Schweiz

Gesundheitsamt kämpft um seine Glaubwürdigkeit

Von Michael Widmer. Aktualisiert am 08.01.2010 29 Kommentare

Schweinegrippe, Vogelgrippe, Sars – die Aufregung in der Schweiz wegen diesen Krankheiten war stets gross, passiert ist wenig. Schürt das Bundesamt für Gesundheit mit seinen Informationen unnötig Ängste?

Patrick Mathys, Leiter des Bundesamts für Gesudnheit, zum Verlauf der Schweinegrippe in der Schweiz: «Es ist nichts passiert.»

Patrick Mathys, Leiter des Bundesamts für Gesudnheit, zum Verlauf der Schweinegrippe in der Schweiz: «Es ist nichts passiert.»
Bild: Keystone

Herr Mathys, sSie sind Leiter Pandemievorbereitung im BAG. Die Schweinegrippe ist praktisch überstanden. Man fragt sich: War alles halb so wild wie befürchtet?
Patrick Mathys: Halb so wild würde ich nicht sagen. Unsere Prognosen waren nach heutigem Ermessen zwar etwas zu hoch angesetzt, aber total daneben lagen wir nicht. Ausserdem rechnen wir erst in zwei bis vier Wochen mit dem Ende der aktuellen Pandemiewelle.

Wie gross sind denn heute die Differenzen zwischen Prognose und Wirklichkeit?
Wir gingen im letzten Frühsommer von 400'000 Arztbesuchen auf Grund des H1N1-Virus aus, bis heute haben rund 260'000 Konsultationen stattgefunden. Weiter rechneten wir mit 1000 Hospitalisationen, tatsächlich sind bis jetzt 480 Personen eingewiesen worden. Davon, glaubten wir, müssten 100 bis 150 Erkrankte in Intensivpflege, bis heute sind es rund 90. Der Krankheitsverlauf war in den meisten Fällen glücklicherweise mild bis sehr mild. Trotzdem gehen wir von 1 bis 1,5 Millionen Infizierten aus. Wir haben 1 bis 2 Millionen vorausgesagt.

Wie kommen Sie auf diese hohe Zahl an tatsächlich Infizierten?
Wir stützen uns auf internationale Studien, Seroprävalenz-Studien. In Frankreich wurden Erhebungen gemacht, in denen klar wurde, dass es etwa fünf Mal mehr Infizierte gibt, als tatsächlich den Arzt besuchen. Bei 260'000 Arztbesuchen in der Schweiz kommt man auf über eine Million Infizierte.

Das ist eine Schätzung?
Ja. Eine genaue Zahl ist nicht lieferbar. Wir können die Infizierten nicht zählen. Um genauere Hinweise zu bekommen, wäre es höchstens möglich, auch in der Schweiz eine Seroprävalenz-Studie zu machen. Man würde eine repräsentative Gruppe darauf testen, ob sie mit dem Virus in Kontakt gekommen ist und ob sie eine Immunabwehrreaktion durchgemacht hat.

Planen Sie eine solche Überprüfung?
Wir sind gegenwärtig mit dem nationalen Referenzzentrum für Influenza im Gespräch. Allerdings sind derartige Studien äusserst aufwändig und mit hohen Kosten verbunden.

Zahlen sind das eine, die Realität anders: Im Sommer wurde die Wirtschaft vom Bundesamt für Gesundheit aufgerufen, sich zu rüsten, damit sie noch funktioniert, wenn die Pandemie voll ausbricht. Die Rede war auch von bis zu 7000 Toten. Das Szenario ist ausgeblieben.
Es ist nicht nichts passiert. In meinem Umfeld gab es zahlreiche Schweinegrippekranke. Aber die Krankheit verlief sehr milde. Viele haben gar nicht gemerkt, dass sie den Virus in sich tragen, und gingen arbeiten. Andere blieben zwei, drei Tage zu Hause und gingen dann wieder ihren alltäglichen Beschäftigungen nach. So wurden die Auswirkungen der Grippe natürlich nicht so sichtbar, wie wir erwartet hatten. Die Krankheit war im Sommer, als wir unsere ersten Empfehlungen abgaben, neu. Wir haben unsere Informationen auf den damaligen Wissensstand gestützt.

Hätte sich die Grippe auch ganz anders, aggressiver entwickeln können?
Das glaube ich nicht. Aber ich muss festhalten: Das Wetter sagt man für die nächsten fünf Tage voraus, das Wissen dazu wird seit Jahren entwickelt. Von uns wurde eine Prognose für das nächste halbe Jahr erwartet, und das über ein Virus, das im Sommer praktisch unbekannt war. So gesehen waren unsere Vorhersagen nicht schlecht.

