Grossandrang in der Gassenküche

Mehr und mehr Menschen essen in Lausanne in der «Soupe populaire». Die Nachfrage nach Essensabgaben nimmt schweizweit zu. Nicht nur der Hunger treibt die Leute in die Gassenküche.

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Der Essraum unter dem Pont Bessières im Lausanner Stadtzentrum erinnert an eine Lagerhalle. Das war er wohl früher. Heute ist hier Lausannes Gassenküche untergebracht, im Volksmund «Soupe populaire» genannt. Der Raum wirkt etwas unwirtlich. Helfer haben sich aber bemüht, ihn würdevoll herzurichten: bunte Tischtücher aus Plastik, eine Freiwillige geht umher und zündet Kerzen an. Für das Minimum an Wirtlichkeit sorgt die Stiftung Mère Sofia, die den Namen ihrer Gründerin trägt, einer katholisch-orthodoxen Nonne.

Es ist kurz vor 19 Uhr. Obwohl die Gassenküche erst um 19.30 Uhr öffnet, stehen schon mehrere Dutzend Leute vor der Eingangstür, und es kommen immer mehr. Die Wartenden wissen: Niemand wird fragen, wer sie sind und warum sie kommen. Ab und zu steckt jemand hungrig seinen Kopf in den Raum, um zu erschnuppern, was es zu essen gibt. Michel Tabort («Mitch»), der Koch, hat sich gegenüber der Eingangstür auf einem Stuhl eingerichtet. Mit ernstem Gesicht registriert er, wer im Raum auf- und abgeht, und wedelt dabei mit einer Insektenklatsche durch die Luft.

Der Koch muss improvisieren

Halb Lausanne kennt Mitch, er ist eine städtische Institution. Einst Möbelschreiner, wechselte er mit 50 Jahren das Gewerbe und wurde Gassenküchenkoch. Das war vor 15 Jahren. Für viele Leute zu kochen, sei für ihn noch nie ein Problem gewesen, das habe er im Militär gelernt, sagt er. Mitch arbeitet 365 Tage im Jahr, auch die Gassenküche ist täglich geöffnet. Für heute hat er Feierabend. Er hat Reis mit Ratatouille gekocht, dazu eine Kohlsuppe, trotz der Sommerhitze. Es gibt aber auch Blattsalat.

«Streit um die Lebensmittel gibt es nie.»Nicolas Chappuis, Sozialarbeiter

Der Reis, die Gemüse und die Salate wurden Mitch schon am Nachmittag geliefert. Ein Logistiker der Stiftung Mère Sofia hat die Lebensmittel bei Manor im Lausanner Stadtzentrum und bei Gemüseproduzenten ausserhalb der Stadt abgeholt. Es sind Esswaren, die das Warenhaus und die Produzenten wegen des Ablaufdatums am folgenden Tag nicht mehr verkaufen können und deshalb gratis abgeben.

Für Manor-Sprecher Alexandre Barras «eine Selbstverständlichkeit». Er sagt: «Die einzelnen Manor-Märkte sind bei den Lebensmittelabgaben relativ unabhängig und stehen in direktem Kontakt mit sozialen Institutionen.» Trotz des guten Kontakts: Was Mitch jeweils bekommt, weiss er nicht zum Vornherein. Seine Menüs muss er spontan den Lieferungen anpassen. Damit er dennoch ein bisschen kalkulieren kann, stellt auch das Zentrum für Nahrungsmittel der Region Lausanne Waren zur Verfügung. Dabei handelt es sich um länger haltbare Nahrungsmittel wie Teigwaren, Zucker, Mehl oder Kaffee.

Enormer Zulauf

Die Lausanner Gassenküche hat seit Jahren enormen Zulauf. 2008, als erstmals Zahlen erhoben wurden, hat sie 47'000 Mahlzeiten ausgegeben, vergangenes Jahr waren es 68'000 Essen – ein Rekordwert, der 2015 übertroffen werden dürfte. Schon im ersten Halbjahr sind bei rund 200 Gästen pro Abend über 35 000 Essen ausgegeben worden, Ende Jahr werden es wohl über 70'000 sein. Dazu kommen Lebensmittel­pakete für zu Hause, welche die Statistik nicht ausweist: 100 Pakete pro Tag, also über 36'000 pro Jahr. Parallel zur Gassen­küche gibt es in Lausanne rund 30 weitere Institutionen, die Nahrungsmittel abgeben, meist ganz diskret. «Wir stellen eine zunehmende Prekarisierung der Gesellschaft fest», sagt Yan Desarzens, Direktor der Stiftung Mère Sofia. In der Gassenküche esse man nicht, um sich zu vergnügen.

Zu den Stammgästen gehören auch Alleinerziehende, Grossfamilien, Working Poor.

Kurz vor 19.30 Uhr wird es hektisch. Der Logistiker der Stiftung fährt mit seinem himmelblauen Bus vor das Gebäude. Er bringt in einer letzten Lieferung Waren, die ihm nebst Manor rund 15 Bäckereien überlassen haben: Brote, Pizzas, Sandwiches, Früchte, aber auch Patisserie, Pilze, Kräuter und Fruchtsäfte. Zehn Freiwillige, die an diesem Abend in der Gassenküche arbeiten, stellen sich sofort in einer Reihe auf, um die grünen Lebensmittelboxen vom Bus in die Gassenküche weiterzureichen. Die Waren werden sortiert und in Regale gestellt.

