«Häufig klappt die Integration in der Oberstufe nicht mehr»

Therapiewahn an Schweizer Schulen? Sonderpädagogik-Expertin Beatrice Kronenberg sagt, wann die integrative Förderung von Sonderschülern Sinn macht. Und wie die Lehrer wirksam entlastet werden könnten.

«Vielen Kindern fehlen heute die Grundlagen für die Bewältigung des Alltags»: Blick in ein Schweizer Schulzimmer. (Archivbild)

«Vielen Kindern fehlen heute die Grundlagen für die Bewältigung des Alltags»: Blick in ein Schweizer Schulzimmer. (Archivbild) Bild: Keystone

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Frau Kronenberg, in den meisten Kantonen werden heute möglichst alle Schüler gemeinsam in der Regelschule unterrichtet. Integrieren statt Separieren: Macht das in jedem Fall Sinn?
Nein, das ist nicht immer sinnvoll. Mit dem Behindertengleichstellungsgesetz und dem Sonderpädagogik-Konkordat wurde aber die Beweislast umgekehrt: Früher musste begründet werden, warum die Regelklasse die bessere Lösung für ein Kind mit einer Behinderung ist. Heute muss gerechtfertigt werden, warum eine Sonderschulung geeigneter ist. Dieser Grundsatz bedeutet nicht, dass um jeden Preis integriert werden soll.

Wann ist eine Sonderschulung besser für ein Kind?
Dafür gibt es keine allgemeine Regel. Bei der Entscheidung sollen immer das Wohl des Kindes sowie die Situation in der Schule und zu Hause miteinander abgewogen werden. Jeder Fall muss einzeln und regelmässig neu beurteilt werden. Es gibt durchaus Gründe, die für den Besuch einer Sonderschule sprechen. Eine entscheidende Rolle spielt etwa die Tragfähigkeit der Regelschule: In Gemeinden, die in der Schulentwicklung weit vorangeschritten sind, ist die Integration einfacher umzusetzen als in Ortschaften, die diese Arbeit noch nicht geleistet haben. Eine Schule in einer Gemeinde, die auf die Zusammenarbeit mit den Eltern zählen kann, ist tragfähiger als jene in einer belasteten Umgebung. Manchmal ist eine Sonderschule auch besser für ein Kind, weil sie besser ist für das familiäre Umfeld. Ich denke dabei zum Beispiel an alleinerziehende Eltern, die den strukturierten Tagesablauf schätzen. Zurzeit werden aber sicher noch zu viele Kinder in Sonderschulen unterrichtet.

Unser Beispiel zeigt: In einem sozioökonomisch schwierigen Umfeld in einer Agglomerationsgemeinde stösst die schulische Integration an Grenzen. Müsste in solchen Schulen nicht davon abgesehen werden?
Gerade nicht! Doch genau dies ist leider oft der Fall. Migrantenkinder aus sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen sind in den Sonderschulen überrepräsentiert. Sie befinden sich nicht dort, weil sie behindert, sondern weil sie sozial benachteiligt sind. Die schulische Integration öffnet ihnen auch die Integration in die Gesellschaft.

In der Regelklasse erhalten die integrierten Sonderschüler Unterstützung. Dadurch wird sichtbar, dass sie mehr Hilfe bedürfen als ihre Mitschüler. Das ist doch auch eine Form der Separation.
Darüber streiten sich die Fachleute. Fakt ist: Ob eine sonderpädagogische Betreuung in der Regelklasse ausschliessend wirkt, hängt davon ab, wie sie umgesetzt wird. Wenn die Heilpädagogin mit kleineren Schülergruppen statt mit einem einzelnen Kind arbeitet, kann man sicher nicht von Separation sprechen. Wenn aber ein Schüler durchgehend ein individualisiertes Programm hat und nur sehr eingeschränkt am Klassenleben teilnimmt, handelt es sich um eine Art Separation in der Integration. Dann finde ich persönlich die Sonderschule die sinnvollere Lösung.

Ehemalige Kleinklassen- und Sonderschüler gehören in der Regelklasse zu den schwächsten; häufig sind sie mit zunehmendem Alter auch sozial nicht mehr gut integriert. Was macht diese Erfahrung mit den Kindern?
Soziale Isolierung tut einem Kind nicht gut. Deshalb ist es für Lehrer und Eltern wichtig, die Situation nüchtern zu beobachten. Was die beste Lösung für ein Kind ist, kann sich im Laufe der Jahre nämlich verändern: Häufig klappt die Integration in der Unterstufe gut, in der Oberstufe jedoch nicht mehr – weil die Selektion unser ganzes Gesellschaftssystem stark prägt. Das ist eine grosse Baustelle, die uns noch viele Jahre beschäftigen wird. Aber eine separative Schulform kann in solchen Fällen auch integrierend wirken: Viele Sonderschulen richten ihr Programm auf eine möglichst gute Integration in die Gesellschaft aus.

In unserem Beispiel sagen die Lehrpersonen, sie fühlten sich allein gelassen mit der schulischen Integration. Das System sei eingeführt worden, aber man habe vergessen, sie darauf vorzubereiten.
Das darf nicht sein – dafür ist die integrative Förderung zu anspruchsvoll. Die Lehrpersonen müssen geschult und begleitet werden. Zudem muss ihnen der Druck genommen werden: Die Schule kann nicht alles richten. Integrative Schulung erfordert jahrelangen Einsatz auf allen Ebenen.

Umfrage

Gehören Sonderschüler in die Regelklasse?

Ja.

 
12.6%

Ja, aber nur in leistungsstarken Klassen.

 
8.1%

Nein.