Kritiker werfen Ihnen Panikmache vor.
Davon kann keine Rede sein. Wir haben immer transparent orientiert. Vieles wurde später in unsere Informationen hineininterpretiert. Nicht zuletzt durch die Berichterstattung in den Medien wurde die Grippe als gefährlich wahrgenommen. Da wurde zum Teil vom «Killervirus» geschrieben. Solche Worte haben wir nie vermittelt.

Was lernen Sie daraus?
Wir analysieren das jetzt. Zwar haben die Medien unsere Zahlen korrekt weitergegeben. Aber bei den Leuten ist die Information als Panikmache angekommen. Verständlicherweise erschrickt im ersten Moment, wer von möglichen 1 bis 2 Millionen Erkrankten hört. Aber das ist tatsächlich eingetroffen. Das Virus war einfach milde. Wir haben jedoch immer betont, dass die Grippe nach neuestem Wissensstand milde verläuft.

Aber es ist doch auch eine Tatsache, dass sich trotz der zahlreichen Impfaufrufen Ihres Bundesamtes nur 15 Prozent wirklich haben impfen lassen. Es scheint, als habe das BAG ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Das ist ganz schwierig zu sagen. Ob man sich impfen lassen will oder nicht, hängt eben auch von der Einschätzung des persönlichen Risikos ab. Die Leute sagten sich offenbar: «Mir passiert nichts.»

Obwohl Sie dringend zum impfen geraten haben.
Wir haben das Problem erkannt und werden auch hier eine Analyse machen. Der Kulturunterschied ist dabei nicht zu unterschätzen. In der Romandie ist die Impfbereitschaft grösser als in der Deutschschweiz. Oder in Schweden zum Beispiel sind 60 Prozent der Bevölkerung geimpft. Dort wurde mit den gleichen Zahlen kommuniziert und mit gleichen Prognosen gerechnet wie in der Schweiz. In Frankreich und Deutschland sind gerade mal fünf Prozent geimpft. Da haben wir in der Schweiz unsere Arbeit nicht so schlecht gemacht.

Welchen Einfluss hat die harte Kritik von Impfgegnern?
Der ist sicher vorhanden. Obwohl: Da wurde sehr viel Halbwahres und Unwahres erzählt. Das Internet ist leider nicht nur eine Quelle von sachlicher Information. Überblicken wir die letzten Jahre: Zwischen Vogelgrippe, der Lungenkrankheit Sars und der Schweinegrippe gibt es Parallelen. Immer war die Panik gross, passiert ist kaum etwas. Wie soll das weitergehen? Irgendwann glaubt die Bevölkerung doch Ihren Worten nicht mehr?
Das ist ein Risiko. Es wird für uns sicher nicht einfacher, bei möglichen Gesundheitsbedrohungen zu kommunizieren. Wir wissen aber aus eigenen Umfragen, dass die Bevölkerung nach wie vor Vertrauen in die Information der Behörden hat.

Muss die Kommunikation trotzdem besser werden?
Besser werden, kann man immer. Es ist jedoch eine grosse Herausforderung, komplexe Themen einfach und verständlich zu vermitteln. Das H1N1-Virus ist superkomplex. Wir müssen mit wenigen Worten Informationen transportieren, die korrekt und transparent sind und die vor allem ankommen.

Da werden Sie wohl auch künftig drastische Prognosen stellen. Schliesslich ist es besser, am Ende über dem tatsächlichen Resultat zu liegen als darunter?
Dem ist so. Wir werden immer auf der vorsichtigen Seite argumentieren müssen. Wir können es uns nicht leisten, abzuwarten und zu handeln, wenn es zu spät ist. Unser Auftrag ist es, die Gesundheit der Bevölkerung in der Schweiz zu schützen. Heute würden wir vielleicht nicht mehr 13 Millionen Dosen Impfstoff kaufen. Aber damals war das die richtige Entscheidung und dazu stehe ich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.01.2010, 11:05 Uhr

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29 Kommentare

Peter Müller

08.01.2010, 13:54 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Die Antwort vom BAG auf Brief eines besorgten Bürgers mit der Frage nach einem Beweis, dass der Virus überhaupt existiert: "Es besteht in unserem Amt kein Dokument mit dem Titel "Virusbeweis zu H5N1-Virus und Schweinegrippevirus H1N1. Es bestehen auch sonst keine Dokumente, die sich mit der Frage eines Virusbeweises befassen. Es ist uns daher nicht möglich, lhnen solche Dokumente zuzustellen". Antworten


Verena Wagner-Zürcher

08.01.2010, 16:44 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Der langen Rede kurzer Sinn zum Thema: Von Anfang an hat die Schweinegrippe nur in den Köpfen der Verantwortlichen des BAG stattgefunden und ist damit bei TV und Presse auf offene, unkritische Ohren gestossen. Das "Volk" hat sich nie von der (gewollten?) Hysterie anstecken lassen. Man darf erwarten, dass das BAG endlich Federn lassen muss - auch zum Wohl von unser Steuerzahler/innen. Antworten



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