Schweiz

Haben sich die Prognostiker verschätzt?

Von Daniel Foppa. Aktualisiert am 05.01.2010 2 Kommentare

Wie sicher ist eigentlich das offizielle Lawinenbulletin? Experten appellieren an die Selbstverantwortung.

Für viele Tourengeher ist das Bulletin des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung Davos (SLF) eine Art Lebensversicherung: Bei «sehr grosser» und «grosser» Gefahr bleiben sie zu Hause. Ist die Gefahr «erheblich», meiden sie Hänge, die steiler sind als 30 Grad. Bei «mässiger» Gefahr hingegen gibt es wie bei Stufe «gering» praktisch kein Halten mehr. «Mässig heisst nicht, dass alle Routen sicher sind», warnt Hans-Jürg Etter vom SLF. Auch dann gingen Lawinen nieder – etwa bei grosser Zusatzbelastung. Dies sei der Fall, wenn eine Gruppe ohne Abstände einen Hang quere oder wenn jemand stürze.

Mässige Lawinengefahr am Unglückstag

Laut dem SLF herrschte am Unglückstag im grössten Teil des Berner Oberlands mässige Lawinengefahr – im Unterschied zum Rest der Schweizer Alpen, wo praktisch überall «erheblich» galt. Für Montag erliess das SLF dann auch für das Berner Oberland die Stufe «erheblich». Hätte das nicht bereits auf Sonntag geschehen sollen? «Aufgrund unserer bisherigen Daten war ‹mässig› gerechtfertigt», sagt Etter. Unterdessen hätten Schnee, Wind und die Lawinen im Diemtigtal zu einer Neueinschätzung geführt. Das SLF überprüfe nun jedoch die Daten, die es zur Beurteilung des Unglückstags verwendet hatte. Das führt zur Frage, wie zuverlässig das Lawinenbulletin ist. «Wir liefern regionale Einschätzungen. Den einzelnen Hang können wir nicht beurteilen», sagt Etter.

Verfasst wird das Bulletin aufgrund von Daten, die aus der ganzen Schweiz in Davos eintreffen: 100 Stationen liefern Angaben zu Schnee, Wind und Temperatur. Täglich berichten zudem 150 Beobachter, wie sie die Lawinensituation in ihrer Region einschätzen. Die Beobachter kennen einander nicht und können sich nicht untereinander absprechen. Schliesslich bestimmen 60 Beobachter alle zwei Wochen mit Grabungen den Schneedeckenaufbau.

«Nicht nur auf uns verlassen»

Wenn nun wie am Sonntag praktisch überall eine erhebliche Gefahr besteht, wäre es dann nicht sicherer, diese Stufe flächendeckend auszurufen, anstatt einzelne Gebiete auszunehmen? «Wenn wir die Bulletins mit einer Sicherheitsmarge versehen, würde man uns nicht mehr ernst nehmen», sagt Etter.

Laut ihm wird jedoch über eine Verfeinerung der international gültigen Gefahrenstufen diskutiert. So räumt Etter ein, dass die Bezeichnung «mässig» zu unvorsichtigem Verhalten verleiten kann. Tatsächlich ereignen sich 30 Prozent aller Lawinenunfälle bei dieser vermeintlich sicheren Stufe. Zudem gebe es Bestrebungen, die Gefahrenstufe «gross» öfters anzuwenden. Oberste Regel sei jedoch, dass die Tourengeher die Situation vor Ort selber einschätzen: «Man kann sich nicht nur auf uns verlassen», betont der Experte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2010, 04:00 Uhr

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2 Kommentare

Heinz Fahrer

05.01.2010, 09:09 Uhr
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Am Unglückstag war ich im Diemtigtal auf einer Skitour , ohne von den nahen tragischen Abläufen etwas zu merken. Es gab 2 besondere Faktoren in dieser Region : 1. Lawinenstufe nur 2(mässige Gefahr), 2. sehr wenig Schnee auf Höhe der Grimmialp 1200m, viel Winderfrachtungen ab 1800m Höhe. Geringe Lawinenstufe und Schneemangel unten konnten falsches Sicherheitsgefühl und Fehleinschätzung erzeugen Antworten


Matthias Gurtner

05.01.2010, 14:53 Uhr
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Meines Wissens prognostizierte das Bulletin auf www.slf.ch vom 2.1.2010 ab 17 Uhr für den 3.1.2010 für das ganze Berner Oberland südlich von Thuner- und Brienzersee eine erhebliche Lawinengefahr (Stufe 3) ab 1800m in allen Expositionen. Nur für die Freiburger Voralpen sowie die Gebiete nördlich von Thuner- und Brienzersee galt eine mässige Lawinengefahr (Stufe 2) ab 1600m in allen Expositionen. Antworten



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