Haben Schweizer Stromkonzerne Milliarden falsch investiert?

Mit der Energiewende haben sich die Pumpspeicherwerke vom sicheren Ertrag zum Risiko gewandelt. Die erneuerbare Energie dürfe nicht nur profitieren, sagt die Strombranche und weibelt gar für Subventionen.

Am Wasser gebaut: So funktioniert ein Pumpspeicherkraftwerk.<br />
Grafiken: TA-Grafik ib / Quelle: TA, Geschäftsberichte

Am Wasser gebaut: So funktioniert ein Pumpspeicherkraftwerk.
Grafiken: TA-Grafik ib / Quelle: TA, Geschäftsberichte

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Jahrzehntelang waren Pumpspeicherkraftwerke für Schweizer Stromfirmen ein sicheres Geschäft. Nachts pumpten sie Wasser mit billigem Importstrom in die Speicher hoch. Am nächsten Morgen und über Mittag, wenn die Nachfrage sehr hoch ist, liessen sie das Wasser zu Tal rauschen und verkauften den Strom zu Spitzenpreisen – vorab ins Ausland.

Das hat sich geändert: Die grosse Menge an Solar- und Windstrom zu den Spitzenzeiten sowie die tiefen Gaspreise für flexibel einsetzbare Gaskraftwerke lassen die Gewinne der Stromkonzerne schrumpfen. «Die Ertragssituation im Stromhandel hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert», sagt Kurt Rohrbach, Chef des Berner Energiekonzerns BKW und Präsident des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE).

Rentabililtät stehe in den Sternen

Es stehe in den Sternen, ob die neuen Pumpspeicherkraftwerke, die derzeit für Milliarden gebaut werden, je rentieren – oder subventioniert werden müssen, sagte Alpiq-Manager Pierre Guesry jüngst in einem von Alpiq in Auftrag gegebenen Video. Und forderte Unterstützung vom Staat. Um die Branche zu motivieren, in Pumpspeicher zu investieren, müsse ein Teil der Zuschüsse für erneuerbare Energien in deren Entwicklung fliessen, so Guesry.

Seine offenherzigen Aussagen sind mittlerweile aus dem Alpiq-Video entfernt worden, wie infosperber.ch herausgefunden hat. Von Subventionen will offiziell niemand reden. «Wir sagen nicht, dass man Pumpspeicher subventionieren muss», sagt Alpiq-Sprecher Martin Stutz. Doch just dafür lobbyiert die Branche in Bern. Das Bundesamt für Energie hat einen Forschungsauftrag ausgeschrieben, der klären soll, ob es «zusätzliche Anreize» für Pumpspeicher braucht, da die heutige Marktsituation «die Wirtschaftlichkeit vieler Anlagen infrage stellt».

Für die Stabilität notwendig?

Es sei zu begrüssen, wenn die Politik sich Gedanken mache, «dass es womöglich Unterstützungsmechanismen für Pumpspeicherkraftwerke braucht, wenn diese für die Netzstabilität notwendig sind, die nötige Rendite sich aber nicht ergibt», sagt Alpiq-Sprecher Stutz. Ob man die Mittel Zuschüsse, Förderungen oder Steuererleichterungen nenne, so ein BKW-Sprecher, sei sekundär.

Er sehe mehrere Lösungsansätze, sagt VSE-Präsident Rohrbach. «Solar und Wind sollten die Speicherung von Überschüssen mitfinanzieren.» Wie, müsse die Politik entscheiden. «Wenn die Bereitstellung von Wasserstrom für sonnen- und windarme Tage nicht angemessen entschädigt wird, müssen auch bei der Pumpspeicherung andere Finanzierungs- und Unterstützungsmodelle ins Auge gefasst werden.»

Milliarden falsch investiert?

Über zwei Milliarden Franken kostet das grösste Schweizer Pumpspeicherkraftwerk, das die Axpo im Glarnerland baut. Rund 1,8 Milliarden investiert Alpiq in die Pumpspeicheranlage Nant-de-Drance südwestlich von Martigny. Repower und BKW bereiten den Bau von Pumpspeichern für weitere zwei Milliarden Franken vor. Die Investitionsentscheide wurden lange vor Fukushima gefällt. Die Atomkatastrophe in Japan konnten die Energiefirmen nicht voraussehen. Dass Deutschland und die Schweiz daraufhin den Ausstieg aus der Atomkraft anpeilen würden, ebenso wenig.

Die Schwemme von Solar- und Windstrom in Deutschland, die den Schweizer Stromexporteuren immer mehr das Geschäft kaputt macht, hätten sie jedoch kommen sehen müssen. Deutschland fördert Solaranlagen und Windfarmen seit langem Jahr für Jahr mit Milliarden von Euro. 24,7 Gigawatt Leistung sind in Deutschland am Netz. Und Italien baut ebenfalls in Riesenschritten aus, bereits sind 12,5 Gigawatt Solarleistung am Markt. Allein 2011 wurden in Italien 9 Gigawatt installiert.

