Gewalt war seine Lösung

Liebe, Eifersucht, Ohnmacht: Ein junger Familienvater erzählt, wie er zum Gewalttäter wurde. Und wie er sein Verhalten ändern will.

Im Lernprogramm gegen Gewalt gibt es Rollenspiele. Die verschiedenen Mützen symbolisieren Gefühlszustände. Foto: Adrian Moser

Im Lernprogramm gegen Gewalt gibt es Rollenspiele. Die verschiedenen Mützen symbolisieren Gefühlszustände. Foto: Adrian Moser

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Er hat sie angeschrien. Er hat sie an die Wand gedrückt. Er hat sie gepackt und weggestossen. Er hat sie gewürgt. Wie konnte es dazu kommen?

«Meine Geschichte ist aussergewöhnlich», sagt er. Er erzählt sie atemlos, wortreich, redegewandt. Es ist, als könne er sie selbst nicht fassen. Sie beginnt vor sechs Jahren in einer ländlichen Gemeinde in der Ostschweiz, als seine spätere Frau in sein Leben tritt. Eine grosse Liebe, eine fatale Abhängigkeit – von Anfang an. Als der Mann sich ein erstes Mal trennen will, versucht sie, sich das Leben zu nehmen. Sie finden wieder zusammen, heiraten, und nach kurzer Zeit erwarten sie ein Kind. Es ist erst fünf Monate alt, als die Mutter erneut schwanger wird. Die Frau hat bereits zwei ältere Söhne, die mit ihnen im selben Haushalt leben.

Der 25-jährige angehende Sozialversicherungsexperte ist plötzlich vierfacher Familienvater. Dabei müsste er sich auf seine Weiterbildung konzentrieren. Seine Frau ist psychisch instabil, bleibt öfters länger weg, überlässt ihm die ­Kinder. «Sie hat mich überfordert, statt dass sie mir in dieser Situation eine Hilfe gewesen wäre», sagt er. Das Paar streitet um das wenige Geld, das vorhanden ist. Er ist misstrauisch, kontrolliert ihre Mails, ihre Kreditkartenabrechnung, ihre Post – und stellt fest: Sie betrügt ihn. Es ist dieser Gefühlsstrudel aus Über­forderung, Eifersucht und Ohnmacht, der zur Eskalation führt. Mehrmals wird er in den Auseinandersetzungen gewalttätig, mehrmals rückt die Polizei aus. Immer sind die Kinder anwesend, wenn die Beamten den Vater aus der Wohnung führen und ihn jeweils für zwei Wochen wegweisen.

Lernprogramm angeordnet

Die Trennungen dauern nie lange. «Wir waren emotional stark aneinander gebunden. Wir brauchten uns. Ich hatte immer wieder die Hoffnung, dass es gut kommt», sagt er. Doch die Situation spitzt sich zu: Die schon länger involvierte Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) will die Kinder fremdplatzieren. Wegen ihrer psychischen Probleme habe die Behörde eine Unterbringung bei der Mutter nicht als ­adäquat erachtet, sagt der Vater. Und bei ihm nicht, weil er seine Gefühle nicht im Griff gehabt habe und die Kinder jeweils zu seiner Frau zurückgebracht hätte, wie er sagt.

Kurz vor der vereinbarten Fremdplatzierung entschliesst sich der Vater, der mittlerweile seine Weiterbildung erfolgreich abgeschlossen hat, die Kinder in ein Nachbarland zu bringen. Die Mutter reist nach, der Streit eskaliert erneut – und schliesslich holt die Polizei die Kinder auf dem Rückflug in die Schweiz direkt aus dem Flugzeug.

Die Eltern trennen sich wieder, aber einmal mehr nur vorübergehend. Im Frühling dieses Jahres ordnet die Kesb eine psychiatrische Behandlung für die Mutter an und ein Lernprogramm gegen Gewalt in der Ehe für den Vater. Dieser sträubt sich zunächst dagegen: «Ich bin kein grundsätzlich gewalttätiger Mensch. Ich bin einfach manchmal ausgerastet, wenn sie mich provoziert hat.» Schliesslich willigt er ein, weil er dereinst wieder mit seinen Kindern zusammenleben möchte – und vielleicht sogar mit seiner Frau. Ohne dass es in der Beziehung ständig «chlöpft».

