Hamas in Bern. Die israelische Botschaft ist empört.

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Mushir Al-Masri trägt einen dunklen Anzug und eine helle Krawatte, sein Bart ist fein getrimmt, die schwarzen Haare kurz geschnitten. Wie er so dasteht im holzgetäfelten Restaurant des Bundeshauses, könnte man ihn glatt für einen bürgerlichen Politiker halten – zumindest auf den ersten Blick.

Auf den zweiten Blick fiele einem vielleicht sein etwas dunklerer Teint auf, der eher nach Jerusalem weist als nach Bern-Bethlehem. Und wer mit ihm das Gespräch suchte, würde erfahren, dass Masri tatsächlich aus Nahost stammt und nicht aus Bern. Der Mann, gekleidet im bundeshaustypischen «chic fédéral», ist Sprecher der radikalislamischen Organisation Hamas und sitzt im palästinensischen Parlament.

Problemlose Personenkontrolle

Im Januar 2012 war Masri zu Besuch in Genf. Bei dieser Gelegenheit wollte er einen Schweizer Politiker treffen, den er in Nahost kennengelernt hatte: den grünen Nationalrat Geri Müller. Dieser war gerade in Bern und hatte nur wenig Zeit. Kurzerhand lud er Masri ins Bundeshaus ein. Die Personenkontrolle verlief problemlos; Gäste von Parlamentariern kommen rasch ins Gebäude.

Masri erschien nicht mit leeren Händen. Er überbrachte Müller eine Holzplatte als Präsent, darin eingeschnitzt ein Schweizer Kreuz. «Ein übliches Geschenk unter Parlamentariern», sagt Müller auf Anfrage. Er nahm es entgegen und posierte gemeinsam mit Masri für ein Foto. Flankiert wurden sie von einem weiteren palästinensischen Parlamentarier und einem Übersetzer. Die vier Männer lächelten verhalten.

Die EU hat Vorbehalte

Was Müller als Höflichkeitsbesuch beschreibt, wertet die israelische Botschaft anders: «Es ist unverantwortlich, einer Organisation die Tür zu öffnen, die mit Terror operiert und anderen das Existenzrecht abspricht», sagt Shalom Cohen, Israels Chargé daffaires (Botschafter ad interim).

Tatsächlich wird die Hamas von verschiedenen Staaten als Terrororganisation eingestuft, unter anderem von den USA, Grossbritannien und Japan. Die Europäische Union führt sie auf einer Liste von Organisationen, gegen die es Restriktionen gibt, um Terrorismus zu bekämpfen. Die Schweiz hingegen deklariert die Hamas nicht als Terrorgruppierung.

Gegründet wurde sie 1987 als Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft. Sie ist eine politische Partei mit paramilitärischem Arm («Qassam-Brigaden») und betreibt in den palästinensischen Gebieten karitative Einrichtungen, darunter Schulen, Spitäler und Waisenheime. Nicht zuletzt diesem Engagement verdankt sie ihre Popularität unter den Palästinensern.

Besuch in Teheran

Ihr eigentliches Ziel ist hingegen ein strikt politisches, niedergelegt in der Gründungscharta: Demnach soll «die Fahne Allahs über jedem Zoll von Palästina» wehen. Nach damaliger Lesart umfasst dieses Palästina unter anderem das gesamte Staatsgebiet Israels. Westliche Verteidiger der Hamas sagen heute, die Organisation würde ein Israel in den Grenzen von 1967 akzeptieren.

Es ist allerdings die Hamas selber, die Zweifel nährt an solchen Aussagen. Am 11. Februar 2012 besuchte der Regierungschef des Gazastreifens, Hamas-Mann Ismail Haniya, in Teheran die Feierlichkeiten zum 33. Jahrestag der Islamischen Revolution. In seiner Rede sagte er: «Als Vertreter des palästinensischen Volkes bekräftige ich, dass wir Israel niemals anerkennen werden.» Zur Antwort erschallten «Tod Israel»-Sprechchöre. Hunderttausende waren auf dem Asadi-Platz versammelt.

«Komm und töte ihn»

Doch auch die Gründungscharta der Hamas spricht eine überdeutliche Sprache. In Artikel 7 wird ein Spruch aus der religiösen Traditionsliteratur des Islam zitiert: «Die Stunde des Gerichtes wird nicht kommen, bevor Muslime nicht die Juden bekämpfen und töten, sodass sich die Juden hinter Bäumen und Steinen verstecken, und jeder Baum und Stein wird sagen: 'Oh Muslim, oh Diener Allahs, ein Jude ist hinter mir, komm und töte ihn!'» Sätze, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Müller entgegnet, Papiere würden nicht die Realität beschreiben. «Fakt ist, dass Israel Tag für Tag völkerrechtswidrig palästinensisches Gebiet besetzt.» Allerdings scheint sein Besucher nicht über alle Zweifel erhaben. Gemäss «Arutz Scheva», einem religiös-zionistischen Mediennetzwerk, soll Masri 2007 vor rund einer halben Million Zuhörern ausgerufen haben: «Juden! Wir haben schon eure Gräber ausgehoben!»

Israels Interimsbotschafter Shalom Cohen jedenfalls ist verärgert über den Besuch der Hamas im Bundeshaus. «Es ist sehr beunruhigend. Eine Entwicklung, die wir gar nicht gerne sehen. Nicht hilfreich, sondern kontraproduktiv.» Das ohnehin angeschlagene schweizerisch-israelische Verhältnis – es ist mit Masris Besuch nicht besser geworden. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 21.02.2012, 15:32 Uhr)

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Posieren für die Kamera: Hamas-Sprecher Mushir Al-Masri überreicht Geri Müller ein Präsent. (Bild: zvg)

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