Endlich öffnet jemand die Tür. Die Menschenmenge drängt hinein: junge Männer, Schweizer und Migranten, Familien mit Kindern, Mütter mit Babys und auffallend viele Rentner. Der eine Teil der Gäste marschiert sofort zur Essensausgabe, besorgt sich Reis und Ratatouille und wahlweise ein Stück Pizza oder ein halbes Sandwich, setzt sich alleine oder in Gruppen an einen der Tische und beginnt zu essen. Andere gehen zur gegenüberliegenden Seite des Raums. Dort füllen Helfer Lebensmittel in Plastiksäcke und drücken sie den Leuten in die Hand. «Sie nehmen die Ess­waren mit nach Hause, um selbst zu kochen», sagt Sozialarbeiter Nicolas Chappuis. Manchmal kann die Gassenküche den Bedürftigen gar Rindscarpaccio oder -tatar anbieten. Chappuis betont: «Streit um die Lebensmittel gibt es nie. Die Leute können wünschen, aber nicht bestimmen.»

Der Einsamkeit entfliehen

Die Menschen, die regelmässig in der Lausanner Gassenküche essen, vertrauen sich den Helfern nach einer gewissen Zeit an und erzählen, was sie ­herführt. Natürlich essen dort Asylsuchende, auch abgewiesene. Zu den Stammgästen gehören zudem rumänische Roma sowie Drogen- und Alkoholabhängige. Aber auch kinderreiche Familien, Alleinerziehende, berufstätige Working Poor, Leute, die sich verschuldet haben. Und Menschen mit psychischen Problemen oder ehemalige Häftlinge, die Anschluss suchen.

Was Yan Desarzens von der Stiftung Mère Sofia besonders betroffen macht, ist die zunehmende Zahl älterer Menschen, die in die Gassenküche kommen. Nicht weil sie zu wenig Geld hätten, sondern weil sie die Einsamkeit nicht ertragen würden. «Wenn mir jemand sagt, er könnte daheim essen, aber da sei er ganz allein, bricht es mir das Herz.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.07.2015, 19:13 Uhr)

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Armut in der Schweiz

Die Sozialhilfe ist bescheiden, die Existenzangst gross

Die Nachfrage nach kostenlosen, qualitativ einwandfreien Nahrungsmitteln nimmt schweizweit enorm zu. Das verdeutlichen Zahlen mehrerer Hilfsorganisationen. Die Schweizer Tafel und der Verein Tischlein deck dich sammeln bei Produzenten, Grossverteilern wie Coop, Migros, Denner und Manor und Detaillisten schweizweit Nahrungsmittel ein. Während die Schweizer Tafel Gassenküchen, Abgabestellen, aber auch Obdachlosen- und Asylheime sowie Notunterkünfte versorgt, betreibt Tischlein deck dich 100 Abgabestellen. 2004 verteilte die Schweizer Tafel 720 Tonnen Lebensmittel, 2014 bereits 4400 Tonnen, rund sechsmal mehr. Auch bei Tischlein deck dich haben die Lebensmittelabgaben stark zugenommen: von 420 Tonnen (2004) auf 2900 Tonnen (2014).

Caritas verkauft in ihren Märkten Lebensmittel zu günstigen Preisen. Die Umsatzzahlen sind dort von 1,4 Millionen Franken (2002) auf 12,7 Millionen Franken (2014) gestiegen. Im letzten Jahr verkaufte Caritas 5600 Tonnen Lebensmittel, 19 Prozent mehr als 2013.

«Das Leben neu organisieren»

Caritas-Sprecher Stefan Gribi sagt, der Druck auf Menschen, die am oder unter dem Existenzminimum leben, sei enorm. Einige Kantone oder Gemeinden hätten ihre Sozialleistungen bereits gekürzt. Alleine die Angst davor treibe die Leute dazu, ihr Leben neu zu organisieren. Die Sozialhilfebeträge seien stets bescheiden, hält Dorothee Guggisberg, Geschäftsführerin der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos), fest. «Betroffene müssen das Geld genau einteilen. Wer in dieser Situation ist, greift schnell auf günstige Angebote zurück.»


Laut Zahlen des Bundesamts für ­Statistik lebten 2012 in der Schweiz 590?000 Menschen unter der Armutsgrenze. Das entspricht 7,7 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung. «Die Armut ist grösser, als man sie sich vorstellt, weil man sie auf den Strassen nicht sieht», sagt Daniela Rondelli, Geschäftsleiterin der Schweizer Tafel. Als die Organisation 2003 die Basler Tafel eröffnete, schrieb sie 120??Institutionen an und fragte, ob diese Lebensmittel benötigten. Zwei bis drei hätten geantwortet, sagt Rondelli. Heute habe man in der Region Basel 73 Abnehmer. Alex Stähli, Geschäftsführer von Tischlein deck dich, sagt: «Unsere Nahrungsmittelabgabe ist gefragt; glücklicherweise sind auch immer mehr Produzenten und Grossverteiler bereit, Lebensmittel vor dem Verfall weiterzugeben.»

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