 
73.6%

Ich weiss nicht.

 
5.7%

2046 Stimmen


Aber damit die Lehrer wissen, wie sie mit behinderten Kindern umgehen müssen, bräuchte es eine grundlegende Reform ihrer Ausbildung. Wurde genug getan, um sie darauf vorzubereiten?
Nein. Es gibt diesbezüglich aber auch einen Unterschied zwischen den Generationen: Heute lernen die Studenten an den Pädagogischen Hochschulen den Umgang mit Diversität im Klassenzimmer. Das war in der Ausbildung der älteren Lehrpersonen nicht immer der Fall. Die Schwierigkeit dabei ist, dass eine Weiterbildung an einigen Nachmittagen nicht ausreicht, um mit heterogenen Klassen zu arbeiten. In diese Rolle müssen die Lehrer hineinwachsen.

Die Lehrer werden nur in gewissen Lektionen von Heilpädagogen entlastet. Reicht diese Unterstützung?
Das Problem ist, dass im heutigen System Förderstunden für einzelne Schüler gesprochen werden. Das heisst, nur wenige profitieren davon. Wenn diese Ressourcen addiert würden, gäbe das viel mehr Stunden, in denen Teamteaching möglich wäre. Hier bräuchte es dringend ein Umdenken: Wenn die Ressourcen der Klasse statt dem Kind zustünden, kämen sie allen zugute. Einzeltherapien und -massnahmen sollten zwar nicht ganz verschwinden, aber tendenziell abnehmen.

Seit die integrative Förderung eingeführt wurde, hat sowohl die Zahl der Sonderschüler als auch der sonderpädagogisch betreuten Kinder stark zugenommen. Ist das Fördersystem ausser Kontrolle geraten, herrscht in den Schweizer Schulen Therapiewahn?
Ich würde es nicht Therapiewahn, sondern eine Angebot-Nachfrage-Dynamik nennen. Würden die Ressourcen für sonderpädagogische Massnahmen vermehrt kollektiv den Klassen zugeteilt, würde die Nachfrage nach Einzeltherapien abnehmen. Die Zunahme der Therapien hat mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun: Ein Purzelbaum, miteinander reden oder die Eingliederung in eine Gruppe Gleichaltriger fällt heute vielen Kindern schwer, weil sie eine andere familiäre Sozialisation durchleben als frühere Generationen. Ihnen fehlen die Grundlagen für die Bewältigung des Alltags. Immer weniger Kinder schaffen es deshalb ohne Stütze durch die Schulzeit. Frühe Sozialisation kann viel mehr ausrichten als spätere «Reparatur». Hier sollten wir investieren. Das würde die Schule und deren Therapieangebot enorm entlasten.

Die zahlreichen Kinder, die eine Stütze brauchen, absorbieren viel Aufmerksamkeit der Lehrer. Kommen die stärkeren Schüler dabei zu kurz?
Diese Gefahr besteht durchaus. Die Lehrer und Heilpädagogen müssen dieser Tendenz bewusst entgegenwirken, indem sie beispielsweise bei Besprechungen nicht nur die Defizite der schwachen Schüler thematisieren, sondern sich auch über die Fähigkeiten der ganzen Klasse Gedanken machen. Die Forschung zeigt aber, dass die Leistung der begabten Kinder in integrativen Settings nicht leidet.

In einer integrierten Klasse gibt es die schwachen und die starken Schüler. Doch das Mittelfeld – immerhin der grösste Teil einer Klasse – wird nicht speziell gefördert und muss um die Aufmerksamkeit der Lehrer buhlen. Welche Folgen hat das?
Das ist die grosse Herausforderung: Diese Schüler haben zu wenige Defizite, um den Sonderschulstatus zu erhalten, sind aber auch zu wenig stark, um den Unterricht ohne Unterstützung zu meistern. Aus den skandinavischen Ländern lernen wir, dass es sich besonders lohnt, sich dieser Gruppe anzunehmen. Das Bewusstsein für das Problem des Mittelfelds zeigt, dass wir heute an einem anderen Ort stehen als noch vor zehn Jahren: Die Integrationsdiskussion verläuft nicht mehr schwarz-weiss – nun sind wir in den feineren Schattierungen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.05.2015, 11:03 Uhr)

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#Schulewohin

Beatrice Kronenberg ist Direktorin der Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik (SZH) in Bern. Die ehemalige Sonderschullehrerin und Psychotherapeutin leitete eine Einrichtung für körperbehinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Kronenberg hat am Sonderpädagogik-Konkordat mitgearbeitet.

Schulische Integration

Die Sonderschüler in die Regelklassen zu integrieren, entspricht einem politischen Auftrag: Das Behindertengleichstellungsgesetz sowie vielerorts auch die Volksschulgesetze verpflichten die Kantone dazu. Mehr integrativer Unterricht, deutlich weniger Separation in Sonderschulen und Kleinklassen, lautet die Vorgabe. In diesem Prozess sind die Kantone unterschiedlich weit fortgeschritten. Um überall ein vergleichbares Angebot für Kinder mit (Lern-)Behinderungen zu gewährleisten, trat 2011 ein Sonderpädagogik-Konkordat in Kraft. Bislang sind 16 Kantone beigetreten, darunter auch Zürich.

Bei der schulischen Integration unterscheiden die meisten Gemeinden zwischen integrativer Förderung (IF) für Kinder mit Lernschwächen oder leichten Verhaltensauffälligkeiten und integrativer Schulung (IS) für Kinder mit einer stärkeren geistigen oder körperlichen Behinderung sowie starken Verhaltensauffälligkeiten. (rbi)

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