Was lange gut ging, ist vorbei

 Jahrzehntelang hatten sie sich darauf verlassen können, dass mit Wasserstrom aus der Schweiz am Morgen oder am Mittag, wenn der Verbrauch besonders hoch ist, Spitzenpreise erzielt werden. «Pumpspeicher waren in den Nullerjahren ein gutes Investment», so Alpiq-Sprecher Martin Stutz. Die Masse an erneuerbaren Energien macht den Schweizer Stromexporteuren das einst sichere Geschäft zunehmend kaputt. «Die Schwemme an Solarstrom setzt an sonnigen Tagen die Marge im Spitzenstrom aus Wasser unter Druck», sagt Kurt Rohrbach, Chef des Berner Energiekonzerns BKW und Präsident des Verbandes der Schweizerischen Energieunternehmen (VSE). Falle viel Sonnenstrom an, sei die Marge für Spitzenenergie über die Mittagseit weg. «Ist es bedeckt, ist Wasserstrom wieder gut genug, erzielt aber nur noch unwesentlich mehr Einnahmen.»

Das beschere der Schweiz im Stromhandel Mindereinnahmen von jährlich rund 100 Millionen Franken, rechnet Rohrbach. «Die subventionierte Solar- und Windenergie verdrängt nicht Atom und Kohle, sondern die Wasserkraft, was widersinnig ist.» Im Klartext heisst das, dass die Schweizer Energiefirmen nicht nur mit Pumpspeicherkraftwerken ein Konkurrenzproblem erhalten haben, sondern mit Wasserkraft generell.

Erdgas als weitere Konkurrenz

«Das Problem ist, dass die Bereitstellung von Strom aus Wasserkraft für sonnen- und windarme Tage nicht entschädigt wird», klagt Rohrbach. Das riesige Angebot an erneuerbaren Energienbewirkt, dass der Preisanstieg bei Verbrauchsspitzen wie am Mittag immer flacher ausfällt. Eine gefährliche Entwicklung, speziell für Pumpspeicher. Da rechnet es sich kaum noch, Wasser mit Importstrom hochzupumpen, da der Energieverlust bei diesem Vorgang immer noch zwischen 20 bis 25 Prozent ausmacht. Hinzu kommt, dass speziell die USA ein riesiges Überangebot an Erdgas produzieren. Gas kostet in Amerika nicht einmal halb so viel wie in Europa, weshalb ein Grossteil des Überschusses exportiert werden soll. Werden damit hoch flexibel einsetzbare Gaskraftwerke in den umliegenden Ländern just dann angeworfen, wenn hohe Preise locken, schmälert diese scharfe Konkurrenz die Margen für Spitzenstrom zusätzlich.

Prämie oder Zuschüsse

«Wir gehen nicht davon aus, dass sich die Lage rasch bessert», sagt Rohrbach. Es brauche jetzt «internationale Verhandlungen», um das Marktmodell zu ändern. «Wenn Sonne und Wind derart stark subventioniert werden, ist es schwierig, Pumpspeicherkraftwerke zu finanzieren.» Die Voraussetzungen für den Bau des Pumpspeicherkraftwerks Grimsel 3, an dem die BKW massgeblich beteiligt ist, hätten sich «verschlechtert». Er sehe mehrere Lösungsansätze, sagt der VSE-Präsident. Die erneuerbaren Energien müssten die Speicherung ihrer Überschüsse mitfinanzieren, «nicht nur bei Flaute von den Wasserspeichern profitieren». Wie dies umgesetzt werden soll, müsse die Politik entscheiden.

«Hohe Risiken» für Steuerzahler

Entweder gelinge es in Verhandlungen, für die Bereitstellung von Wasserstrom an sonnen- und windarmen Tagen eine «angemessene Entschädigung» zu vereinbaren, «oder es müssen auch bei der Pumpspeicherung andere Finanzierungs- und Unterstützungsmodelle ins Auge gefasst werden.»

Der «Bauboom» bei Pumpspeichern nehme eine gefährliche Wende, kritisiert Avenir Suisse, die Denkfabrik der Wirtschaft. Die bis zu sechs Milliarden Franken Investitionen seien «hohe Risiken» geworden, speziell für Steuerzahler, weil die Stromfirmen die Aussichten falsch eingeschätzt hätten. «Dass in der Schweiz die Kantone und damit die Steuerzahler als Eigner der Kraftwerke und Verbundunternehmen auftreten, ist in diesem Zusammenhang besonders kritisch», sagt Urs Meister, Energiespezialist von Avenir Suisse. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.09.2012, 06:57 Uhr)

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