Zum «Explodieren» gebracht

Ist seine Geschichte tatsächlich aussergewöhnlich? Im Lernprogramm gegen Gewalt in Ehe, Familie und Partnerschaft realisiert er, dass andere Männer die gleichen Gefühle haben wie er. Andere Beziehungsumstände zwar, aber die gleichen Gefühle, die auch ihn zum «Explodieren» gebracht haben, wie er es nennt. Der Mann lernt, bewusst Empfindungen und Fakten zu unterscheiden. Und er erarbeitet sich Strategien, um mit Wut und Provokation umzugehen, ohne gewalttätig zu werden. Rollenspiele helfen ihm, nicht nur das Verhalten seiner Frau, auf das er stark fixiert ist, sondern auch sein eigenes zu hinterfragen. Er sagt nicht mehr: «Ich fühlte mich bedrängt und sah keinen anderen Ausweg, als sie zu würgen.» Er sagt jetzt: «Ich war gereizt wegen meiner Weiterbildung. Nicht nur meine Frau, auch ich habe zur Eskalation der Situation bei­getragen.»

Hilfreich ist für ihn bereits das erste Abklärungsgespräch vor dem Kursbeginn. Dabei definiert er ein persönliches Ziel: «Ich muss lernen, mich abzugrenzen.» Heute ist er überzeugt, dass es weniger Gewalt in seiner Beziehung gegeben hätte, wenn er das schon früher umgesetzt hätte. Im Kurs lernt er, wie er dieses Ziel erreichen kann. Die Strategie lautet: Rückzug statt Kampf. «Ich muss nicht alles kontrollieren, ich darf nicht jede Konfrontation erwidern.» Hätte er sich mit seiner Wut in ein Zimmer zurückgezogen, anstatt den Streit im Wohnzimmer eskalieren zu lassen, wäre der Sturm ohne Gewalt vorbeigegangen. Davon ist er überzeugt.

Versuchen loszukommen

Diese Strategie habe er mittlerweile schon mehrmals angewendet, sagt der Mann. Denn das Paar ist seit Kursbeginn wieder zusammengekommen. Und hat sich daraufhin erneut getrennt. «Wir müssen versuchen, voneinander loszukommen. Ich habe Angst, dass ich wieder zu ihr zurückkehre, obwohl es einfach nicht geht mit uns.» In Kürze wird das 26-wöchige Lernprogramm für ihn zu Ende sein. Doch die Herausforderungen bleiben gross: Die Kinder leben derzeit bei den Grosseltern. Im Dezember entscheidet die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, in wessen Obhut sie gegeben werden sollen. Dafür will er sich rüsten; er will ihnen Sicherheit und ein schönes Zuhause bieten. Das ist aber nur möglich, wenn die Eltern ihre Probleme klären, wie er einräumt.

Weil ihm die Gespräche und der Austausch im Kurs geholfen haben, möchte er das Lernprogramm vorerst weiter­führen. Darauf setzt er nun seine Hoffnungen: «Wenn ich weiterhin an mir arbeite, finden wir als Familie vielleicht einen Weg, wie wir respektvoll miteinander umgehen können.»

Dem «Tages-Anzeiger» ist die Identität des Mannes bekannt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2016, 20:25 Uhr

Die Polizei muss jeden Tag 40-mal eingreifen

Trotz hoher Fallzahlen werden die Täter kaum zur Verantwortung gezogen. Lernprogramme harzen auch wegen rechtlicher Schranken.

Mehr als 14'000-mal rückte die Polizei letztes Jahr in der Schweiz wegen ­häuslicher Gewalt aus. Das sind rund 40 Interventionen pro Tag. Doch diese Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs: Gemäss der Schweizerischen Opfer­befragung 2011 wird die Polizei nur in 22 Prozent der Fälle gerufen. Vier von fünf Tätern sind Männer – und Statistiken zeigen, dass jeder zweite wiederholt gewalttätig wird.

