Schweiz

Gottes Lobbyistin im Bundeshaus

Von Michael Meier. Aktualisiert am 21.12.2009 21 Kommentare

Maria Wyss betet seit 2001 im Bundeshaus für die Obrigkeit. Im Ja des Volkes zum Minarettverbot sieht sie eine Gebetserhörung.

Sie gehöre keiner Partei an, sagt Bundeshaus-Beterin Maria Wyss, «es sei denn der PdH, der Partei des Herrn».

Béatrice Devènes

Maria Wyss ist keine Parlamentarierin und dennoch seit acht Jahren während jeder Session und bei jeder Neuwahl im Bundeshaus präsent. In der Wandelhalle und bei Polit-Apéros versucht die elegant gekleidete Mitfünfzigerin mit Parlamentariern in Kontakt zu kommen. Gebeten oder ungebeten fragt sie die Politiker, wo der Schuh drückt und spricht sie auf Gott und das Gebet an.

Wyss gehört zu einem Dreierteam von Betern, die als Lobbyisten Gottes durch das Bundeshaus wandeln. Sie verstehen sich laut Wyss nicht als Konkurrenz zu den offiziellen Bundeshaus-Pfarrern, die jeweils mittwochs eine Andacht unter der Bundeshauskuppel abhalten. Das Team nimmt daran teil und hilft mit, einmal jährlich eine Eidgenössische Besinnung in Form eines Gebets-Frühstücks durchzuführen.

«Auftrag direkt aus der Bibel»

Ein offizielles Mandat einer Kirche oder gar des Bundes hat das Gebetsteam nicht: «Wir nehmen den Auftrag direkt aus der Bibel», erklärt Wyss. Dort steht im 2. Kapitel des 1. Timotheus-Briefes, Gott fordere von den Menschen das Gebet für die Obrigkeit. Die Zulassungsberechtigung zum Bundeshaus hat Wyss von einem Parlamentarier erhalten.

Die Beterin ist weder Theologin noch Pfarrerin, sondern Immobilienverwalterin und Inhaberin eines Lederwarengeschäfts in der Altstadt von Burgdorf. Es sei Legitimation genug, dass sie «das Wort Gottes mit Inbrunst lese» und sich «durchs Leben gebetet» habe.

Couchepin: «Beten Sie mehr!»

Gebetet hatte die Mutter von zwei Kindern, die der reformierten Landeskirche angehört, schon immer. Der Tod ihres Mannes vor 15 Jahren habe sie aber noch näher zum Wort Gottes und zum Gebet gebracht. Als sie vom Dienst im Bundeshaus gehört habe, sei für sie sofort klar gewesen: «Das ist jetzt meine Berufung». Die Unternehmerin hat als ehemalige Gemeinderätin von Rüti bei Lyssach Exekutiverfahrung, gehört aber keiner Partei an, «es sei denn der PdH, der Partei des Herrn».

Wyss bezeichnet sich selbst als «wandelnde Provokation» in der Wandelhalle. Denn: «Das Wort vom Kreuz gefällt nicht allen.» Ablehnung sei für sie aber kein Problem. Zumal es auch viel Zuspruch gebe. Bis vor kurzem etwa von Pascal Couchepin, der sie öfters ermutigt habe: «Es ist gut, dass Sie beten. Beten Sie noch mehr!»

Beterin für alle

Wyss kennt die meisten Parlamentarier persönlich. «Es kommt immer wieder vor, dass sie mich bitten, für dies und jenes, auch für persönliche Anliegen wie die Gesundheit zu beten.» Die Immobilienverwalterin betet dann vor allem zu Hause kniend im stillen Kämmerlein – nicht nur für Politiker, auch für die Medienschaffenden und für die Justiz.

So betet sie etwa, dass die Politiker von Weisheit, Gottesfurcht und Kraft erfüllt werden. «Zentrales Anliegen ist das Gebet für die Menschen in der Politik, nicht für Sachgeschäfte». Indem sie sich aber an den biblisch-ethischen Werten orientiere, bete sie etwa bei Themen wie der Fristenregelung oder der Präimplantationsdiagnostik selbstredend für das Leben.

Im Namen Gottes gut gefahren

Die Beterin ist überzeugt, dass ihr Gebet auch Wirkung zeigt. Sie will im Bundeshaus immer wieder Gebetserhörungen erlebt haben. Es sei schon mehrfach vorgekommen, dass ein Parlamentarier zu ihr gesagt habe, ihr Gebet habe zur Heilung einer Krankheit beigetragen. Es brauche eben Zeichen und Wunder, damit Menschen zum Glauben kämen. «Wir würden schlapp machen, wenn wir nicht ab und zu etwas bekommen von Gott».

Wyss zufolge ist auch am 29. November eine Gebetserhörung passiert: «So wie die Debatte um das Minarettverbot gelaufen ist, war es doch sehr erstaunlich, dass die Initiative so stark angenommen wurde.» Ihrer Ansicht nach wollten das Volk die christlichen Werte vor einem Abbau schützen. Sie erkennt daher im Ja zur Minarettinitiative einmal mehr Gottes schützende Hand über der Schweiz. «Seit dem Rütlibund von 1291 im Namen Gottes sind wir doch gut über die Runden gekommen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2009, 04:00 Uhr

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21 Kommentare

oliver keller

21.12.2009, 12:06 Uhr
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Ich dachte immer, beten sediert die Menschen, aber diese Aussage über die Minarettabstimmung zeigt klar auf, dass die Erde eine Scheibe ist und im Zentrum des Universums steht, einfach nur, weil wir sie bevölkern. Und Darwin? Ein Ketzer, ein Ketzer... Antworten


Peter Zurbrügg

21.12.2009, 10:13 Uhr
Melden

Eine ganz tolle Arbeit macht Frau Wyss da! Ich bewundere sie, und wünsche ihr viel Kraft und Weisheit. Ich bin zwar bei der Minarettabstimmung nicht gleicher Meinung, aber wenn ich die primitiven und antidemokratischen Reaktionen von den Moslems höre und sehe, muss ich meine Meinung ändern. Antworten



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