Grüne haben ein höheres Potenzial als die SVP
Von Fabian Renz, Bern. Aktualisiert am 30.10.2010 12 Kommentare
Klassenkampf, das war einmal, heute herrscht der «neue Kulturkampf». Dies ist das Fazit des gestern präsentierten Wahlforschungsprojekts «Selects», bei dem rund 4400 Personen – aufgeschlüsselt nach Berufsgruppen – zu ihren Präferenzen und Entscheidungen anlässlich der nationalen Wahlen 2007 befragt wurden. Dabei zeigte sich: Die Mitteparteien haben es vor allem deshalb schwer, weil ein «kultureller Konflikt» dominiert (über Schweizer Identität, Ausländer, EU), in dem die Konkurrenz mit profilierteren Ansichten punkten kann. Im Einzelnen ergeben sich aus der Studie folgende Befunde für die Parteien:
- Die Grünen profitierten von ihrer Position als Polpartei im besagten «kulturellen» Konflikt. Das heisst: Die Partei wirkt auf ihre Wähler attraktiv, weil sie mehr als alle anderen für Umweltschutz und Ausländerrechte eintritt. Bemerkenswerterweise ergaben die Befragungen, dass keine andere Partei über so viele potenzielle Sympathisanten wie die Grünen verfügt: Auf 47,7 Prozent beziffern die Autoren der Studie das grüne Wählerpotenzial. Umgekehrt ist keine andere Partei so schlecht darin, ihr Reservoir auszuschöpfen: Die entsprechende Quote liegt bei mageren 20,5 Prozent. Teilweise erklärt sich dies damit, dass fast alle, die mit den Grünen sympathisieren, auch der SP zuneigen (deren Wählerpotenzial bei 44,9 Prozent liegt). Und im linken Lager wird die SP nach wie vor bedeutend öfter gewählt.
- Im Unterschied zu den Grünen konnte die SVP ihr – mit 39,5 Prozent eher tiefes – Wählerpotenzial zu hervorragenden 73,2 Prozent ausschöpfen. Die SVP wird vor allem von Arbeitern, Angestellten und Gewerblern gewählt. Und zwar ebenfalls wegen ihrer «kulturellen» Positionen: Nein zur EU, Ja zur Neutralität, schärfere Ausländergesetze. Bei Managern schneidet die Partei mässig ab, obschon führende SVP-Politiker dezidiert wirtschaftsliberale Ansichten vertreten. Die Studie zeigt auch, dass die SVP-Basis in Wirtschaftsfragen viel weiter links steht als ihre Elite und auch als die FDP-Wähler (vgl. Grafik). Die Forscher kommen zum Schluss, dass der klassische «sozio-ökonomische Konflikt» – Steuern, Sozialwerke, Rolle von Markt und Staat – für den Ausgang von Wahlkämpfen weniger wichtig ist als «kulturelle» Themen.
- Die FDP wird überdurchschnittlich oft von Kadern und Spezialisten gewählt, hat aber wenig Rückhalt bei einfachen Arbeitern und Angestellten. Bei diesen Berufsgruppen leidet die Partei darunter, dass sie sich in den kulturellen Themen kaum profilieren kann. Nach Ansicht von «Selects»-Projektleiter Georg Lutz wäre es im Interesse der Freisinnigen, wenn im bevorstehenden Wahlkampf wieder ökonomische Themen in den Vordergrund rücken würden.
- Die Probleme der SP sind ähnlich gelagert: Weil linke Domänen wie Steuern und Sozialwerke an Bedeutung einbüssen, verliert die Partei die Arbeiter und Angestellten. Mehr noch: Selbst jene, die SP wählen (vor allem Lehrer und Sozialberufler), sind wirtschaftspolitisch anders eingestellt als ihre politischen Repräsentanten – liberaler nämlich. Somit ergibt sich, mit umgekehrten Vorzeichen, das gleiche Phänomen wie bei der SVP. Ohnehin politisieren die Eliten in fast allen Parteien radikaler als ihre Wähler. Von der Wahl extremerer Kandidaten versprächen sich die Leute, dass ihre Anliegen «im Politikprozess zumindest teilweise berücksichtigt werden», schreiben die «Selects»-Forscher.
- Ausgeglichenes Bild bei der CVP: Ihre Wählerschaft verteilt sich gleichmässig auf alle Berufsgruppen. Auch politisieren Wähler und Gewählte sehr nahe beieinander. Für die CVP sieht Georg Lutz allerdings mehr als bei den anderen Parteien Schwierigkeiten, durch Profilierung an Terrain zu gewinnen.
Erstellt: 30.10.2010, 06:33 Uhr
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12 Kommentare
Die Grünliberalen werden wahrscheinlich schön zulegen,was ich, da sie weniger ideologielastig sind verstehen kann.Dass aber die Grünen mit ihren Extrempositionen viel mehr Stimmen bekommen sollen, ist für mich nicht nachvollziehbar.Sie haben den Hauptwiderspruch zwischen Massenzuwanderung-die sie ja wollen- und der Erhaltung der Lebensqualität (Abgase/Abfall/Lärm/Zersiedelung usw) nicht begriffen! Antworten