Fachleute sind überzeugt: Die Gewaltspirale lässt sich nur durchbrechen, wenn beim Täter ein Umdenken statt­findet. Doch die zuständigen Behörden und Beratungsstellen erreichen die Männer häufig nicht. Von den knapp 10'000 Personen, die im Jahr 2015 Polizeieinsätze ausgelöst haben, nahmen gemäss dem Fachverband Gewaltberatung Schweiz nur rund 1500 ein Beratungs­angebot in Anspruch. Und lediglich 180 Täter besuchten eines der schweizweit neun Lernprogramme gegen Gewalt im häuslichen Umfeld, in denen sie sich über ein halbes Jahr hinweg kontinuierlich mit ihren Verhaltensmustern auseinandersetzen müssen.

Dabei wären es solche niederschwelligen Angebote, die den grössten Effekt auf eine Verhaltensänderung hätten und weitere Gewalt verhindern würden, wie die Teilnehmer einer Fachtagung gestern in Bern konstatierten. «Wir müssen nicht nur die Opfer schützen, sondern auch die Täter zur Verantwortung ziehen», sagt Sylvie Durrer, Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG).

Dass die bestehenden Angebote zu wenig genutzt werden, liegt auch an den Strafverfolgungs- sowie den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden. «Sie weisen den Beratungsstellen und Lern­programmen die Täter bisher nur zurückhaltend zu», sagt Durrer. Judith Hanhart, Leiterin der Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt, sieht den Grund darin, dass die Wirkung der Lernprogramme nie untersucht worden sei. «Die verschiedenen Angebote in den Kantonen müssten in einer nationalen Langzeitstudie unter Federführung des Bundes evaluiert werden. Dann wären sie in Fachkreisen besser akzeptiert und würden häufiger eingesetzt.»

Beratungspflicht in Luzern

Doch vielerorts sind den Behörden auch gesetzlich die Hände gebunden. So ist es der Polizei zum Beispiel lediglich in acht Kantonen erlaubt, die Kontaktdaten eines Täters an eine spezialisierte Beratungsstelle weiterzuleiten, die den Mann in der Folge kontaktiert und zu einer Beratung auffordert. Dabei habe sich diese proaktive Ansprache in der Praxis bewährt, wie Durrer sagt. In einem derzeit laufenden Pilotprojekt im Kanton Basel-Stadt konnten bisher 43 Prozent der ­persönlich angesprochenen Täter zu einer Beratung bewogen werden. In der Waadt, wo diese Regelung ebenfalls gilt, ist es sogar jeder zweite Betroffene. Die Kantone Luzern und Wallis gehen noch weiter: Dort besteht für Täter eine Beratungspflicht. Hans-Jürg Käser, Präsident der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD), betonte an der gestrigen Tagung denn auch, dass angesichts dieses kantonalen Flickenteppichs Handlungsbedarf bestehe. «Es muss uns überall in der Schweiz gelingen, Gewalttäter in solche Programme einzuweisen», sagte er. Er werde das ­Anliegen einer einheitlichen Regelung in die KKJPD einbringen.

Hoffen auf das neue Gesetz

Die Fachstellen hoffen zudem, dass mit einer geplanten Gesetzesänderung auf Bundesebene die Beratungsangebote und Lernprogramme besser genutzt werden: Künftig sollen die Hürden für eine Verfahrenseinstellung bei häuslicher Gewalt höher werden. Mit der Revision sollen die Strafverfolgungsbehörden mehr Ermessensspielraum erhalten – und bei der Einstellung eines Verfahrens unter anderem berücksichtigen, ob sich das Verhalten des Täters zum Beispiel durch den Besuch eines Lernprogramms entscheidend verändert hat.

Und schliesslich soll auch die Rati­fikation der Istanbul-Konvention des Europarats gegen häusliche Gewalt die Stellung der Beratungsangebote verbessern. Denn die Vertragsstaaten verpflichten sich dazu, Programme einzurichten oder zu unterstützen, die auf eine Verhaltensänderung der Täter zielen. Raphaela Birrer, Bern (Tages-Anzeiger)

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