Schweiz

Girod, der Mann mit den falschen Freunden

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 07.11.2009

Der grüne Nachwuchs-Nationalrat Bastien Girod hat zwei harte Wochen hinter sich. Für sein Papier zu Migration und Umwelt kritisiert ihn die eigene Partei harsch. Und: Die Rechten applaudieren.

Schlecht getimt: Nationalrat Girod, 28, auf seinem Velo «Bad Boy».

Schlecht getimt: Nationalrat Girod, 28, auf seinem Velo «Bad Boy». (Bild: Thomas Burla)

Artikel zum Thema

Stichworte

Man trifft Bastien Girod in Zürich zum Mittagessen und will wissen, was ihn als Politiker befeuert. Girod, gross, Haartolle, Gang wie ein Cowboy, nennt zwei Dinge: Glück und Wohlbefinden. Es gehe ihm um «eine hohe Lebensqualität hier und jetzt, aber nicht auf Kosten von morgen und anderswo».

Seit er die Plastikformel in den Alltag übersetzt hat, hat er ein Problem: Vor zwei Wochen publizierte Nationalrat Girod ein Papier über Migration und Umwelt. Und nun steht der Minergie-Kennedy als Begünstiger einer rechten Lieblingsdebatte da. Als Tabubrecher zugunsten der Blut-und-Boden-Fraktion.

Lebensqualität sei bedroht

Die Lebensqualität in der Schweiz sei bedroht, hat Girod geschrieben. Die Bevölkerung wachse zu schnell, das erzeuge Druck auf Natur, Wohnungsmarkt und Verkehrswege. Die Einwanderung sei insofern ein Problem.

Ausländerablehner frohlocken angesichts des Papiers. Sie können ihre alten Forderungen erneuern. Etwa die, nicht noch mehr Muslime ins Land zu lassen: Muslime zeugen mehr Kinder als Christen, das schädigt die Umwelt!

Angesichts dieses Beispiels lässt Girod von seiner Pasta mit Wodkasauce. Er legt dar, was sein Papier wirklich will: etwa die Anlockung Reicher in hiesige Steueroasen «thematisieren».

«Bad Boy»

Bloss ist ihm die Themenhoheit eben subito entglitten. Sauer machte seine Grünen auch, dass Girod das – mit der St. Galler Parteikollegin Yvonne Gilli verfasste – Papier via Presse lancierte. Sein Image ist seither identisch mit der Marke seines Velos: «Bad Boy».

Er würde jetzt anders handeln, sagt Girod: «Die letzten zwei Wochen waren sehr anstrengend. Für das nächste Mal muss ich den Prozess optimieren.»

Vor wenigen Jahren war alles leichter. Girod war ein munterer Greenpeacer und Antiglobalisierer. Einmal machte er sich mit Gleichgesinnten von Lausanne per Floss auf zum G-8-Gipfel in Evian. Das Trüppchen wurde von der Seepolizei höflich aus dem Verkehr gezogen. Es war spassig, jenes Aktivistenleben, das einen Sitz im Stadtzürcher Gemeinderat zeitigte. Unbeschwert. Sexy: Girod zog sich mit anderen jungen Männern und Frauen vor einer Polizeiwache in Zürich aus, zwecks Protest gegen Fälle von Zwangsstriptease nach der Verhaftung.

Ein Sixpack, wow!

Das Nacktfoto machte Furore. Wegen Girods Physis, versteht sich. Dieser Flachbauch! Ein Sixpack, wow!

Derzeit wird Girod still, wenn man ihn auf seinen Body anspricht. Er redet darüber gerade nicht gern. Seiner Gegenwart fehlt die Unbeschwertheit. Zu viel musste er einstecken. Sein Papier komme «aus der rechten Ecke», polterte der Parteipräsident. Schlimmer ist der Beifall vom Gegner. In der «Arena» des Schweizer Fernsehens wollte sich Girod vor einer Woche erklären, wirkte aber fahrig. Er hatte in der Sendung die falschen Freunde und Sympathisanten vor Augen: SVP-Nationalrat Hans Fehr. Oder auch den Schweizer-Demokraten-Geschäftsführer Bernhard Hess.

So hat Nachwuchsmann Girod seine politische Unschuld verloren. Unglücklich getimt ist sein Vorstoss erst noch. Die neue Ecopop-Studie zeigt, dass die Schweizer sich über die Migration nicht mehr echauffieren wie einst. Als man Girod vorhält, er pushe ein lauwarmes Thema, wehrt er sich tapfer: «Mir kommt es entgegen, wenn die ausländerfeindlichen Gefühle erkalten. Uns geht es nicht um die Frage: Schweizer oder Ausländer? Sondern um das Bevölkerungswachstum, um Wachstumsgeschwindigkeit und Bevölkerungsdichte.»

Ganz private Wellnessquelle

Wie bewahrt er sich selber in der Turbulenz jenes Wohlbefinden, das er zum politischen Ziel erhoben hat? Girod gibt nicht viel Persönliches preis. Und gar nichts über seine ganz private Wellnessquelle, die rothaarige Ex-Miss-Zürich Ellen Tkatch, mit der er kürzlich in den People-News auftauchte; das Paar strahlte Glamour aus. Stattdessen sagt Girod, der Sport tue ihm gut. Und erzählt, er boxe neuerdings. Man solle das aber eher nicht schreiben. Es sei Fitnessboxen! Nicht Mann gegen Mann!

Da will einer offensichtlich den Eindruck der Forschheit vermeiden. Es gehe ihm stets um Versachlichung, betont Girod mehrfach. Am Schluss fragt man ihn noch etwas zu seiner Doktorarbeit «Integration von Nachfrageveränderung in die Ökobilanzierung»: Ist das Thema nicht grässlich langweilig, Herr Girod? Das Bubengesicht strahlt: «Nein! Die Forschung ermöglicht mir Flow.»

So ist man gegen Ende des Gesprächs wieder am Anfang. Flow ist ein Begriff aus der Glücksforschung, meint den dynamischen Fluss aller Lebensbe- reiche. Sieht sich Bastien Girod denn als glückliches Wesen? Die Antwort klingt so technokratisch, wie es sich für einen ETH-Dissertanten ziemt: «Jeder Mensch hat seinen genetischen Ausgangspunkt. Er kann über dieses Niveau steigen oder darunterfallen. Ich glaube, in diesem Modell schöpfe ich mein Potenzial ganz gut aus.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2009, 08:07 Uhr

Schweiz

Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.