Geschlecht testen und bei Nichtgefallen abtreiben

Heute lässt sich das Geschlecht ab der neunten Schwangerschaftswoche bestimmen. Passt das Resultat nicht, kann es zu Abtreibungen kommen. Das soll sich nun ändern.

Junge oder Mädchen? In manchen Kulturkreisen eine entscheidende Frage vor der Geburt. Foto: Jennie Warren (Shestock/Gallery Stock)

Junge oder Mädchen? In manchen Kulturkreisen eine entscheidende Frage vor der Geburt. Foto: Jennie Warren (Shestock/Gallery Stock)

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Offiziell entscheidet der Ständerat erst in der Herbstsession, die nächste Woche beginnt. Doch 35 der 46 Ratsmitglieder haben ihren Willen bereits bekundet. Sie wollen «keine vorgeburtliche Geschlechterselektion durch die Hintertür» und haben eine entsprechende Motion von Pascale Bruderer ­unterzeichnet.

Die Aargauer SP-Ständerätin brachte im Februar ihr zweites Kind zur Welt – erneut ein Mädchen. Während der Schwangerschaft erfuhr sie, dass mit pränatalen Bluttests heute das Geschlecht bereits ab der neunten Woche bestimmt werden kann. Gleichzeitig erlaubt es die Fristenregelung, bis zur zwölften Woche ohne Angabe von medizinischen Gründen abzutreiben. Ein Schwangerschaftsabbruch kann also auch erfolgen, weil den Eltern das Geschlecht nicht gefällt.

Dies hat Pascale Bruderer alarmiert. Zumal ihr Fachleute erklärten, die ­Gefahr der Geschlechterselektion sei durchaus real – etwa bei Eltern aus anderen Kulturkreisen. Vor allem in Indien und China ist das Abtreiben von Mädchen weit verbreitet. Es kommt aber auch im Balkan und in der Türkei vor. Die Gründe dafür reichen vom Wunsch nach einem Stammhalter bis zur Vermeidung einer kostspieligen Mitgift.

Geschlecht nebenbei abgeklärt

In der Schweiz möchte Pascale Bruderer derart motivierte Schwangerschafts­abbrüche vermeiden. Der Bundesrat solle die Vorschriften bezüglich pränataler Untersuchungen so anpassen, «dass deren Missbrauchsrisiko zur geschlechtsspezifischen Selektion weitestmöglich reduziert wird», verlangt die SP-Ständerätin in ihrer Motion.

Bereits heute verbietet das Gesetz das Abklären des Geschlechts mittels pränataler Tests «zu einem anderen Zweck als der Diagnose einer Krankheit». Bluttests wie Panorama oder Praena dienen aber sehr wohl zum Feststellen von Krank­heiten. Darüber hinaus liefern sie – quasi als Nebenprodukt – das Geschlecht gleich mit. Dieses kann medizinisch relevant sein, weil gewisse Krankheiten ­geschlechtsspezifisch sind. Die Information kann aber auch zur Geschlechterselektion missbraucht werden. «Dieses Fenster sollten wir schlies­sen», sagt Bruderer. Wie der Bundesrat das macht, will die Aargauer Stände­rätin ihm überlassen. Sie schlägt vor, Labors das Mitteilen des Geschlechts zu verbieten, falls dieses nur nebenbei eruiert wird.

Auch der Bundesrat sieht die Gefahr der Geschlechterselektion und empfiehlt dem Parlament, die Motion anzunehmen. Allenfalls müsse man das ­Problem aber anders lösen als von ­Bruderer vorgeschlagen. Die Tests ­würden nämlich meist in ausländischen Labors durchgeführt, gibt der Bundesrat zu bedenken. Da könne ein Mit­teilungsverbot kaum durchgesetzt ­werden. Er will deshalb auch andere ­Lösungsansätze prüfen.

Laut Catherine Cossy, Mediensprecherin beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), könnte man auch bei den Ärztinnen und Ärzten ansetzen. Etwa indem man ihnen untersagt, das Geschlecht vor ­Ablauf der zwölften Schwangerschaftswoche bekannt zu geben. Alternativ erwägt das BAG, das Mitteilen des ­Geschlechts bei pränatalen Tests ganz zu verbieten. Die Gynäkologinnen und Gynäkologen würden eine klare Regelung begrüssen. Sevgi Tercanli, Präsidentin der Schwangerschaftskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Ultraschall, begrüsst denn auch Bruderers Motion. «Es gibt keinen vernünftigen Grund, das Geschlecht vor der zwölften Woche mitzuteilen», findet sie.

Umgehungsgefahr bleibt

Am liebsten wäre der Basler Gynäkologin, wenn auch die Ärztinnen und Ärzte das Geschlecht nicht erfahren würden. So müssten sie der Schwangeren nichts vorenthalten. Heute könne es das Verhältnis zur Patientin belasten, wenn die Ärztin das Geschlecht kenne und vom Gesetz her Auskunft geben dürfte, aber ein ungutes Gefühl dabei habe.

Das kann laut Tercanli etwa dann der Fall sein, wenn sich eine Schwangere auffällig stark fürs Geschlecht interessiert und/oder aus einem Kulturkreis stammt, in dem Geschlechterselektion verbreitet ist. Das komme immer wieder mal vor, sagt die Gynäkologin.

Sie hält die Gefahr der Geschlechterselektion in der Schweiz denn auch für real. Sehr häufig seien solche Fälle aber wohl nicht. Zahlen dazu gibt es keine. Denn kaum eine Frau sagt offen, sie wolle die Schwangerschaft abbrechen, weil sie kein Mädchen gebären wolle. Hin und wieder kommt aber auch dies vor. In ­solchen Fällen lehne er die Abtreibung stets ab, sagt Bruno Maggi, der in Zürich Schwangerschaftsabbrüche durchführt.

Ganz verhindern lässt sich die Geschlechterselektion auch mit Bruderers Motion nicht. Kann doch ein Paar das Geschlecht auch auf eigene Initiative im Ausland testen lassen. Dagegen helfen Schweizer Gesetzesvorschriften wenig. Aber sie können das Selektionsrisiko, wie von Bruderer angestrebt, erheblich reduzieren.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.09.2014, 23:18 Uhr)

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