Schweiz

HSG-Dozent prügelte auf Bankgeheimnis ein – jetzt bangt er um seinen Job

Von Antonio Cortesi, St. Gallen. Aktualisiert am 07.04.2009 58 Kommentare

Der Rektor der Uni St. Gallen hat Ulrich Thielemann wegen dessen Aussagen vor dem Deutschen Bundestag scharf gerügt. Staatsrechtler Rainer J. Schweizer findet dies falsch.

Unter Druck: Professor Dr. Ulrich Thielemann vom Institut für Wirtschaftsethik an der Universitaet St. Gallen.

Unter Druck: Professor Dr. Ulrich Thielemann vom Institut für Wirtschaftsethik an der Universitaet St. Gallen.
Bild: Keystone

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Sein Auftritt vor dem Finanzausschuss des Deutschen Bundestags liegt bereits eineinhalb Wochen zurück, und Ulrich Thielemann nahm zum Thema Bankgeheimnis kein Blatt vor den Mund. Den Schweizer Eliten fehle im Zusammenhang mit Steuerdelikten das Unrechtsbewusstsein, kritisierte der Deutsche, der an der Universität St. Gallen Dozent für Wirtschaftsethik ist.

Die Reaktionen in der Schweiz waren heftig. Empörte Politiker betitelten Thielemann als Nestbeschmutzer. In St. Gallen meldete sich der emeritierte HSG-Professor Franz Jaeger zu Wort. Er forderte die Entlassung Thielemanns – es sei denn, dieser «distanziert sich ein für allemal von seinen Aussagen». Sekundiert wurde der Ex-Nationalrat von Ulrich Forster, dem ehemaligen Präsidenten des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse: Thielemann habe sich zu einer «rein politischen Aussage» hinreissen lassen, und diese verdiene den Schutz der akademischen Freiheit nicht.

Ein «grober Fehler»

Am Montag folgte nun eine scharfe Rüge von HSG-Rektor Ernst Mohr, wie Thielemann ein Deutscher. «Es fällt mir schwer, in dieser Situation meinen Dozenten zu verteidigen», sagte Mohr dem «St. Galler Tagblatt». Thielemanns Auftritt vor dem Deutschen Bundestag sei «höchst naiv» und ein «grober Fehler» gewesen. Damit habe er «dem Image der Universität St. Gallen geschadet.» Eine Entlassung Thielemanns schloss der Rektor nicht aus: «Jeder Angestellte der HSG kann entlassen werden.»

Auf Nachfrage des TA betont Mohr allerdings, dass er eine Entlassung des Wirtschaftsethikers «eher für unwahrscheinlich halte». Um sich ein klareres Bild zu machen, wolle er sich zuerst das Bundestagsprotokoll beschaffen – «damit ich weiss, was Thielemann in Berlin genau gesagt hat». Dass er auf Druck aus Schweizer Wirtschafts- und Bankenkreisen handle, verneint Mohr: «Es gab keine direkten Druckversuche von aussen.»

«Allein der Wahrheit verpflichtet»

Mit Bedauern reagiert HSG-Professor Rainer J. Schweizer auf die Rüge des Rektors. Die St. Galler Behörden sollten von einer Intervention absehen, findet der renommierte Staatsrechtler: «Es gehört zur Freiheit des Wissenschaftlers, dass er öffentlich Dinge sagen kann, die unbequem sind und nicht zum Mainstream zählen.» Dies gelte in besonderem Masse für einen Ethikdozenten.

Laut Schweizer ist auch der Vorwurf verfehlt, dass sich Thielemann ausgerechnet im «Feindesland» kritisch zum Schweizer Bankgeheimnis geäussert habe. «Der Wissenschaftler ist allein der Wahrheit verpflichtet. Die Vorstellung, dass ein ausländischer Wissenschaftler Einschränkungen unterliegt, ist falsch.» Die Schweiz befinde sich mit Deutschland ja nicht im Kriegszustand. Und Thielemann habe in Berlin auch nichts völlig Falsches gesagt. «Vielleicht hätte er besser von einem «anderen Rechtsbewusstsein» der Schweizer gesprochen.» Aber mit dem Begriff «Unrechtsbewusstsein» habe er als Ethiker eben moralisch argumentiert.

SP hat Vorstoss eingereicht

Mit dem Fall wird sich auch die St. Galler Regierung beschäftigen müssen. Die SP hat zur «akademischen Freiheit an der HSG» einen Vorstoss eingereicht. Bildungsdirektor Stefan Kölliker wollte sich dazu am Montag nicht abschliessend äussern. Auch er warte das Wortprotokoll des Hearings im Deutschen Bundestags ab, sagte der SVP-Politiker, der als Präsident des Universitätsrats amtet.

Aber auch Kölliker kritisiert den Ethikdozenten: «In der sehr angespannten Situation zwischen der Schweiz und Deutschland hat er ein gewisses Fingerspitzengefühl vermissen lassen.» Thielemann selber zog es am Montag vor, zu schweigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2009, 00:22 Uhr

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58 Kommentare

Egon Stein

06.04.2009, 23:31 Uhr
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Das Bankgeheimnis ist ein Teilersatz für das Rohstofffreie Land Schweiz. Deutschland hat als Wettbewerbsvorteil offene Handelswege sowie eigene Rohstoffe, Auch deshalb muss jedes Land zum Schutz seines Wettbewerbs eigene,unantastbare Gesetzesregelungen haben. Dazu gehört auch das unlogische aber für die Schweiz unverzichtbare Bankgeheimnis.Egon Stein,Meggen Antworten


Pascal Scherrer

06.04.2009, 23:24 Uhr
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Schön wenn die akademische Freiheit auch zu einer angemessenen akademischen Leistung führen würde. Aber wie die meisten Studierten und vor allem Studierenden wissen und täglich erfahren müssen, sind viele Akademiker weder gut in der Forschung noch gut in der Lehre Es bleibt ihnen nichts anderes übrig sich sonst irgendwie in Szene zu setzen und das Resulat sieht man ja. Zürich grüsst St. Gallen. Antworten



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